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12/04/2016 13:11 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 10:37 CEST

Wenn Muttersein nicht glücklich macht: Das Phänomen Regretting Motherhood

Winter, Washington state
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Winter, Washington state

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Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, gestiegen ist und noch weiter steigen wird. Dies liegt nicht nur daran, dass die Mutterrolle in den letzten 20 bis 30 Jahren immer schwieriger zu erfüllen geworden ist. Es liegt auch an der Diskrepanz zwischen Trugbild und Realität. Und vor allem verstärkt sich der Reueeffekt durch die Diskrepanz zwischen der Erziehung der jungen Mädchen und den Erfordernissen der aktuellen Mutterrolle.

Die Aspekte Selbstlosigkeit, Aufopferungsbereitschaft und Unterordnung unter die Interessen anderer verlieren zunehmend an Bedeutung in der Erziehung der Mädchen. Stattdessen wird es immer wichtiger, sie zu starken, selbstbewussten und eigenständigen Personen heranwachsen zu lassen.

Aufopferung und Selbstlosigkeit

Werden sie jedoch später Mutter, so wird nach wie vor von ihnen jene Aufopferung und Selbstlosigkeit erwartet, die in früheren Generationen Hauptmerkmal der Erziehung weiblicher Kinder war. Moderne, emanzipierte Frauen treffen in dem Moment, in dem sie Kinder bekommen, auf veraltete, traditionelle Rollenvorstellungen.

Es wundert nicht, dass die Enttäuschung dann groß ist und dass die Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, sich wie in einem Käfig fühlen. Ganz nach dem Motto: "Erst bringt man ihnen das Fliegen bei, und dann stutzt man ihnen die Flügel."

Ein nicht zu unterschätzender Faktor, der Einfluss auf das Reueempfinden bei Müttern hat, ist die Schwierigkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Fast alle bereuenden Mütter geben an, einer der Gründe dafür, dass sie die Zeit gern zurückdrehen und keine Kinder bekommen würden, seien die Auswirkungen auf ihre Berufstätigkeit. Es gibt mehrere Aspekte, die die Vereinbarkeit von Job und Familienleben erschweren.

Das erste Problem, vor das sich Schwangere und Mütter gestellt sehen, ist zunächst der berufliche Ausstieg. Viele Arbeitgeber reagieren nicht freundlich und wohlwollend, wenn eine Arbeitnehmerin verkündet, schwanger zu sein.

Als Nächstes stellen Mütter in den meisten Regionen fest, dass es nach wie vor nicht einfach ist, einen Betreuungsplatz zu bekommen. Es ist sehr schwer, für Kinder unter einem Jahr eine geeignete Betreuung zu finden. Auch sind die Betreuungszeiten vielerorts absolut arbeitnehmerunfreundlich. Auf Kindergartenfeiern ist es unter Eltern daher ein Running Gag: Ein Vollzeit-Kitaplatz reicht nicht, um ganztags arbeiten zu gehen, und ein Halbtags-Kitaplatz reicht nicht, um halbtags arbeiten zu gehen.

Beruflicher Wiedereinstieg schwierig

Doch selbst wenn der gewünschte Betreuungsplatz ergattert wurde, bleibt der berufliche Wiedereinstieg vermintes Terrain. Die Arbeitszeitmodelle sind längst nicht überall flexibel. Immer wieder ziehen Arbeitgeber Zusagen zu Beförderungen oder zu einem bestimmten Teilzeitmodell zurück, die sie zuvor gemacht hatten.

Hat der Wiedereinstieg begonnen, stellt sich schnell das nächste Problem ein: Was tun, wenn die Kinder krank sind? Viele Arbeitnehmer haben die Möglichkeit, zehn Arbeitstage pro Jahr und pro Kind zu Hause zu bleiben, wenn das Kind krank ist. Diese Regelung scheint absurd. Weshalb sollten Kinder nur unter einer bestimmten Anzahl von Tagen krank sein dürfen, wenn dies für Erwachsene nicht gilt?

