POLITIK
11/04/2016 11:53 CEST | Aktualisiert 18/07/2017 06:49 CEST

9 AfD-Aussteiger darüber, wie sie die Partei von innen erlebt haben

HuffPost

Die AfD spaltet Deutschland. Sie kommt in Umfragen auf zwölf Prozent - und zog erst kürzlich in drei weitere Landesparlamente ein.

Längst ist im politischen Establishment die Diskussion entbrannt, welcher Umgang mit der AfD der richtige sei: Ausgrenzen? Entzaubern? Abwarten bis sich das Phänomen von selbst erledigt hat? Das reicht uns alles nicht.

Wir wollen wissen, was in dieser Partei wirklich vor sich geht. Und wie sich eine politische Organisation verändert, deren Landesverbände in Kontakt mit bekennenden Rechtsradikalen stehen.

Dafür hat die Huffington Post mit Dutzenden Aussteigern gesprochen. Keine Frage, sie haben die Partei mit erschaffen. Haben mit denen zusammengearbeitet, die sich da gerade radikalisieren. Wollten die Entwicklung vielleicht zunächst auch nicht sehen.

Dennoch zeichnen ihre Aussagen ein spannendes Bild von einer Partei, die immer weiter nach rechts steuert. Einige fühlen sich an 1933 erinnert - das Jahr also, in dem in Deutschland die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten begann. Wieder andere Aussteiger attestieren Mitgliedern der AfD die "Weltanschauung von trotzigen Kindern".

Wir zitieren nur Aussteiger, die sich mit Namen kenntlich machen. Sie liefern ein einmaliges Bild dieser Partei, die jeder ernst nehmen sollte - nicht aber als politische Alternative, sondern als Gefahr für das weltoffene und tolerante Land, das Deutschland noch immer ist.

"Völlig unprofessionell”: Siegfried Gentele, ehemaliger AfD-Landtagsabgeordneter in Thüringen

gentele

"Nach der Landtagswahl in Thüringen bin ich für die AfD in den Landtag gekommen. Fraktionsführer wurde Björn Höcke, den ich von Beginn an für gefährlich gehalten habe.

Sein wahres Gesicht hat er aber erst nach den Wahlen gezeigt. Er hat Kontakte mit der Neuen Rechten geknüpft und ist durch Deutschland getourt, um die rechte Bewegung in der Partei aufzubauen.

Er erinnert mich an einen kleinen Goebbels. Diesen Kurs konnte ich nicht mitgehen.

Ich habe ihn dafür öffentlich kritisiert - in einem Satz in einer Pressemitteilung. Ich habe erwartet, dass es eine Reaktion geben wird - aber nicht, dass er mich aus der Fraktion werfen würde.

Eine so harte Reaktion ist völlig unprofessionell - für die wurde er im Landtag von vielen ausgelacht.

Auf dem Essener Parteitag bin ich dann aus der AfD ausgetreten, weil der Höcke-Kurs früher oder später die Linie der Partei wird.

Frauke Petry war nur dafür da, Bernd Lucke abzusägen. Jetzt wird sie gehen müssen. Nun sitze ich als Fraktionsloser im Thüringer Landtag und gehöre der Kleinen Familienpartei an."

“Kam mir vor wie im Braukeller 1933”: Oliver Sieh, ehemaliger Landesvorstand Rheinland-Pfalz

Da die AfD von Beginn an nur wenige grundkonsensuale Aussagen verfügte, wurde sie schnell zum Tummelplatz von Menschen mit allen möglichen Meinungen und Einstellungen - vom einfachen Spinner (Reichsbürger, Chemtrail-Anhänger) bis über Putinisten hin zu Vertretern der Neurechten.

Dies ist bis zu einem gewissen Grad ertragbar, so lange die Mehrheit in der Partei eine moderate Einstellung trägt.

Bei jenem berühmten Parteitag in Essen war schon von Beginn an die extrem hohe, aggressive Stimmung zu spüren. Ich kam mir teilweise vor wie 1933 im Bürgerbräukeller.

Was passiert war, eröffnete ein Halbsatz von Frau Petry. Schon lange wunderte ich mich über die Stagnation in der Mitgliederzahl.

