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11/04/2016 11:21 CEST | Aktualisiert 11/04/2016 11:21 CEST

Parkinson: Wie die Technik Betroffenen helfen kann

Der Hirnforscher Alfons Schnitzler untersucht einen Parkinson-Patienten
Maja Hitij/dpa
Der Hirnforscher Alfons Schnitzler untersucht einen Parkinson-Patienten

  • Am 11. April ist Welt-Parkinson-Tag.

  • Zittern, Starre und Verlust der sozialen Kontakte sind Symptome.

Das Zittern ist das vielleicht bekannteste Symptom der Parkinson-Krankheit - und verändert für den Betroffenen langfristig das ganze Leben. Daran erinnert der Welt-Parkinson-Tag am Montag.

Und die Bedeutung von Parkinson für uns alle wird weiter wachsen. Denn aufgrund der demographischen Entwicklung wird sich nach Schätzungen der Parkinson-Gesellschaft die Zahl der Betroffenen bis 2030 wohl auf 8,7 Millionen Menschen verdoppeln.

Deshalb ist die Behandlung von Parkinson auch so wichtig - ebenso wie technische Fortschritte. So können Hirnschrittmachern Betroffenen schon heute das Leben erleichtern - wenn sie sich zuvor einer Operation am Gehirn unterziehen.

Parkinson ist wie "Achterbahnfahrt für Fortgeschrittene"

Helmut Schröder war 49, als er beim Skifahren die Rechtskurve nicht mehr hinbekam. Auch eine Tür aufzuschließen, wurde für ihn zum Problem. Schon bald wurde bei dem Psychiater an einer Klinik in Hannover Parkinson diagnostiziert.

Über sein Leben mit der unheilbaren Krankheit, die neben Alzheimer zu den häufigsten zerstörerischen Krankheiten des Nervensystems gehört, hat Schröder ein Buch geschrieben. Parkinson vergleicht er darin mit einer "Achterbahnfahrt für Fortgeschrittene".

Parkinson ist wie "Achterbahnfahrt für Fortgeschrittene"

Die Parkinson-Krankheit ist nach der Parkinson-Gesellschaft die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung nach Alzheimer. Meist treten die ersten Symptome im Alter zwischen 50 und 60 Jahren auf.

Passend zum Thema: Herr Parkinson verwirrt den Körper und lässt den Kopf zuschauen

Fünf bis zehn Prozent der Betroffenen allerdings sind jünger als 40, schreibt die Parkinson-Vereinigung. Der Schauspieler Michael J. Fox ("Zurück in die Zukunft") zum Beispiel war 30, als er die Diagnose erhielt.

Zirka ein Prozent der über 60-Jährigen in Deutschland leiden darunter. So eine Schätzung. Sichere Angaben liegen nicht vor.

Mit Hirnschrittmacher Lebensfreude wieder gefunden

Heute ist Schröder 67 Jahre. Seit er sich vor eineinhalb Jahren in der Göttinger Uni-Klinik einen Hirnschrittmacher implantieren ließ, hat er seine Lebensfreude wiedergefunden.

Die Sonde gibt elektrische Impulse in das Gehirn ab. "Ich kann alle Bewegungen machen, die ich möchte, ich kann Radfahren und die alten Hobbies wieder aufleben lassen", sagt Schröder.

Die für Parkinson typische Starre trete nur noch "in milder Form" auf, auch das Sprechen sei besser geworden. Schröder kann auch wieder malen.

Die Medikamente konnten bei ihm auf weniger als die Hälfte reduziert werden. Doch der Schritt zur Operation am Gehirn war ein "Riesenentschluss".

"Die Operation ist ziemlich unangenehm"

Bei der tiefen Hirnstimulation werden zwei Elektroden mitten ins Gehirn, in den rechten und linken Nucleus subthalamicus geschoben. Dieses Areal ist vor allem für die Steuerung der Grobmotorik zuständig. Die Operation erlebt der Patient zumeist im Wachzustand, denn er soll "mitarbeiten".

"Die Operation ist ziemlich unangenehm", sagt Schröder. Fünf Stunden habe er während des Eingriffs Fragen des OP-Teams beantworten müssen, bis der richtige Platz für die Sonde im Gehirn gefunden war.

Das Gehirn selbst ist schmerzunempfindlich, mit einer lokalen Betäubung werden zwei Löcher in die Schädeldecke gebohrt, durch die später die Elektroden geschoben werden.

