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08/04/2016 07:20 CEST | Aktualisiert 08/04/2016 07:49 CEST

Beziehungsprobleme gibt es nicht

Hemera Technologies via Getty Images
Argumentative couple

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Seit einigen Jahren beginnt sich mit der "Positiven Psychologie" – auch bekannt unter dem Schlagwort "Glücksforschung" – ein Forschungsschwerpunkt zu etablieren, der sich nach eigenem Anspruch von den de"zitorientierten Aspekten der Psychologie abwendet. Stattdessen stellt er in den Mittelpunkt, was den Menschen allgemein stärkt und was das Leben lebenswerter macht.

In diesem Zusammenhang werden viele Daten erhoben, um herauszufinden, was uns glücklich macht, unter welchen Voraussetzungen wir besonders glücklich sind und ob es dazu Geld, Gesundheit, Freunden oder anderer Dinge bedarf.

Neben der Tatsache, dass die Höhe des Einkommens weniger Einfuss auf unser subjektives Wohlbefinden hat, als zunächst angenommen, war man vor allem von der Bedeutung "gelingender sozialer Beziehungen" überrascht. Eine gelungene Partnerschaft macht glücklich beziehungsweise umgekehrt: Glückliche Menschen führen glückliche Partnerschaften.

Der weitaus größte Teil der deutschen Bevölkerung sieht das genauso. Auf die Frage "Was ist Ihnen im Leben besonders wichtig?" gaben im Jahr 2013 in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie 84 Prozent der Befragten an: "Eine glückliche, stabile Partnerschaft." Nur "Gesundheit" erhielt mit 90 Prozent einen noch höheren Wert. Alle anderen Aspekte, wie zum Beispiel "gute Freunde haben", "finanziell abgesichert sein" und "Zeit für sich haben", rangieren teils deutlich dahinter.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen allerdings auseinander

Denn parallel dazu zeigen andere Zahlen, wie weit viele von der Erfüllung dieses Wunsches nach einer glücklichen Beziehung entfernt sind: Während nur für jede/n Zehnte/n ohne feste Partnerschaft das Single-Leben ein Lebensmodell ist, das er/sie sich langfristig wünscht, hat die Zahl jener, die keinen festen Partner hat, in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Sie liegt derzeit bei 28 Prozent.

Von den Befragten, die in einer festen Beziehung leben, gibt jede/r Dritte an, dass Eigenschaften wie Toleranz gegenüber den Eigenheiten und der Meinung des Partner/der Partnerin sehr wichtig oder wichtig seien. Gleichzeitig werde dies in der eigenen Beziehung nur "eher", "eher nicht" oder "überhaupt nicht" gelebt.

Für die Fähigkeit, Meinungsverschiedenheiten austragen zu können, miteinander diskutieren und streiten zu können, liegen die Werte zwischen Wunsch und Realität noch weiter auseinander.

Ist diese Diskrepanz verwunderlich? Nicht unbedingt, denn schließlich kommen wir weder mit einer guten Gebrauchsanweisung für Beziehungen auf die Welt, noch haben wir automatisch die geeigneten Vorbilder in unserem Umfeld. Es lässt sich also leicht erklären, dass die Suche nach dem geeigneten Partner oft vergeblich bleibt oder die Qualität der gelebten Beziehung nicht den eigenen Ansprüchen genügt.

Und genau aus diesem Grund gibt es vermutlich die unzähligen Angebote, die Hilfe versprechen. Von unterschiedlichsten Partnerbörsen im Internet bis hin zu jeder erdenklichen Form der Paarberatung scheint für jeden Typ und jedes Beziehungsproblem etwas dabei zu sein. Nach meiner Erfahrung sind viele dieser Angebote allerdings ebenso wenig hilfreich auf dem Weg zu einer glücklichen, stabilen Beziehung, wie Diäten langfristig zum Wunschgewicht führen.

Mein Partner ärgert mich, macht mich traurig oder wütend

Häufig erscheint es uns im Alltag so, als sei unser eigener Zustand die direkte Folge dessen, was andere sagen oder tun. Betrachten Sie dazu bitte einmal folgendes Beispiel:

Christine und Timo sind seit mehreren Jahren ein Paar. Aus beruflichen Gründen ist vor kurzem eine Wochenendbeziehung daraus geworden. Für den Freitagabend um 20:00 Uhr haben sie sich in ihrem Lieblingsrestaurant verabredet, in dem sie schon viele schöne Stunden verbracht haben. Christine ist bereits ein paar Minuten früher eingetroffen, während Timo bisher nicht erschienen ist.

Ab 20:00 Uhr verschlechtert sich Christines Laune mit jeder Minute. Ihre Unzufriedenheit, Traurigkeit, ihre Enttäuschung, der Ärger oder die Wut scheinen eine direkte Folge von Timos Verhalten zu sein.

Das Gleiche gilt übrigens auch für seine Worte. Vor ein paar Wochen waren die beiden nämlich schon einmal in einer ähnlichen Situation. Da hatte Timo Christine am Nachmittag angerufen, um ihr mitzuteilen, dass aus ihrem Treffen nichts werden würde. Er hatte sich entschieden, den Abend mit ein paar Freunden zu verbringen, die zufällig in der Stadt waren.

Christines Laune hatte sich in der Sekunde verschlechtert, in der sie diese Neuigkeit erfahren hatte. Kein Wunder also, dass es Christine so vorkam, als sei der Anruf beziehungsweise die Nachricht die Ursache und der Auslöser für ihren Stimmungswandel gewesen. Ganz gleich, ob es etwas ist, das der andere tut oder sagt – wenn es auf unsere Stimmung schlägt, nehmen wir unser Gegenüber als Verursacher wahr.