Frau Petry verkündete dann, dass 5000 Mitglieder ausgetreten und 5000 Mitglieder eingetreten seien. Welche 5000 gegangen und welche 5000 insbesondere in den östlichen Bundesländern gekommen waren, konnte man in Essen hautnah erleben.

Da zudem die Spaltung der Partei aus rein machttaktischem Kalkül von Frau Petry in aller Öffentlichkeit (Presse!) vorangetrieben wurde, war für mich an diesem Tag klar: Nicht mit dieser Vorsitzenden, nicht mit diesen "Mitgliedern".

"Wollte mich nicht zum Steigbügelhalter machen”: Beatrix Klingel, ehemalige stellvertretende Landesvorsitzende Rheinland-Pfalz

beatrix

“Diesem AfD-Anfang wohnte ein Zauber inne, aber wir, die wir begeistert bei der Sache waren, haben die Durchtriebenheit und Falschheit so mancher Protagonisten unterschätzt, die über Monate unauffällig im Untergrund die AfD ausgehöhlt und für ihre dumpfen und eigennützigen Zwecke missbraucht hatten. Ihr Netzwerk funktionierte bundesweit.

Ich war die Erste, die das Problem öffentlich machte. Ich wurde deswegen von allen Seiten angefeindet. Ich hatte mir das lange überlegt, kam aber zu dem Schluss, dass mir die Entwicklung zu gefährlich wurde - es liegt meines Erachtens im Rahmen des Wahrscheinlichen, dass auf solchem Boden ein demagogisch begabter Hardliner heranwächst, mittelfristig die Zügel in die Hand nimmt und Unheil anrichtet.

Und: mir wurde bewusst, dass ich zu wenig Unterstützung hatte, um die Sache zuverlässig in den Griff zu bekommen. So unbequem mein Weg auch war – ich konnte mich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen und stillschweigend abtauchen.

Ich konnte nicht für Menschen - auch noch in verantwortlicher Position als stellv. Landesvorsitzende! - Wahlkampf machen, die die Weltanschauung von Kindern besitzen, die aus der Fremdel-Phase nicht herausgekommen sind.

Als wertkonservative Wirtschaftsliberale und leidenschaftliche deutsche Europäerin kam ich zur AfD mit der Illusion, im Bereich Wirtschaft in Europa - mit Deutschland als Wirtschaftsmotor -, in meinem Kompetenzbereich etwas bewegen zu können.

Ich hätte gern Konzepte zur Ansiedlung von jungen Unternehmen in RLP weiterentwickelt und mich für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in den EU-Südländern eingesetzt.

Mich stieß das zunehmende Abrücken von der „Partei der Vernunft“ ins Populistische und Emotionale immer mehr ab. Ich wollte mich weder zum Steigbügelhalter eines aufstrebenden deutschen Front National machen und damit irgendwelchen Populisten helfen sich zu profilieren, noch wollte ich geringqualifizierten Karrieristen mit höchst mediokren Lebensläufen mit meiner monatelangen ehrenamtlichen Knochenarbeit den Weg in den Landtag ebnen.

Es fehlte bundesweit bei der AfD eine klare Abgrenzung nach Rechtsaußen und der professionelle Umgang damit in der Öffentlichkeit. Stattdessen wurde unter dem Deckmäntelchen „Mut zur Wahrheit“ wortreich geholzt, geschwafelt und herumpolemisiert – mit seriöser Analyse hatte das nicht ansatzweise etwas zu tun.”

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"Das war das reinste Chaos”: Arnd Feistel, ehemalige AfD-Stadtrat in Forchheim

arnd feistel

Die Unruhen in der Partei haben eigentlich erst so richtig begonnen, als Björn Höcke den sogenannten „Flügel“ gründete.

Seither macht die Partei einen Rechtsrutsch durch, der noch nicht vorüber ist. Höcke ist noch nicht am Ende seiner Karriere. Er hat viele Freunde in der Partei und erreicht mit seinen Reden viele AfD-Anhänger.