Unter der Haut wird ein Kabel zum Schrittmacher geführt, der in einer späteren Operation im Bauch- oder Brustbereich eingesetzt wird. Bis das Steuergerät feinjustiert ist, können bis zu zwei Wochen vergehen.

Kosten für OP werden übernommen

Rund 700 bis 800 Hirnschrittmacher werden nach Angaben des Düsseldorfer Neurologen und Neurowissenschaftlers Alfons Schnitzler pro Jahr implantiert. Die Zahl der bundesweit an Parkinson Erkrankten wird auf bis zu 280.000 geschätzt.

Rund 30.000 Euro kostet die OP, die von den Kassen übernommen wird. "Es ist Potenzial für mehr da, aber es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Zentren, und es ist Aufklärung erforderlich", sagt Professor Schnitzler. "Es ist ja ein Eingriff ins Gehirn, da sind natürlich Ängste da."

Hoffnung, wenn die Parkinson-Medikamente nicht mehr richtig hilft

Wann aber ist der richtige Zeitpunkt für die Hirnstimulation? Der Trend heute gehe dazu, Patienten früher zu operieren, sagt Schnitzler. Anfangs seien die Schrittmacher erst nach zwölf bis 14 Jahren Krankheitsdauer eingesetzt worden.

"Jetzt sind wir bei sieben Jahren", sagt Schnitzler. "Wir machen es dann, wenn die medikamentöse Behandlung nicht mehr befriedigend ist."

Auch der Neurologe Professor Lars Timmermann, Experte für Tiefe Hirnstimulation an der Uniklinik Köln, sieht schon bei Patienten unter 61 Jahren in bestimmten Fällen den "idealen Zeitpunkt" für einen Hirnschrittmacher gekommen.

Aber nicht für jeden Parkinson-Kranken kommt der Schrittmacher infrage. Umfangreiche Vorgespräche mit Ärzten aus verschiedenen Bereichen werden geführt. "Es ist keine Zaubertherapie", sagt Timmermann. "Aber es kann eine tolle Option für den Einzelnen sein."

Funktion des Hirnschrittmachers noch nicht ganz erforscht

So kann sich ein stark zitternder Patient nach Einschalten des Hirnschrittmachers von einer Sekunde auf die andere wieder koordiniert bewegen. "Wir haben dramatische Therapieeffekte, aber verstehen bis heute noch nicht in allen Einzelheiten, wie es funktioniert", sagt Schnitzler.

Bei den Geräten wurden in jüngster Zeit große technische Fortschritte erzielt. Inzwischen werden Modelle getestet, über die der Stromimpuls zielgerichtet in eine bestimmte Richtung gesteuert werden kann. Reizungen benachbarter gesunder Hirnareale können so vermieden werden.

Ziel ist laut Schnitzler in zwei bis drei Jahren der sogenannte adaptive Schrittmacher, der die kranken Hirnbereiche nicht mehr unter ein 24-stündiges Dauerfeuer setzt, sondern nur dann die störenden Nervenreize unterdrückt, wenn sie entstehen.

Hirnschrittmacher kann bei Parkinson-Kranken auch Nebenwirkungen haben

Doch die Sonde im Gehirn kann auch Nebenwirkungen haben. So besteht bei der Operation das Risiko, ein Gefäß zu verletzen, so dass es zu einer Hirnblutung kommen kann. Der Schrittmacher kann auch psychische Veränderungen auslösen.

"Je nachdem, wie die Sonde liegt, kann man akut manische oder depressive Zustände erzeugen, kann sich der Gefühlszustand akut verändern", sagt Schnitzler. Auch Neurologe Timmermann hat beobachtet, dass manche Patienten nach dem Eingriff von Persönlichkeitsveränderungen sprechen.

Helmut Schröder verspürt eineinhalb Jahre nach der Operation keine Nebenwirkungen. "Ich kann wieder Schach spielen und sogar wieder an der Deutschen Ärztemeisterschaft teilnehmen." Dennoch warnt auch er vor zu hohen Erwartungen: "Man muss wissen, dass die Operation Parkinson nicht heilt, sondern nur Jahre hinauszögert."

Das Buch von Helmut Schröder "Leben mit Parkinson: Achterbahn für Fortgeschrittene" könnt ihr hier kaufen.

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