POLITIK
11/04/2016 01:04 CEST | Aktualisiert 21/05/2016 12:00 CEST

"Anne Will": Kabarettist spricht aus, um was es im Böhmermann-Skandal wirklich geht

Der Satiriker Serdar Somuncu bei "Anne Will"
ARD Mediathek
Der Satiriker Serdar Somuncu bei "Anne Will"

Es passiert selten, dass sich Anne Will in ihrer Sendung auf eine Seite stellt. Doch die Show am Sonntag zum Satire-Skandal war so ein Fall. Wie sollte sie als Journalistin auch anders handeln? "Streit um Erdogan-Kritik - Kuscht die Bundesregierung vor der Türkei?" war der Titel.

Eine neue Wendung bekam der Fall, nachdem gestern bekannt geworden war, dass die türkische Regierung tatsächlich eine Strafverfolgung des ZDF-Komikers Jan Böhmermann fordert.

Heute wird Merkel Farbe bekennen müssen

Am heutigen Montag wird die Kanzlerin Farbe bekennen müssen, denn die Regierung müsste einem solchen Verfahren zustimmen.

Nicht offen, eher lakonisch streute Anne Will ihre Meinung zu dem Thema ein. Zum Beispiel, als sie feststellte, dass in der Türkei 1800 Menschen gerade wegen Beleidigung des Präsidenten angeklagt seien.

Dem stellvertretenden Vorsitzenden der Erdogan-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten stellte sie diese eher rhetorische Frage: "Was findet Erdogan eigentlich witzig?"

Passend zum Thema: "Anne Will" in der Mediathek: Den Sonntagabend-Talk im Ersten online schauen

Doch genau in diesem Moment fällt ein Scheinwerfer aus. "Oh, jetzt geht hier gerade das Licht aus, das sind ja schon türkische Verhältnisse hier bei uns!" Eine Antwort bekommt sie daher leider nicht. Schade – das hätte wohl viele interessiert.

Elmar Brok, CDU: "Auch die Kanzlerin hat ein Recht auf Meinungsfreiheit"

Als Verteidigung der Kanzlerin war der EU-Politiker Elmar Brok, eingeladen. "Nein, sie kuscht nicht", beantwortete der CDU-Mann die Frage im Titel der Sendung.

Er versuchte, den Fall zu einer schlichten Meinungsäußerung Merkels herunterzuspielen. "Auch die Kanzlerin hat ein Recht auf Meinungsfreiheit."

Er geht zudem davon aus, dass die Bundesregierung eine Strafverfolgung nicht ermöglicht. Laut Strafgesetzbuch werden Beleidigungen ausländischer Staatschefs nur auf Antrag dieses Staates und mit Zustimmung der deutschen Regierung verfolgt.

Auf das Gestichel des türkischstämmigen Kabarettisten Serdar Somuncu reagiert er mit einem vielsagenden Ausbruch: "Sie sind gegen den Deal mit der Türkei! Das merke ich jetzt!" Und damit sprach er aus, um was es bei diesem Vorfall wirklich geht.

Serdar Somuncu, Kabarettist: "Erdogan will Eingriffe in unsere Grundrechte"

Der in Istanbul geborene Kabarettist formulierte das Thema der Sendung so: "Was wir heute besprechen, ist die Frage: Ist die Kanzlerin erpressbar geworden, weil sie die Türkei plötzlich braucht?" Auf Broks Aussage, die Kanzlerin kusche nicht, entgegnete er: "Das ist Satire."

"Die Kanzlerin hat Böhmermann nicht in Schutz genommen", sagte Somuncu. Erdogan wolle Einfluss in Europa nehmen, "er will Eingriffe in unsere Grundrechte".

Den türkischen Präsidenten nannte er einen "Wiederholungstäter". Der "Autokrat" lasse unbequeme Menschen vor Gericht bringen und schalte Twitter willkürlich ab.

Er weist auf den unübersehbaren Punkt hin: Deutschland wolle den Flüchtlings-Deal mit der Türkei nicht gefährden. Doch dann seien "Extra 3" und Böhmermann gekommen und nun "geht denen die Düse im Kanzleramt".

"Wir sind ja auch nicht doof", fasste er das Offensichtliche zusammen.

Fatih Zingal, stellvertretender Vorsitzender der Erdogan-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten: "Böhmermann hat sich strafbar gemacht"

Für Fatih Zingal, stellvertretender Vorsitzender der Erdogan-nahen Union Europäisch-Türkischer Demokraten, hatte Böhmermann sich strafbar gemacht. Der Rechtsanwalt sieht das Gedicht nicht von der Kunstfreiheit gedeckt.

"Das ist keine Satire", bemerkte er. "Hauptsächlich geht es um den Intimbereich des türkischen Präsidenten." Vorsorglich hatte er mit Gleichgesinnten beim ZDF in Mainz einen schwarzen Kranz niedergelegt.

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler: "Wir reden im Moment über die Grenzen der Satire"

Der Medienwissenschaftler versucht, die Kanzlerin vorsichtig in Schutz zu nehmen. Er hofft, die Kanzlerin habe nur beschwichtigend wirken wollen.

Pörksen nennt das Schmähgedicht einen Zwitter, den Böhmermann eher versehentlich geschaffen habe. Ein neues Genre: die "Schmähsatire".

Im Übrigen habe Böhmermann "durch die Debatte nachträglich Recht bekommen", denn "wir reden im Moment über die Grenzen der Satire".

Nach 45 Minuten gab sich Will selbst die Antwort auf die Frage im Titel der Sendung. Kuscht die Kanzlerin vor Erdogan?

"Tja, schon, sieht ganz so aus, ja", schloss sie.

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