Außerdem ging es in der Partei teilweise drunter und drüber. Es gab Kreisverbände, da waren nur Wutbürger und Wutrentner drin. Die schimpften nur, statt etwas zu tun strategische Parteiarbeit zu betreiben. Das war das reinste Chaos. Pures populistisches Geschwafel.

Mittlerweile ist es nach meinem Eindruck noch schlimmer geworden – die Partei ist zu einem Auffangbecken für Rechtsnationale, Verschwörungstheoretiker und pauschal Unzufriedene geworden."

"Zeitreise in Richtung Vergangenheit”: Franz Eibl, ehemaliger Pressesprecher der AfD Bayern

“Ich bin im Sommer 2014 ausgetreten - lange vor dem Essener Parteitag also und als Lucke noch Parteichef war. Jedes Mal, wenn Lucke ermutigte, auch „Meinungen abseits des Mainstreams“ zuzulassen, war das der Freifahrtschein für einige in der Partei, sich mal so richtig auszutoben – gegen Ausländer und Asylanten, wahlweise auch den „Ami“ oder Homosexuelle.

Man habe zwar nichts gegen die, so hieß es, aber sie sollen sich doch bitteschön nicht so provokativ in der Öffentlichkeit zeigen.

Allerdings unternahm die Parteispitze auch nichts gegen die teilweise menschenverachtenden und volksverhetzenden Kommentare auf den Facebook-Seiten der Partei.

Stattdessen werden diese gerne von Parteifunktionären als „Stimme des Volkes“ beschönigt. Schlimmer noch, diese Stimmung wurde durch entsprechende Postings mit diffamierenden Pauschalisierungen zusätzlich angeheizt. Gehandelt wurde aber immer erst dann, wenn in den Medien darüber berichteten.

Damals wurde mir klar, dass das Gesellschaftsbild der Partei schlichtweg reaktionär und für Menschen ist, die für eine pluralistische, liberale, offene und tolerante Gesellschaft eintreten, nicht akzeptabel.

Da wurde von Ausländern nur in Zusammenhang mit Kriminalität geredet, da wurde vorgegeben, wie viele Kinder Frauen künftig zu bekommen haben, und da wurde verlangt, dass behinderte Kinder nicht zusammen mit nicht-behinderten unterrichtet werden sollen.

Bei dieser Zeitreise in Richtung Vergangenheit wollte ich nicht länger mit dabei sein. Mit einer Partei, die in der Innen- und Außenpolitik Positionen vertritt, die konträr zu den Prinzipien und Werten eines pluralistischen und liberalen Landes sind, kann ich mich nicht identifizieren.

Die Entwicklung seitdem bestätigt meine damalige Entscheidung. Die Partei radikalisiert sich immer mehr. Das zeigt sich auch an der Position von Frauke Petry. Einst war sie die Gallionsfigur des rechten Flügels der Partei. Inzwischen wurde sie längst rechts überholt.”

"Gift für die Gesellschaft": Andre Wächter, ehemaliger Landesvorsitzender Bayern

wächter

„Ich bin aus der AfD ausgetreten, weil sie sich von den ursprünglichen Zielen völlig abgewendet hat. Wir wollten den Menschen eine bürgerliche Alternative anbieten, vor allem eine Alternative zur Euro-Rettungspolitik oder der EU-Politik der Union und der FDP.

Wir wollten niemals eine rechtspopulistische Partei gründen, die in Teilen rechtsradikale Kräfte einbindet.

Wir dürfen den Großteil der Wähler der jetzigen AfD nicht „verteufeln“, sondern müssen ihren Unmut ernst nehmen. Die Leute wissen einfach nicht mehr wem sie ihre Stimmen geben sollen. Es gibt doch keinen Unterschied mehr zwischen SPD, FDP und Union. Daher sehe ich nach wie vor eine große Chance für Alfa.“

"Morddrohungen gegen mich und meine Familie": Hans-Olaf Henkel, ehemaliger stellvertretender AfD-Vorsitzener

hans olaf henkel

“Ich bin in zwei Phasen aus der AfD ausgestiegen. Als ich den stellvertretenden Vorsitz niedergelegt habe, war das vor allem ein innerparteilicher Warnschuss. Mein zweiter Ausstieg fand noch während des Parteitages in Essen statt.

