POLITIK
07/04/2016 08:18 CEST | Aktualisiert 07/04/2016 11:14 CEST

"Menschen haben Angst, in den Urlaub zu fahren": Immer mehr Kommunen jagen Einbrecher mit privaten Sicherheitsdiensten

dpa

  • Zahl der Einbrüche in Deutschland hat 2015 stark zugenommen

  • Städte und Gemeinden greifen jetzt zu ungewöhnlichen Maßnahmen

  • Dabei droht der Staat aber sein Gewaltmonopol zu verlieren

Die Zahl der Wohnungseinbrüche ist in Deutschland zuletzt drastisch gestiegen. Laut Informationen der "Welt" haben Einbrecher im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro Schaden verursacht. Das ist der höchste Wert seit knapp 20 Jahren. Die Polizei zählte mehr als 160.000 Einbrüche 2015.

Der Staat scheint hilflos. Kein Wunder, dass Bürger und auch Städte zunehmend zur Selbsthilfe greifen - und nicht mehr auf die Polizei vertrauen. Bisher sammelten aber vor allem Bürger Geld, um Sicherheitsdienste für ihre Viertel anzuheuern. Jetzt werden diese aber auch aus städtischen Mitteln bezahlt.

"Bürger fühlen sich nicht mehr sicher in der Stadt"

Ein Beispiel für die vielen Gemeinden und Städte, die mittlerweile zu privaten Sicherheitsfirmen greifen, ist Leimen. Dort gibt es schon seit einigen Jahren einen privaten Ordnungsdienst, der Streife geht. Aber der wurde - auch wegen der gestiegenen Anzahl an Einbrüchen - jetzt noch einmal verstärkt. Die Zahl der Einbrüche in der Stadt hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr als verdoppelt.

"Wir wollen Präsenz zeigen, viele Bürger fühlen sich nicht mehr sicher in der Stadt", begründet der Leiter des Leimener Ordnungsamts Walter Stamm den Schritt.

Der Sicherheitsdienst geht jetzt zwischen 19 und 1 Uhr Nachts auf Streife. Wie groß die Verunsicherung in Leimen ist, zeigt eine weitere Aussage von Stamm: "Manche trauen sich sogar nicht mehr, eine Woche in Urlaub zu fahren." Die Bürger haben Angst, dass ihr Haus nicht sicher ist.

Fühlen sich Menschen in Leimen unsicher, können sie den Sicherheitsdienst auch über die Stadt anrufen und für einen Streifengang in ihr Viertel bestellen.

Auch die CSU-regierte bayerische Stadt Freyung setzt nicht mehr allein auf die Polizei. Sie beauftragte eine private Sicherheitsfirma, die mit einer Streife Tiefgaragen kontrolliert. Außerdem unterzeichnete das Unternehmen mit der Stadt einen Vertrag, so dass der Sicherheitsdienst kurzfristig an Brennpunkten einspringen kann. "City-Streife" nennt sich das Modell in Freyung.

"Polizei kann nicht überall Streife fahren"

Schnappen die Sicherheitsleute einen Einbrecher, rufen sie die Polizei.

Die Polizei ist vom Alleingang im Leimener Ordnungsamt nicht begeistert. "Für die Sicherheit im öffentlichen Raum ist ausschließlich die Polizei zuständig", sagte ein Sprecher der "Rhein Neckar Zeitung".

Die Stadt dagegen meint, dass die Polizei mit der Situation überfordert ist. Die Beamten könnten nicht überall Streife fahren, rechtfertigt sich der Leiter des Ordnungsamtes.

Der Großteil der Städte und Gemeinden lehnt private Sicherheitsdienste auf Staatskosten zwar nach wie vor ab. Schließlich sei es Aufgabe des Staates für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, so das Credo der Kommunen.

Doch private Sicherheitsdienste sind schon länger gut ausgelastet. "Die Anfragen nehmen extrem zu", schwärmte der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) bereits 2014. Die Kriminalität habe "Ausmaße angenommen, die die Polizei nicht mehr in den Griff bekommt".

Und sehen anscheinend auch immer mehr Gemeinden und Kommunen so.

Neben Leimen und Freyung setzt auch Pullach bei München auf einen Sicherheitsdienst. Weil in der wohlhabenden 9000-Einwohner-Gemeinde die Zahl der Einbrüche emporschnellte, schloss sich eine Gruppe Bürger 2014 zusammen und engagierte einen privaten Sicherheitsdienst. Wie in vielen kleineren Gemeinden gibt es in Pullach keine eigene Polizeidienststelle mehr.

So nachvollziehbar die Angst der Bürger in den Kommunen ist - die Reaktionen der Gemeinden deuten auf einen besorgniserregenden Trend in Deutschland hin. Denn wenn öffentliche Sicherheit immer mehr in die Hand von privaten Sicherheitsdiensten wandert, verliert die Polizei an Vertrauen.

Und letztendlich sind es dann nur noch die wohlhabenden Gemeinden und Viertel, die sich Sicherheit leisten können - eine fatale Entwicklung.

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