Für die angenehmen Gefühle gilt das selbstverständlich genauso. Wäre Timo pünktlich um 20:00 Uhr im Restaurant erschienen, noch dazu mit einer kleinen Aufmerksamkeit im Gepäck, hätte Christine sich vermutlich gefreut. Sie hätte sich geschätzt und geliebt gefühlt.

Oder stellen wir uns vor, er hätte sie mittags angerufen, um ihr mitzuteilen, wie sehr er sich auf den Abend freue. Das hätte vielleicht ein Lächeln in ihr Gesicht gezaubert oder ihr Herz ein wenig schneller schlagen lassen. In beiden Fällen läge es nahe, zu denken, das gute Gefühl hätte etwas mit Timo, ihrem wunderbaren Partner, zu tun.

Ob es die "unangenehmen" Worte oder Verhaltensweisen des anderen oder die "angenehmen" sind, das Schema bleibt das gleiche: Auf der einen Seite stehen sein Verhalten, seine Worte – die Ursache –, auf der anderen Seite ihr "Zustand" – die Folge.

Halten wir also fest, dass es weit verbreitet ist, einen direkten Zusammenhang zwischen dem Verhalten/den Worten des Gegenübers und den eigenen Gefühlen zu unterstellen. Was hat das zur Folge?

Wir wollen schlechte Zustände vermeiden

In der Regel haben wir ein Interesse daran, gute Zustände zu mehren und schlechte Zustände zu meiden. Wenn ich nun davon ausgehe, dass das Verhalten eines anderen sich unmittelbar auf meinen Zustand auswirkt, dann bin ich letztlich davon abhängig, dass mein Gegenüber sich so verhält, wie ich es für mein Wohlbefinden brauche.

Falls es Ihnen schwerfällt, das nachzuvollziehen, könnte dies daran liegen, dass diese Abhängigkeit so allgegenwärtig ist, dass sie uns ganz selbstverständlich erscheint. Solange die Worte und Taten des anderen angenehme Zustände in mir auslösen, ist natürlich alles in Ordnung. Zum Beispiel zu Beginn einer Beziehung, wenn wir verliebt sind. Dann kann der andere kaum etwas tun, das mich in einen schlechten Zustand versetzt.

Doch früher oder später beginne ich, seine Verhaltensweisen zu bewerten und zu unterteilen in solche, die für mich angenehm sind, und andere, die für mich weniger angenehm sind. Ob ich will oder nicht, es gibt dann einfach Worte, die er sagt, und Dinge, die er tut, die mir gefallen, und andere Worte und Dinge, die mir nicht gefallen.

"Es nervt mich, wenn du immer wieder Geschirr benutzt und es anschließend einfach stehenlässt oder nur schmutzig in das Spülbecken stellst. Könntest du es gleich saubermachen und wegräumen oder wenigstens in die Spülmaschine stellen?" Wenn die Antwort lautet: "Na klar, Schatz, danke, dass du mich darauf aufmerksam machst, ich hatte ja keine Ahnung, dass dich das stören könnte" – und wenn sich an- schließend auch noch das entsprechende gewünschte Verhalten einstellt –, dann, ja dann, ist immer noch alles gut.

Doch was, wenn die Antwort, die wir bekommen, nicht dem entspricht, was wir uns wünschen? Wenn ich davon überzeugt bin, dass Worte und Taten des anderen die Ursache für meinen Zustand/mein Wohlbefinden sind, setzt eine unbefriedigende Antwort den Wunsch frei, Einfluss zu nehmen.

Wenn es mir nicht gefällt, was er/sie sagt oder tut, habe ich scheinbar nur eine Wahl: Ich muss mein Bestes tun, damit sich sein Verhalten ändert! Je nach Gemüt bitten wir, werden fordernd, kreativ oder beginnen mit dezenter Beeinflussung. Vielleicht schlagen wir einen Tauschhandel vor – deine Socken gegen meine Zahnpastatube –, wir suchen Kompromisse oder manipulieren im Geheimen.

Manchmal ziehen wir auch unsere Freunde zu Rate und werden von diesen in unserer Sichtweise und der Berechtigung unserer Wünsche bestätigt: "Ist doch klar, dass du wütend bist, weil dein Mann schon wieder zu spät gekommen ist." Oder: "Ich kann gut nachvollziehen, dass du enttäuscht bist, weil sie immer weniger Interesse hat, mit dir zu schlafen."

Wir umgeben uns gern mit den Menschen, die unsere Reaktionen nachvollziehen können. Das scheint den Schmerz zulindern – doch wenn man es genau betrachtet, gießen wir damit nur Öl ins Feuer.

Aus der dezenten Beeinflussung wird gegebenenfalls pure Manipulation. Unter dem Deckmantel der Liebe, unterstützt durch Moralvorstellungen jeder Art, scheint sie der einzige Weg zur Veränderung zu sein. Und zur Manipulation gehören Bestrafung, Belohnung, Druck, strategisches Vorgehen – alles Mögliche also, was sich nicht wirklich nach der Form von Beziehung anhört, die wir gerne führen möchten. Kein Wunder, denn es hat ja auch nichts mehr mit Liebe zu tun.

Doch Achtung! Das Ganze beruht auf einem Irrtum. Bei dem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang fehlt der wichtigste Bestandteil: das Denken. Sein Einfluss ist weit größer, als uns in der Regel bewusst ist. Es ist unser Denken, das unseren Zustand "macht". Wir reagieren auf unsere Gedanken, nicht auf das Verhalten oder die Worte des anderen.

Der Auszug basiert auf dem Buch "Beziehungsprobleme gibt es nicht" von Ralf Giesen

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