Ich sehe einige Probleme in der AfD: Erstens den massiven Rechtsrutsch, der sich nach den Austritten der Moderaten und Vernünftigen verschärft hat.

Zweitens hat die Partei viele gescheiterte Existenzen angezogen, die jetzt in entscheidenden Positionen sitzen. Wegen Pretzells prekärer finanziellen Lage kam die Steuerbehörde in unser Parteibüro. Petry fuhr ihr Unternehmen an die Wand und ist jetzt auf ihr Mandat angewiesen. Gegen Poggenburg lagen laut “FAZ” insgesamt sieben Haftbefehle vor, was ihn jetzt als Fraktionsvorsitzenden der AfD in Sachsen-Anhalt bestens qualifiziert.

Seit ich auf Fehlentwicklungen in dieser Partei aufmerksam machte, wurde ich auch zur Zielscheibe von Rechtsaußen. Die Erfahrungen die ich dabei machte, sprengten alles was ich bis dahin erlebt habe. Später wurden es dann auch Morddrohungen gegen meine Familie und mich.

Ich habe keinen Kontakt mehr zu den genannten Personen und auch nicht zu anderen führenden AfDlern. Ich habe mit dem Kapitel abgeschlossen."

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"Die Radikalisierung war nur ein Aspekt": Stephan Schmidt, ehemaliger AfD-Landesvorstand Bayern

schmidt

"Viele andere sind nach unserem Verständnis nicht aus einer extremistischen Organisation "ausgestiegen", sondern wir haben eine Partei verlassen, deren politische Ausrichtung uns nicht mehr passte und deren innerparteilicher Umgang aus unserer Sicht unerträglich war. Die absehbare Radikalisierung, die ja tatsächlich stattfand, war dabei für viele nur ein Aspekt.

Für mich persönlich gab es folgende Gründe für den AfD-Austritt: Erstens: Die Nato-Skepsis und Russland-Liebe der neuen AfD.

Zweitens: Die (schon damals absehbare) Fokussierung auf die "kleinen Leute" und weg von den "Bildungsbürgern".

Drittens: Die Bevorzugung platter Parolen statt durchdachter und konstruktiver Lösungsansätze.

Viertens: Ich bin in eine Anti-Euro-Partei eingetreten, nicht in eine Anti-Islam-Partei, auch wenn die Radikalisierungstendenzen der muslimischen Bevölkerung nicht wegzudiskutieren sind und strenger Beobachtung und Begegnung bedürfen.

Ich sah die AfD als Partei, die an das etablierte Spektrum anschlussfähig sein will und wieder Mehrheiten ohne Beteiligung von SPD und Grünen ermöglichen kann.

Wenn Gauland heute offen sagt, dass niemand in den Landtagen Verantwortung übernehmen möchte, dann ist das eine Geisteshaltung der Fundamentalopposition. Damit wurde die Zielgruppe verändert: Es sind nicht mehr die Bildungsbürger, sondern Protestwähler.”

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"Reine Protestpartei": Brigitte Stöhr, ehemalige stellvertretende Landesvorsitzende AfD Bayern

stöhr

Die Kritik an der Merkel'schen Eurorettungspolitik trat mit der Zeit in den Hintergrund. Sie wurde ersetzt durch die Positionen von Pegida, was sich vor allem während des Essener Parteitags im Juli 2015 manifestierte.

Damit änderte sich auch die Zielgruppe der Partei von der bürgerlichen Mittelschicht zu den "kleinen Leuten" (Alexander Gauland). Schlussendlich lehnte der "Flügel" jedwede Koalitionsbildung strikt ab und wollte auf absehbare Zeit als reine Protestpartei in der Opposition verharren.

Am Essener Parteitag der AfD standen diese Unterschiede zur Abstimmung, mit bekanntem Ausgang. Da ich die neue Ausrichtung nicht unterstützen konnte, habe ich die AfD noch im Juli 2015 verlassen. Ich habe mich der Alfa angeschlossen und bin jetzt die Landesvorsitzende des Landesverbands Bayern.

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