POLITIK
08/04/2016 12:39 CEST | Aktualisiert 08/04/2016 15:06 CEST

Das gespaltene Volk: Nicht nur rechte, sondern auch liberale und weltoffene Kräfte legen in Deutschland derzeit massiv zu

  • Der Grüne Winfried Kretschmann ist Deutschlands beliebtester Politiker

  • Seine Popularität zeigt exemplarisch, dass neben rechten auch liberale und weltoffene Kräfte derzeit zulegen

  • Die deutsche Gesellschaft ist so gespalten wie lange nicht

  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben

Deutschland driftet politisch nach rechts – dieser Eindruck hat sich nicht erst seit den AfD-Triumphen bei den jüngsten Landtagswahlen im Kopf vieler Journalisten und politischer Beobachter verfestigt. Doch es ist nur ein Teil der Wahrheit.

Denn auch das moderat-linke sowie das liberal-bürgerliche Lager schaffen es in Zeiten der Flüchtlingskrise erstaunlich gut, ihre Anhänger um sich zu scharen. Ja, sie können sogar auf Kosten der Volksparteien punkten.

Exemplarisch steht für diesen jüngsten Trend die enorme Beliebtheit des zum Realo-Flügel der Grünen gehörenden Winfried Kretschmann. Der baden-württembergische Ministerpräsident ist in der Flüchtlingspolitik zwar nicht so progressiv wie manche seiner Parteikollegen auf Bundesebene – doch in manchen anderen Politikfeldern wie dem Bildungsbereich steht er sogar spürbar links von der gesellschaftlichen Mitte.

Grüne regieren wohl bald in zehn Ländern

Und dennoch ist dieser Mann, der seine Partei im Ländle gerade erst zu einem Rekordergebnis von über 30 Prozent geführt hat, nun sogar Deutschlands beliebtester Politiker. Im aktuellen ZDF-Politbarometer erreicht der Grand­sei­g­neur seiner Partei aus dem Stand Platz eins. Mit einem sehr guten Durchschnittswert von 2,4 auf der Skala von +5 bis -5 verdrängt er damit Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf den zweiten Platz. Erst dahinter folgt im Ranking der repräsentativen Umfrage Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

Kretschmann hört den Menschen zu, nimmt ihre Sorgen ernst. Als "Menschenversteher" bezeichnen ihn manche. Doch er steht zu seiner - im Vergleich etwa zu einem Horst Seehofer - weltoffenen Haltung bei der Frage des richtigen Umgangs mit den hunderttausenden Neuankömmlingen.

Bundesweit kommen die Grünen wohl vor allem auch deshalb dem ARD-Deutschlandtrend zufolge derzeit immerhin auf 13 Prozent.

Dass manche Experten wegen der schwachen Ergebnisse der Grünen in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz jüngst bereits davon sprachen, die Umweltpartei würde durch die Flüchtlingskrise massiv an Beliebtheit verlieren, war eindeutig verfrüht. Denn in Rheinland-Pfalz war zwischen den populären Spitzenkandidatinnen von SPD und CDU, Malu Dreyer und Julia Klöckner, kaum Platz für Konkurrenten.

Liberale feiern Comeback

Überdies sprach Dreyer mit ihrer humanen, aber nicht weltfremden Sicht auf die Migrationspolitik, auch Flüchtlingsbefürworter in großem Maß an. Und in Sachsen-Anhalt ist die Ökopartei aus historischen Gründen von jeher schwach – dort war es diesmal ein Erfolg, überhaupt wieder im Landesparlament vertreten zu sein.

Und aus Grünen-Sicht zählt überdies etwas anderes: Die Umweltpartei wird voraussichtlich sowohl in Stuttgart, Mainz und Magdeburg auf der Regierungsbank sitzen. Die Grünen werden künftig dann wohl sogar in zehn statt neun der 16 Bundesländer Minister stellen. Davon kann etwa die CDU derzeit nur träumen.

Und auch die Liberalen haben trotz, ja vermutlich sogar wegen der Flüchtlingskrise, an Beliebtheit gewonnen. In einer aktuellen Umfrage steht die im Herbst 2013 noch aus dem Bundestag geflogene Partei immerhin wieder bei sieben Prozent. Kein Wahlforschungsinstitut, das die Liberalen derzeit nicht im Bundestag sehen würde.

In Rheinland-Pfalz schafften sie den Wiedereinzug in den Landtag, in Baden-Württemberg legten sie kräftig zu – und in Sachsen-Anhalt verzeichneten die im Osten phasenweise kaum mehr vorhandenen Freidemokraten ebenfalls Zuwächse, auch wenn sie knapp an der 5-Prozent-Hürde scheiterte.

Zwar fielen zuletzt einzelne FDP-Landespolitiker auch mit rechten Aussagen auf und mit Sicherheit gaben auch von Merkels Flüchtlingspolitik enttäuschte CDU-Wähler den Liberalen ihre Stimme. Doch viele Anhänger der Liberalen sympathisieren unzweifelhaft mit den sicher alles andere als migrantenfreundlichen Positionen der Parteispitze.

Deutschland droht eine dauerhafte Spaltung

Doch ebenso offensichtlich ist: Ein Teil der Deutschen driftet wegen Merkels Flüchtlingspolitik nach rechts, fühlt sich durch die Neuankömmlinge ganz offensichtlich bedroht. Zwar sind die AfD-Politiker bislang bei den Deutschen nicht sonderlich beliebt, der Partei würden aber so viele Menschen wie noch nie ihre Stimme geben. Im ARD-Deutschlandtrend kommen die Rechtskonservativen auf ein Rekordergebnis von 14 Prozent.

Eines ist deshalb offensichtlich: Wird die Flüchtlingskrise nicht bald gelöst, könnten die Deutschen noch lange Zeit ein gespaltenes Volk bleiben.

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