Gerade in den ersten Jahren, wenn die Kinder frisch bei der Tagesmutter oder in der Krippe sind und von dort auch gerne Krankheiten mit nach Hause bringen, stellen viele Eltern fest, dass zehn Tage (oder 20 von beiden Elternteilen) lächerlich wenig sind. Und die Anzahl der Großmütter, die selber nicht berufstätig sind und in der Nähe des Enkelkindes wohnen, sinkt aufgrund der wachsenden Mobilität der jungen Menschen und der zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit

in Deutschland von Jahr zu Jahr.

Genügend Beschäftigte haben jedoch nicht mal diese zehn Tage. Viele haben auch Verträge und Regelungen, wonach sie lediglich vier (!) Tage im Jahr bei einem kranken Kind zu Hause bleiben können. Das ist nicht mal eine Woche! Eltern müssen also permanent improvisieren und jonglieren.

Arbeitgeber und Kollegen sind dann auch noch mürrisch und unzufrieden, wenn die Kollegin mal wieder wegen eines kranken Kindes nicht am Arbeitsplatz erscheinen konnte. Mütter strampeln sich hier häufig ab, reiben sich auf und haben es am Ende scheinbar niemandem recht gemacht.

Des Weiteren spüren Mütter schnell, dass sie sich von dem Wunsch nach einer Beförderung, einer beruflichen Weiterentwicklung oder einer Zusatzqualifikation verabschieden müssen. Schon vor der Mutterschaft werden Frauen im Beruf aufgrund ihrer Gebärfähigkeit häufig diskriminiert, müssen sich bei Bewerbungsgesprächen trotz gesetzlichen Verbots oft genug indiskrete Fragen nach ihrer Familienplanung gefallen lassen, werden nicht befördert, "weil die ja jetzt eh irgendwann Kinder kriegt".

Nach Geburt richtig schwierig

Nach der Geburt wird es allerdings erst richtig schwierig, die Geschlechterungerechtigkeit trifft sie mit voller Wucht. Mütter werden oft auf dem "Abstellgleis" geparkt, mit unbefriedigenden Routineaufgaben beschäftigt, nicht mehr in interessante Projekte eingebunden ("Das ist in Teilzeit ja doch nicht zu schaffen" – "Die fehlt doch eh andauernd wegen des Kindes" – "Die ist nicht mehr mit ganzem Herzen dabei"), nicht mehr gefordert und gefördert, geschweige denn befördert. Einen guten neuen Job finden? So gut wie unmöglich. Beispiel gefällig? Eine hoch qualifizierte Mutter bewarb sich bei einer deutschen Hochschule als Gleichstellungsbeauftragte.

Aus ihrer Bewerbung ging nicht hervor, dass sie Mutter war, und tatsächlich lud man sie zum Gespräch ein. Das Vorstellungsgespräch wurde von der Gleichstellungskommission geleitet, die an der Hochschule eben gerade dafür zuständig ist, sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter und die Familienfreundlichkeit einzusetzen.

Das Gespräch lief zunächst sehr gut, die Bewerberin erhielt viel Anerkennung für ihreQualifikationen, Leistungen und ihre sicheren und kompetenten Antworten. Dann jedoch kam die familiäre Situation zur Sprache und sie gab an, dass sie zweifache Mutter sei. Ab diesemMoment drehte sich das Gespräch nur noch um das Muttersein der Bewerberin.

Es wurde gefragt: "Wie wollen Sie diese Stelle denn schaffen mit zwei Kindern?" Die Bewerberin verwies auf all das, was sie die letzten Jahre ja bereits sehr erfolgreich mit Kindern geleistet hatte, und betonte, dass die Kinder ganztags in der Kita und Schule seien, der Vater überaus engagiert die Kinder betreue und auch darüber hinaus ein großes Netzwerk von Großeltern und Babysittern bestünde, sodass man sich deswegen wirklich keine Sorgen machen müsse.

Daraufhin kam nochmals von der Vorsitzenden der Kommission der Einwand: "Das überzeugt mich nicht. Ich habe immer noch große Zweifel daran, dass Sie dieser Stelle mit Ihren Kindern gerecht werden können." Die Mutter wurde abgelehnt, aber dazu aufgefordert, sich doch das nächste Mal auf eine einfache Teilzeit-Hilfsstelle zu bewerben.

