POLITIK
12/04/2016 07:22 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 06:33 CEST

„Böhmermann beleidigt die ganze Nation" - So hart rechnen türkische Medien mit dem Satiriker ab

Satiriker Böhmermann soll den türkischen Staatschef Erdogan beleidigt haben.
Anadolu Agency via Getty Images
Satiriker Böhmermann soll den türkischen Staatschef Erdogan beleidigt haben.

  • In der Türkei attackieren nicht nur nationale Kräfte Jan Böhmermann wegen dessen Erdogan-Schmähkritik.

  • Eine große Zeitung geht besonders hart mit dem Satiriker ins Gericht.

  • Andere Blätter bleiben dagegen sachlich.

Jan Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgt auch international – und insbesondere in der Türkei – für Aufsehen.

Die bekannte türkische Zeitung „Sabah“ rechnet besonders heftig mit dem deutschen Satiriker ab: "In der deutschen Geschichte gab es noch nie ein derartiges Hass-Gedicht, auch wenn es unter der Rubrik 'Satire' veröffentlicht wurde.“ Damit werde „nicht nur der türkische Präsident Erdogan beleidigt, sondern eine ganze Nation“, zitiert der „Deutschlandfunk“ aus der Europaausgabe des Blatts.

Bei der Tageszeitung, die mit einer Auflage von über 330.000 eine der reichweitenstärksten am Bosporus überhaupt ist, glaubt man: „Mit Meinungsfreiheit hat das nichts mehr zu tun. Der Antrag auf Strafverfolgung des türkischen Botschafters wird die Medien, die die Sache zu einer nationalen Angelegenheit gemacht haben, noch zorniger machen", kommentiert „Sabah“ in seiner Montagsausgabe. Das Blatt gilt am Bosporus als einflussreich.

Experte: "Die Affäre spielt in den türkischen Medien fast gar keine Rolle"

Auch von einigen anderen türkischen Medien gibt es Kritik. „Hat die deutsche Kultur diesen Humor hervorgebracht?“ schreibt die AKP-nahe Tageszeitung "Star": „Das, was als Humor bezeichnet wird, ist lediglich eine widerwärtige Pornofantasie.“

Es gibt aber auch türkische Zeitungen wie etwa „Hürryet“, die zumindest in ihren Online-Ausgaben, auf den von "Sabah" und anderen eher regierungsnahen Medien zur Schau gestellten nationalen Pathos verzichten. Sie analysieren in ihren im Netz frei zugänglichen türkischsprachigen Artikeln ganz nüchtern mögliche juristische Folgen für Böhmermann. Auch "Sabah" bleibt immerhin in seiner deutschsprachigen Online-Ausgabe eher sachlich.

Offenbar ist der Böhmermann-Skandal in den türkischen Zeitungen sowie TV- und Radiosendern jedoch nicht ein ganz so großes Thema wie in Deutschland. „Die Affäre spielt in den türkischen Medien fast gar keine Rolle, weil solche Anklagen wegen ‚Erdogan-Beleidigung’ tagtäglich kommen“, behauptet der Journalist und Politikwissenschaftler Ismail Küpeli auf Anfrage der "Huffington Post“ gar.

Doch die wichtigsten türkischen Blätter haben das Thema aufgegriffen. Und meist ergreifen sie Partei gegen Böhmermann. Auch die regierungsnahe "Takvim" zeigt sich entrüstet und bezeichnet Böhmermann als einen „unverschämten TV-Moderator“, der „nicht zu duldende Ausdrücke in den Mund genommen hat.“

Auch die Briten berichten eifrig über Böhmermann

Unter einem Teil der in Deutschland lebenden Türken wird ohnehin intensiv über den Böhmermann-Skandal diskutiert: Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, hatte bereits gestern den Satiriker für dessen Gedicht kritisiert. "Ich finde das nicht satirisch, sondern deplatziert und beleidigend", erklärte Sofuoglu, der gleichzeitig Landesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg im Gespräch mit der Nachrichtenagentur "dpa".

Böhmermann und das ZDF sollten sich entschuldigen. Eine Anklage hält Sofuoglu aber nicht für notwendig.

Selbst in einigen anderen Ländern ist die Böhmermann-Affäre ein Thema. So etwa in Großbritannien. In dem Land werden die Presse- und Meinungsfreiheit von jeher groß geschrieben. So berichtet etwa der angesehene „Guardian“ ausführlich über die Diskussion über die Böhmermann-Affäre in deutschen Medien und der Politik. "Die Affäre hat die deutsche Öffentlichkeit gespalten", resümiert die Zeitung zutreffend.

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