NACHRICHTEN
12/04/2016 15:09 CEST | Aktualisiert 12/04/2016 17:26 CEST

"Breakthrough Starshot": Dieses Projekt von Stephen Hawking und einem russischen Milliardär könnte die Zukunft der Menschheit verändern

dpa

Die Idee, tausende Miniatur-Weltraumsonden mithilfe eines riesigen Lasersystems 25 Billionen Meilen zum Sternensystem Alpha Centauri zu katapultieren hört sich so an, als wäre sie dem Bereich Science Fiction entsprungen.

Der Internet-Unternehmer und Wissenschafts-Philantroph Yuri Milner setzt jedoch 100 Millionen US-Dollar darauf, dass er diese Idee innerhalb einer Generation zur wissenschaftlichen Realität machen kann.

centauri

(Die zwei hellen Sterne auf diesem Foto heißen Alpha Centauri (links) und Beta Centauri (rechts). Der weniger helle, rote Stern, der rot umkreist ist, heißt Proxima Centauri. Nach Aussagen des Unternehmers Yuri Milner dauert es möglicherweise nur noch wenige Jahrzehnte, bis wir diese Sterne mithilfe von Weltraumsonden erkunden können.)

Die Sonde könnte unser nächstgelegenes Sonnensystem in 20 Jahren erreichen

Milner gab am Dienstag die Gründung des Projekts "Breakthrough Starshot" bekannt, das er in Zusammenarbeit mit dem berühmten Kosmologen Stephen Hawking durchführt. Das wissenschaftliche Projekt soll den Beweis dafür liefern, dass man Nano-Raumsonden mit einem Fünftel der Lichtgeschwindigkeit fortbewegen kann.

Das wären 60 Millionen Meter pro Sekunde oder 134 Millionen Meilen pro Stunde. Mit dieser Geschwindigkeit könnte die Sonde unser nächstgelegenes Sternensystem in ungefähr 20 Jahren erreichen, was über tausendmal schneller ist als die momentan schnellste Raumsonde, so Milner.

Zudem solle das Ganze nicht mehr als 20 Gramm wiegen – das ist in etwa das Gewicht einer Zahnbürste.

Obwohl der Hauptkörper der Raumsonde wahrscheinlich nicht einmal die Größe einer Kreditkarte haben wird, wird er trotzdem mit Kameras, Photonentriebwerken und Energieversorgung sowie mit Navigations- und Kommunikationsgeräten ausgestattet sein, berichtete Milner der Huffington Post.

Die Sonde solle angetrieben werden, indem auf der Erde installierte Laserstrahler auf ein "Sonnensegel" gerichtet werden, das sich an Bord der Sonde befindet. Dieses Sonnensegel soll mehrere Meter hoch, jedoch nur wenige hundert Atome dick sein.

gug

(Der russische Unternehmer und Risikokapital-Anleger Yuri Milner im Jahr 2013 mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg)

Das Konzept eines Sonnensegels ist nicht neu. Milner sagte, dass der deutsche Astronom Johannes Kepler der Erste gewesen sei, der diese Idee erörtert habe. In einem Brief an den italienischen Astronomen Galileo Galileo habe er vorhergesagt, dass man mit einem Weltraumsegel das Sonnenlicht einfangen könne, ähnlich wie bei einem mit Windkraft betriebenen Segelboot.

"Die Menschheit beobachtet seit Jahrtausenden die Sterne"

"Wir Menschen beobachten bereits seit mehreren Jahrtausenden die Sterne und fragen uns, wie wir zu ihnen gelangen könnten", sagte er. "Dass es bereits in der Antike so viele Überlegungen zu Segeln und Wind gab und wir denselben Ansatz auch heute noch verfolgen, ist ein interessanter Kreislauf."

Laut Milner ist aufgrund technischer Fortschritte der Großteil des Wissens, das zum Bau von Nano-Weltraumsonden benötigt wird, bereits vorhanden oder kann in naher Zukunft erlangt werden. Die Tatsache, dass wir in absehbarer Zeit in der Lage sein werden, aus unserem Sonnensystem auszubrechen, schreibt er drei wichtigen Entwicklungsschritten der vergangenen 15 Jahre zu:

Der erste Schritt ist, dass hoch entwickelte elektronische Geräte viel kleiner und günstiger als je zuvor produziert werden können. Der zweite Schritt ist, dass wir sehr dünne und leichte Materialien herstellen können. Der dritte Schritt ist, dass wir mittlerweile mehrere Laser miteinander verbinden können.

