POLITIK
08/04/2016 03:56 CEST | Aktualisiert 08/04/2016 10:44 CEST

Experte verrät, weshalb Putin viel weniger Macht hat, als viele denken

Experte verrät, wieso Russlands Politik kein Irrsinn ist – und Putin weniger mächtig als gedacht
dapd
Experte verrät, wieso Russlands Politik kein Irrsinn ist – und Putin weniger mächtig als gedacht

  • Russlandexperte Henning Schröder erklärt, warum das Putin-Bild des Westen falsch ist

  • Der russische Präsident sei "kein großer Entscheider" - wichtiger sei sein innerer Zirkel

  • Im Westen brauche es mehr "Putin-Begreifer", um den Dialog mit Russland wieder aufzunehmen

Wenn Europäer nach Russland schauen, machen sie aktuell zwei Fehler. Erstens: Sie fokussieren sich stark auf die Person Wladimir Putins und zweitens: Sie glauben, dass Putin irrational handele.

Beides, so sagt der Russlandexperte Hans-Henning Schröder im Interview mit der Huffington Post, seien Irrtümer. Und die führten dazu, dass viele westliche Beobachter die wahren Probleme in Russland übersehen - und den außenpolitischen Kurs des Landes falsch einschätzen.

Denn der russische Staatschefs handele sicher nicht aus "persönlicher Kränkung", sagt er. "Putin ist kein Spinner, irrational passiert in Moskau wenig." Aber wichtiger noch: Der Präsident ist keineswegs der starke Alleinherrscher, für den ihn viele halten.

Putin spielt "weniger zentrale Rolle"

Schröder weiß, wovon er spricht. Er war Direktor des Deutschen Instituts für internationale Politik und Sicherheit. Heute ist er Mitherausgeber der "Russland-Analysen“ verschiedener Forschungsinstitute.

Welcher Stellenwert Putin innerhalb dieser Politik zukommt, ist von außen schwierig zu beurteilen. Verschiedene vermeintliche Insider und Experten suggerieren immer wieder, er sei im Kreml lediglich eine Marionette.

Ganz so weit würde Schröder nicht gehen. Aber er habe schon den Eindruck, "dass Putin eine weniger zentrale Rolle spielt, als viele denken.“

So sei der russische Präsident weder ein großer Entscheider noch ein großer Planer. Er sei vor allem ein Moderator, der die kleine Machtelite des Landes zusammenhalte, die die Geschicke Russlands lenkt und große Teile der Ressourcen besitzt. Und diese Elite sei laut Schröder selten einer Meinung. Die unterschiedlichen Strömungen halte Putin gut zusammen. Bislang jedenfalls.

Eine kleine, heterogene Elite

Ein ganz wichtiger Mann in Putins Machtzirkel ist Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow. "Mit seiner sehr rechten Linie scheint er sich momentan durchzusetzen", sagt Schröder. Iwanow gilt als enger Vertrauter des Präsidenten. Er ist ein Hardliner, der bereits einen anti-westlichen Kurs propagierte, als Russland sich noch vehement für eine Partnerschaft mit der EU einsetzte.

Eine weitere wichtige Figur: Alexei Leonidowitsch Kudrin. Dieser war bis 2011 russischer Finanzminister, soll den Präsidenten in Wirtschaftsfragen beraten. Aber: Kudrin ist auch ein Machtmensch, der für Putin zur Gefahr werden könnte.

Derzeit funktioniert das Machtkonstrukt - auch weil alle Seiten profitieren. Die Mächtigen haben aus dem Hintergrund Einfluss auf die Politik. Putin hat seine gewünschte Schlüsselrolle, wirkt nach außen nahezu unantastbar.

Das "PR-Modell Putin"

"Für die Elite ist Putin ein Gottesgeschenk", sagt Schröder. Denn sie weiß: Das Volk misstraut ihr. Putin dagegen ist bei den Russen beliebt. "Es funktioniert noch immer nach dem Prinzip: Guter Zar, böse Bojaren", erklärt der Experte. Die Bojaren waren im Zarenreich Kleinadelige, die von der Bevölkerung verachtet wurden.

Putin sei 1998 - vor seiner ersten Amtszeit als Premierminister - medienwirksam aufgebaut worden: "Zu einem PR-Modell aufgepumpt", wie Schröder es nennt. Auch hieraus resultiert die weit verbreitete Wahrnehmung, er leite die Staatsgeschicke vollkommen autark.

Diese ist für Europa nicht ungefährlich. "Wenn der Westen wieder stärker mit Russland in den Dialog treten will, muss er lernen zu verstehen, wie diese Elite tickt", sagt Schröder. "Wir brauchen mehr Putin-Begreifer“.

Dabei gehe es nicht darum, den Präsidenten als Person verstehen zu lernen. Eher gehe es darum, das politische Handeln Putins innersten Zirkels zu verstehen.

"Wir müssen verstehen: Wo liegen Kompromisslinien – und wo gibt es Punkte, an denen man einfach nicht weiterkommt“, fordert der Osteuropaexperte.

Nur so ist denkbar, dass aus dem "Feind" irgendwann wieder ein Partner wird.

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