POLITIK
13/04/2016 09:47 CEST | Aktualisiert 18/04/2016 15:02 CEST

Putins Honigfallen: So sichert sich Russlands Präsident systematisch Einfluss bei deutschen Politikern

  • Russland-Experte Boris Reitschuster erklärt, wie Putin Einfluss auf deutsche Politiker ausübt

  • Auch Horst Seehofers Gunst soll vom Kreml gezielt gekauft worden sein

  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text gibt Reitschuster im Video oben

Es war ein Besuch, der viele Beobachter stutzig machte.

Inmitten diplomatischer Verwerfungen zwischen Deutschland und Russland reiste der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer nach Moskau. Er wollte Präsident Putin treffen - zu einem Zeitpunkt, der ungünstiger nicht sein konnte.

Nur Tage zuvor wurde publik, wie russische Staatsmedien die Vergewaltigung einer jungen Russlanddeutschen durch Flüchtlinge erfanden. Proteste im ganzen Land waren die Folge. Ganz zu schweigen davon, dass die deutsch-russischen Beziehungen durch Sanktionen ohnehin angespannt sind, gegen die sich Seehofer stark macht.

In Berlin wurde der Besuch als außenpolitischer Supergau empfunden. Im Kreml hingegen muss man sich über den Besuch diebisch gefreut haben.

Der Fall ist eines von vielen Beispielen, wie die russische Regierung in Deutschland durch gezielte Störfeuer für Unruhe sorgt. Kreml-Experte Boris Reitschuster nennt sie in seinem neuen Buch (15. April, Econ-Verlag) Honigfallen, in die auch Horst Seehofer getappt sein könnte.

"Der Kreml gibt großzügige Gefallen an Politiker, durch die gewisse Verbindlichkeiten entstehen. So spielt Putin sie aus wie Schuljungen, die zu dumm und zu naiv sind, das zu verstehen", sagt Reitschuster im Gespräch mit der Huffington Post. “Mit jemandem, dessen Strategie die hybride Kriegsführung ist, ist eine solche Dummheit sträflich. Im Kreml lacht man deswegen auch über viele deutsche Politiker. Die gelten als Milchbubis, mit denen man schon fertig wird.”

Seehofers Honigfalle soll der Kreml dem bayrischen Ministerpräsidenten im September 2009 gestellt haben. Damals spekulierten Medien über die "geheimnisvollen Retter der Raffinerie Ingolstadt" - in Seehofers Wahlkreis. In Reitschusters Buch heißt es:

"Nach der Insolvenz des Betreibers Petroplus übernahm Gunvor den oberbayerischen Betrieb mit seinen 400 Mitarbeitern, Seehofer konnte seinen Wählern vor Ort gute Nachrichten präsentieren. Einer der Miteigentümer von Gunvor ist Gennadi Timtschenko, der Putin-Vertraute, den Kritiker für seinen Strohmann halten, was er selbst bestreitet. In Geheimdienstkreisen gilt Wladimir Putin als der eigentliche Eigentümer der Raffinerie; man habe sie gezielt gekauft, um damit auf Seehofer einzuwirken – eine Art “Honigfalle”, nur mit Öl gefüllt statt mit dem Bienensaft."

Die Firma Gunvor bestreitet gegenüber der Huffington Post die Vorwürfe:

"Die von Ihnen erwähnte Vermutung durch den “Kreml-Experten” Boris Reitschuster, dass der russische Präsident Wladimir Putin in irgendeiner Form an der Ölhandelsfirma Gunvor (und damit auch an der Raffinerie Ingolstadt) mit Sitz in der Schweiz beteiligt gewesen sei oder ist, entbehrt jeder Grundlage. Wir halten fest, dass Präsident Putin über keine wirtschaftlichen oder sonstigen Eigentumsrechte an Gunvor verfügt und auch in der Vergangenheit niemals verfügte."

An sich bedenklich sind ausländische Investitionen in pleitebedrohte Unternehmen nicht. Solche gibt es zuhauf.

“Bedenklich wird es aber dann, wenn Konzerne agieren, die von einem Staat als wirtschaftliche Waffe eingesetzt werden”, sagt Reitschuster im Gespräch mit der Huffington Post. "Und bedenklich wird es auch dann, wenn man sich anschaut, wie massiv sich Seehofer als Putin-Verteidiger exponiert hat und der Kanzlerin in den Rücken gefallen ist."

Die Raffinerie soll nur eine von zahlreichen Objekten des Putins in Deutschland sein. Das Münchner Palais an der Oper soll im Oktober 2012 für 300 Millionen Euro an einen engen Freund Putins gegangen sein. Ähnliches passierte mit Edelhotels in Frankfurt und Berlin.

Reitschuster schreibt in seinem Buch auch von anderen Honigfallen für Politiker.

  • Von einem ähnlichen Fall wie in Ingolstadt berichtet Reitschuster in Brandenburg, dem Revier des ehemaligen SPD-Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. Dort habe sich ein Konzern, der von einem Putin-Intimus kontrolliert wird, ein Kontrollpaket an der Raffinerie in Schwedt übernommen.

  • Außerdem sei ein deutscher Minister in einer Krisensituation nach Moskau gereist. "Dort wurden ihm dann Fotos von ihm mit einer sehr jungen Dame in sehr verfänglicher Pose gezeigt - woraufhin seine Position sehr schnell eingeknickt ist.” Um welchen Minister es sich handelt, sagt Reitschuster nicht.

  • Und Gerhard Schröder konnte in Russland zwei Kinder adoptieren, "was ihm ohne Beziehungen ganz nach oben wohl kaum gelungen wäre – und wohl auch nicht in Deutschland nach geltender Rechtspraxis, aufgrund seines fortgeschrittenen Alters", schreibt Reitschuster in seinem Buch. Heute sitzt Schröder im Gazprom-Aufsichtsrat und macht kein Geheimnis daraus, dass er russische Interessen vertritt.

  • Österreichs Bundespräsident Thomas Klestil bekam bei seiner Reise 2004 die beiden Welpen "Olga" und "Orchideja" von Putins Lieblingshündin "Conny" mit auf den Weg – und zeigte sich prompt sehr angetan von der Arbeit seines Moskauer Kollegen: "Putins Bilanz kann sich sehen lassen ... die Richtung stimmt."

Immun gegen solche Manöver sei hingegen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Warum, erklärt Reitschuster im Video (oben).

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