"Wir wissen, dass die Umsetzung möglich ist"

"Wenn es nur eine dieser Entwicklungen nicht gegeben hätte, wäre dieses Projekt nicht denkbar", sagte er. "Noch stehen wir vor technischen Herausforderungen, doch wir wissen, dass die Umsetzung prinzipiell möglich ist."

Es wurden bereits in der Antike sehr viele Überlegungen zu Segeln und Windkraft angestellt, und wir verfolgen denselben Ansatz auch heute noch.

Milners ehrgeiziges "Breakthrough-Projekt", das sich auf die Suche nach Lebensformen im Universum begibt, zielt darauf ab, in der Weltraumforschung eine neue Ära einzuleiten.

Milner, der bereits ganz zu Anfang in Facebook und Twitter investiert hatte, verkündete im vergangenen Jahr, dass er für das Projekt "Breakthrough Listen", das der Suche nach Hinweisen für intelligentes Leben jenseits der Erde gewidmet ist, 100 Millionen US-Dollar bereitgestellt habe. Außerdem eröffnete er den internationalen Wettbewerb „Breakthrough Message", in dem es darum geht, Nachrichten zu erstellen, die eines Tages an fremde Zivilisationen verschickt werden könnten.

Die Öffentlichkeit solle sich keine Sorgen darüber machen, dass möglicherweise feindlich gesinnte außerirdische Lebensformen auf unsere Existenz aufmerksam gemacht werden könnten, wenn wir Nano-Weltraumsonden in Bereiche außerhalb unseres Sonnensystems schicken, so Milner.

Nach Aussage von Astronomen besteht durchaus die Möglichkeit, dass es in den "bewohnbaren Zonen" des Dreisternensystems von Alpha Centauri einen erdähnlichen Planeten geben könnte.

Milner sagte jedoch, dass erste Untersuchungen ergeben haben, dass dort zwar einfache Lebensformen existieren könnten, dass es jedoch äußerst unwahrscheinlich sei, dass das System intelligentes Leben beherberge. Milner gab an, dass wir bereits einiges mehr über diesen Bereich des Universums wissen werden, wenn die Nano-Weltraumsonden weit genug entwickelt sind, dass sie abgeschossen werden können.

Milner berichtete, dass durch das Projekt “Breakthrough Starshot" nicht nur nach Hinweisen auf außerirdische Lebensformen gesucht werden solle, sondern dass es auch wertvolle Informationen über unsere Galaxie liefern und frühzeitig vor Meteoren warnen könnte, die sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinden.

In seiner Vorstellung soll ein hoch fliegendes Mutterschiff tausende Nano-Weltraumsonden ins All schießen. Das schätzungsweise mehrere Kilometer umfassende Laser-Abschuss-System, das zum Antrieb der Sonden benötigt wird, würde das Mutterschiff verhältnismäßig klein erscheinen lassen.

Dieser "Lichtprojektor", bei dem es sich eigentlich um eine Anordnung von Lasern handelt, müsste 100 Gigawatt erzeugen, um die Weltraumsonden auf die benötigte Geschwindigkeit beschleunigen zu können, sagte er.

space

(Dieses Bild vom 12. März 2013 zeigt die Radioteleskope, die zum Atacama Large Millimeter Array, auch ALMA genannt, gehören, das sich in der Atacama-Wüste in Chile befindet)

Nach Aussage von Milner sollte der Projektor idealerweise im Weltraum aufgebaut werden, dies wäre jedoch unbezahlbar. Hinzu kommt die entscheidende Tatsache, dass es "aus Sicherheitsgründen nicht vertretbar sei, einen großen Energie-Generator im Weltall zu haben", so Milner, weil man "sicherstellen muss, dass dieser nicht missbraucht wird. Es darf auf keinen Fall riskiert werden, dass er in die falsche Richtung gelenkt wird."