Diskriminierung der Mütter

Diese Diskriminierung einer Mutter durch eine Gleichstellungskommission, die sich nun gerade gegen derartige Diskriminierungeneinsetzen soll, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die berufliche Entwicklung von Müttern erhält nicht nur einen Knick, sie nimmt einen völlig anderen Verlauf als bei Kinderlosenund wird oft nicht im Mindesten als zufriedenstellend angesehen. Daran, dass dies auch ihre Rente sehr negativ beeinflussen wird, mögen viele zu dem Zeitpunkt erst gar nicht denken.

Mütter sollten eben nicht berufstätig sein, sie sind schließlich Mütter, argumentiert so mancher angesichts all diese Probleme nach wie vor. Diese Ansicht ist im 21. Jahrhundert wenig zeitgemäß und verkennt alle emanzipatorischen Entwicklungen der letzten 150 Jahre. Frauen haben Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten, die junge Frauengeneration ist gut ausgebildet und beruflich ehrgeizig.

Es gibt keinen objektiven Grund, warum sie nicht dasselbe Recht haben sollten wie Männer, sich beruflich zu verwirklichen. Rein formal wird ihnen dieses Recht auch zugestanden – aber eben nur, bis sie Mütter sind und damit ihre "eigentliche Aufgabe" wahrnehmen. Und das sollen sie gefälligst gerne tun, denn es ist eben viel wichtiger und befriedigender als eine "egoistische" berufliche Selbstverwirklichung, so wird immer wieder suggeriert.

Oder eben auch durch politische Entscheidungen ganz konkret befördert. Die Wünsche der Frauen werden hierbei ignoriert – und auch so manche wirtschaftliche Realität, denn für viele junge Familien ist es rein finanziell völlig unmöglich, dass die Frau über einen längeren Zeitraum nicht erwerbstätig ist, selbst wenn sie es so wollte.

Viele der bereuenden Mütter beschreiben ihre Enttäuschung über die Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Beruf und Familie. Zudem sind sie erschöpft und ausgelaugt durch das permanente Jonglieren und das stetige Zusammenführen so vieler verschiedener Fäden, die dann auch noch ständig reißen.

Vereinbarkeitsmanagement

Die Soziologie nennt dies Vereinbarkeitsmanagement. Es handelt sich dabei um das tägliche Zusammenführen aller Aufgaben und Termine der Familienmitglieder. In einer vierköpfigen Familie mit zwei berufstätigen Eltern, die unterschiedliche Arbeitszeiten haben, und zwei Kindern, die unterschiedliche Kindergarten- und Schulzeiten haben, entsteht ein großer Organisationsbedarf.

Die Zeiten ändern sich oft von Tag zu Tag. Freizeitaktivitäten wie Handballtrainingszeiten oder Yogakurse müssen berücksichtigt werden, aber auch besondere unregelmäßige Termine wie Arzttermine, Konferenzen, Elternabende, Schulfreizeiten, Kindergartenfeste, Geburtstage etc. müssen ebenfalls eingeplant werden.

Meistens bleiben diese Management-Aufgaben an den Frauen hängen – für eine berufstätige junge Mutter wird so oft jeder einzelne Tag zum logistischen Kraftakt. Diese Sisyphos-Aufgaben, die nie enden und die oft noch mehrfach umorganisiert werden müssen, bringen manche Mutter bis kurz vor den Burn-out.

Die Zahl der Mütter, die in den letzten Jahren eine Mutter-Kind-Kur beantragt haben, ist deutlich gestiegen. Und auch das Müttergenesungswerk stellte auf seiner Jahrespressekonferenz im Juni 2015 fest:

Ursache für die gesundheitlichen Probleme von Müttern sind unter anderem die Diskrepanz zwischen den Erwartungen, die emanzipierte Frauen heutzutage an die Gesellschaft und ihre Partner haben, und den Erwartungen, die die Gesellschaft und Familie wiederum an die Frauen hat.

Die heutige Frauengeneration wünscht sich Gleichberechtigung im Arbeitsleben und eine gerechte Arbeitsteilung mit dem Partner. Das alles scheint (mit einigen Abstrichen) inzwischen meist sogar möglich – für kinderlose Frauen. Sobald das erste Kind geboren wird, greifendie traditionellen Rollenmuster und Mütter müssen ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Wenn Muttersein nicht glücklich macht: Das Phänomen Regretting Motherhood von Christina Mundlos

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