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12/04/2016 06:28 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 11:25 CEST

Bushido rastet wegen Böhmermann-Satire aus - und wirft dabei bedeutende Frage auf

  • Eine Zusammenfassung des Falls seht ihr im Video oben

Jan Böhmermann spaltet Deutschland. Die einen lieben ihn für seine Satire, die anderen verabscheuen, was er tut. Als er ein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan verlas, rief er sogar Bushido auf den Plan. Der hat seine ganz eigene Meinung zu dem Fall.

Es gibt wieder jemand Coolen in Deutschland. Einen, der sich was traut, und der - anders als wir - sogar gegen Staatspräsidenten wettert. Dieser jemand ist Jan Böhmermann. Und er wird verehrt. In den sozialen Medien und darüber hinaus. Von sehr vielen. So fühlt es sich an. Und für was? Für ein Gedicht.

Der TV-Moderator hatte in seiner Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ eine Schmähkritik über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan verfasst - bezeichnete ihn dort als Pädophilen und Sodomisten - letztlich als „Ziegenficker“. Nun, ja.

"Ist man ein Böhmermann, ist es Kunst, ist man Rapper, landet es auf dem Index"

Applaus von vielen Seiten, gerade auch von Künstlern. Doch es gibt jemanden, der nicht klatscht und mit einem einfachen Tweet mit 140 Zeichen eine bedeutende Frage aufwirft. Die nach der Vergleichbarkeit.

Bushido schreibt: "Ist man ein Böhmermann, ist es Kunst, ist man Rapper, landet es auf dem Index. Fickt Euch, Ihr Feuilleton-Lutscher!!!"

Böhmermanns Erdogan-Kritik lässt sich nicht vollends mit Bushidos Wowereit-Diss vergleichen

Der Rapper meint damit unter anderem seinen zeitweise indizierten Song "Stress ohne Grund", in dem er mehrere Politiker wie Klaus Wowereit, Claudia Roth und Serkan Tören beleidigte. Er verwendete Liedzeilen wie "Du wirst in Berlin in deinen Arsch gefickt wie Wowereit" oder "Ich will, dass Serkan Tören jetzt ins Gras beißt". Wowereit und Tören hatten sogar Strafanzeigen erstattet. Zur Anklage kam es nicht.

Nun muss man weder Fan von Bushido noch von seiner Ausdrucksweise sein. Ob Böhmermanns Satire-Text mit Bushidos Rap-Texten gleichzusetzen ist, darüber kann diskutiert werden. Betrachtet man das große Ganze wie Erdogans Einschränkung der Meinungsfreiheit, sind sie kaum vergleichbar, doch blickt man auf die verwendete Sprache beider Künstler, dann eben doch.

Der eine wird dafür gefeiert, der andere dafür verachtet

Gehen wir nun davon aus, dass sich Satire- und Musik-Dichtung zu Kunst zählen lassen, kommt man nicht drum herum, darüber nachzudenken, wie viel Wahrheit in Bushidos Aussage steckt. Wann ist Kunst Kunst - und wann ein strafrechtlicher Tatbestand? Und: Wird in Deutschland Kunst mit zweierlei Maß gemessen? Je nach Gesellschaftsfähigkeit, Akzeptanz oder Intellektuellen-Attitüde?

Böhmermann und Bushido - zwei, die im Namen der Kunst Politiker beleidigen. Der eine wird dafür gefeiert, der andere dafür verachtet.

"Verrohend und diskriminierend" = "geschmacklos und beleidigend"?

DIe türkische Regierung zumindest verlangt strafrechtliche Konsequenzen gegen den Satiriker Böhmermann - wegen Beleidigung eines ausländischen Staatschefs. Die Bundesregierung ist im Moment dabei, das zu prüfen. Böhmermann drohen dabei bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

Gegen Bushido wurde schon oft ermittelt. Neben den Anzeigen von Politikern sind viele von Bushidos Songs sind indiziert. Das heißt, sie wurden als jugendgefährdend eingestuft und werden nicht mehr an Jugendliche verkauft. Die Jugendschutzbehörde urteilte vor drei Jahren, dass beispielsweise Bushidos Song „Stress ohne Grund“ verrohend wirke, zu Gewalt anrege und Frauen und Schwule diskriminiere.

Zu Böhmermanns Schmähkritik schreibt Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner in einem offenen Brief: „In Deutschland brach eine Art Staatskrise aus, nur weil Sie Herrn Erdogan als 'Ziegenficker' bezeichnet haben. Dass Ihr Gedicht geschmacklos, primitiv und beleidigend war, war ja - wenn ich es richtig verstanden habe - der Sinn der Sache“.

Wird hier "verrohend und diskriminierend" verurteilt und "geschmacklos und beleidigend" toleriert?

Er habe eindrucksvoll gezeigt, wo die Grenzen der Satire in Deutschland sind

"Der Sinn der Sache." Das könnte auch Bushido argumentieren. Tut er auch. Er sagte damals über seinen Song gegenüber FOCUS Online: "All das, was dort zu sehen ist, ist für mich als Gangsta-Rapper oder Rapper an sich völlig alltäglich. Ich habe auch schon sehr oft in meinen Texten Dinge erwähnt, die eventuell für viele Leute nicht in Ordnung sind."

Und Böhmermann? Der schrieb einen Tag nach der Schmähkritik auf Facebook gewohnt ironisch: "Ich denke, wir haben heute am 1. April 2016 gemeinsam mit dem ZDF eindrucksvoll gezeigt, wo die Grenzen der Satire bei uns in Deutschland sind. Endlich! Sollte ich bei der gebührenfinanzierten Erfüllung meines pädagogischen Auftrags die Gefühle eines lupenreinen Demokraten verletzt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung."

Das ZDF distanzierte sich von dem Schmähgedicht, löschte den Beitrag sogar aus der Mediathek: „Wir sind bekannt dafür, dass wir bei unseren Satire-Formaten breite Schultern haben und den Protagonisten große Freiräume geben. Aber es gibt auch Grenzen der Ironie und der Satire. In diesem Fall wurden sie klar überschritten", hieß es.

Unterschiedliche Formen der Kunst mit zweierlei Maß zu messen, ist jedoch klare Doppelmoral

Mittlerweile ist Jan Böhmermann auf Tauchstation gegangen. Eine Einladung zu "Anne Will" am Sonntagabend schlug er aus. Seine Satire-Sendung "Sanft & Sorgfältig" ließ er ausfallen.

Dabei muss sich Deutschland gerade jetzt fragen, was Kunst ist und was nicht. Anecken wird Kunst immer. Und das ist auch gut und richtig. Kunst mit zweierlei Maß zu messen, ist jedoch klare Doppelmoral. Denn eins wird in der ganzen Diskussion um Böhmermann deutlich: Beleidigungen unter dem Deckmantel der Satire sind offenbar gesellschaftsfähiger als Beleidigungen unter dem Deckmantel des Rap.

Am Ende gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder darf Kunst nicht beleidigen, schmähen und auch mal über die Stränge schlagen – dann müssen wir Böhmermann wie Bushido behandeln. Oder wir erlauben uns mehr Freiheiten in der Kunst – dann sollten wir überprüfen, ob wir in der Gesellschaft aus einer intellektuellen Attitüde heraus Kunst mit zweierlei Maß bemessen sollten. Nur weil das eine als „cool“ gilt und das andere „aus dem Ghetto“ stammt.