Avi Loeb, Professor für Wissenschaft an der Universität Harvard und Teilnehmer an dem Projekt, sagte im Gespräch mit der Huffington Post jedoch, dass die Zerstörungskraft des Lasers gar nicht so groß sei und dass "der Laserstrahl zwar kleine Objekte verbrennen könne, dass er jedoch nicht ausreichen würde, um größere Schäden anzurichten."

Milner will das Lasersystem stattdessen in großer Höhe und in einem trockenen Klima errichten, wie beispielsweise in der Atacama-Wüste in Chile. Da sie die trockenste nicht-polare Wüste der Welt ist, stehen dort bereits einige der größten Teleskope der Welt.

Das Lasersystem müsste nur ein paar wenige Minuten eingeschalten werden und es würde in etwa so viel Energie erzeugen wie man für den Start einer NASA-Raumfähre benötigt.

Wenn er und sein Team die Umsetzbarkeit des Projektes "Breakthrough Starshot" nachweisen können, werden sie internationale Partner in der Größenordnung von CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung, benötigen, um das Projekt verwirklichen zu können, so Milner.

Die Organisation CERN, die das größte Physiklabor der Welt besitzt, hat in die Entdeckung des subatomaren Higgs-Boson-Teilchens mehr als 13,5 Milliarden US-Dollar investiert. Nach Angaben von Milner würde für die Umsetzung des "Breakthrough-Starshot-Projektes" eine ähnliche Summe benötigt werden.

Sobald sein neues Projekt jedoch komplett in Betrieb sei, würden die Kosten für den Abschuss der Sonden kontinuierlich sinken. Der Körper der Sonden könne in Massenproduktion zum Preis eines iPhones hergestellt werden.

Außerdem wäre es kein Problem, den Lichtprojektor im Laufe der Zeit zu anzupassen um dadurch Kosten zu sparen. Sobald alles aufgebaut und die Technologie weit genug entwickelt ist, würden seinen Einschätzung zufolge die Kosten für einen Sonden-Abschuss auf ein paar hunderttausend US-Dollar fallen.

Die Öffentlichkeit solle sich keine Sorgen darüber machen, dass möglicherweise feindlich gesinnte außerirdische Lebensformen auf unsere Existenz aufmerksam gemacht werden könnten, wenn wir Nano-Weltraumsonden in Bereiche außerhalb unseres Sonnensystems schicken, so Milner.

Milner, der nach dem sowjetischen Kosmonauten Yuri Gagarin benannt wurde, der im Jahr 1961 als erster Mensch ins Weltall reiste, sagte, dass er bereits sein Leben lang von dem Projekt „Breakthrough Starshot" geträumt hatte.

"Immer, wenn jemand mich mit Yuri anspricht, muss ich daran denken, dass ich nach dem ersten Mann im Weltall benannt wurde", sagte er im Gespräch mit der HuffPost. „Damals herrschte große Aufregung deswegen und ich trage einen Teil dieser Aufregung in meinem Namen."

Dies sei das erste Mal in der Geschichte, dass die Sterne uns zum Greifen nahe seien, sagte er. "Viele Menschen träumen davon oder drehen Filme darüber, doch nun sind wir zum ersten Mal so weit, dass wir es tatsächlich innerhalb einer Generation schaffen können.

Der Gedanke, dass wir es wirklich tun können – nicht so, wie es in Star Wars dargestellt wird, dass riesige Raumschiffe durch Wurmlöcher reisen, sondern indem wir kleine Roboter entsenden, die uns vertreten – ist extrem aufregend."

Den Vergleich mit der Mondflug-Rede des Präsidenten John F. Kennedy aus dem Jahr 1961, in der er forderte, dass die USA noch vor Ablauf des damaligen Jahrzehnts einen Mann auf den Mond schicken sollte, lehnt Milner jedoch vehement ab.

"Diesen Vergleich will ich nicht ziehen", so Milner. "Meiner Meinung nach braucht jede Generation ihre eigenen Herausforderungen. Manche davon werden erreicht, andere wiederum nicht. Doch wenn etwas prinzipiell möglich ist, dann sollten wir es auch versuchen."

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Auch auf HuffPost:

Was ist das? Amerikaner entdeckt gruselige Kreatur in Garten