POLITIK
07/04/2016 14:29 CEST | Aktualisiert 07/04/2016 15:59 CEST

Ein kleiner Junge verschwindet - und das ganze Land schweigt

Flüchtling im "Dschungel" in Calais.
Domino via Getty Images
Flüchtling im "Dschungel" in Calais.

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Kareem verschwand am 30. März. Wahrscheinlich hast du nichts von seinem Verschwinden gehört. Denn Kareem hat keine weiße Haut, kein blondes Haar, keine blauen Augen. Er ist ein kleiner Junge aus Afghanistan, der alleine nach Europa flüchtete. Sein Wunsch: Sicherheit. Sein Ziel: Frankreich.

Das Leben im „Dschungel“

Dort lebte er ohne Eltern oder Geschwister allein im „Dschungel“, einem inoffiziellen Flüchtlingslager in Calais mit mehr als 5.000 Flüchtlingen. Britische Freiwillige bauten ihm im „Dschungel“ eine kleine Holzhütte, gaben ihm etwas zu essen, ein paar Kleider und Zuneigung, die der traumatisierte, verletzliche Junge dringend benötigte.

Kareem war nur eines von Hunderten Kindern, die allein in Calais ankamen. Doch Frankreich wurde für ihn nicht ein Hort der Sicherheit, wie er es sich gewünscht hatte: Aufgrund der Brutalität der französischen Polizei, aufgrund von Tränengas-Einsätzen und Angriffen durch rechte Extremisten wagte Kareem seinen nächsten Schritt – und gleichzeitig den letzten, der bis heute registriert wurde.

Der 11-jährige wurde noch dabei gesehen, wie er verzweifelt versuchte, Calais auf einer Fähre nach Dover zu verlassen. Seither ist er verschwunden. Kein Zeichen. Keine Nachricht. Nichts. Die Behörden in Großbritannien wissen nicht, ob Kareem ankam. Französische Beamte verweigern unsere Bitte, ihn als vermisst zu melden.

10.000 Kinder verschwunden

Liz Clegg ist sehr beunruhigt. Die freiwillige Helferin kümmerte sich um Hunderte Kinder, die verzweifelt im „Dschungel“ herumliefen. Kareem und Liz hatten eine besondere Beziehung. Ohne die Unterstützung von großen Hilfsorganisationen oder vom staatlichen Kinderschutz sorgte sie für ihn, gab ihm Zuneigung, Stabilität und ein kleines Handy mit einer Nummer. Unter dieser ist Kareem nicht mehr zu erreichen.

Und der junge Afghane ist nicht das einzige Kind, um das sich niemand mehr kümmert. Im Januar berichtete Europol, dass 10.000 Kinder, nachdem sie in Europa registriert wurden, einfach verschwunden waren. Helferteams in Griechenland erzählen von Gerüchten, dass Schmuggler damit begonnen haben, Kinder über die Balkanstaaten nach Westeuropa zu bringen, wenn sie im Gegenzug ihre Organe anbieten. Ein widerliches Geschäft, das zu schrecklich ist, um darüber nachzudenken.

calais jungle

Im Februar fand die erste richtige Volkszählung in Calais statt. Es wurde festgestellt, dass 432 der 5497 Flüchtlinge im Lager ohne Begleitung waren. Der Jüngste unter ihnen war gerade acht Jahre. Wir baten die Behörden, den Abriss des südlichen Teils des Lagers zu verzögern, aus Angst, die einsamen Kinder durch die oft gewaltsame Zerstörung zu erschrecken. Niemand hörte auf uns. Unser Gerichtsverfahren gegen den Abriss war erfolglos. Die Polizei übernahm den Platz im „Dschungel“. Die kleinen Holzhütten – die Kinder nannten sie „Zuhause“ – wurden abgerissen und verbrannt.

Wohin mit den Kindern?

Entgegen der Gerüchte waren die staatlichen Frauen- und Kinderzentren bereits voll, sodass die 423 Kinder nicht gehen konnten. Die Zelte wurden nach und nach überflutet und unbewohnbar und die Versorgungszentren rund um Frankreich würden Kinder ohne Begleitung nicht nehmen.

Es folgten endlose Entschuldigungen der französischen und britischen Regierung und Erklärungen über „sichere Unterkünfte“ für die Kinder – von denen es nur wenige gab. Und diejenigen, in denen Kinder aufgenommen wurden, hatten keine Übersetzer. Wenn wir Offizielle baten, einen Übersetzer zu organisieren, wurden wir angefahren, dass diese Kinder ohne Begleitung doch Französisch sprechen sollen.

Letzte Woche führten wir unsere zweite Volkszählung durch und fanden zu unserem Entsetzen heraus, dass es 129 Kinder ohne Begleitung weniger waren.

Wurden sie mit einem Bus zu einer Unterkunft gebracht? Unwahrscheinlich.

Sind sie davon gelaufen? Möglicherweise.

Haben sie es nach Großbritannien geschafft? Wir wissen es nicht.

In Calais sind wir offenbar die Einzigen, die überhaupt wissen wollen, wieso die Kinder verschwinden.

calais jungle

Auch Helfer sind traumatisiert

Verzeiht uns, dass wir keine große staatliche Stelle oder internationale Wohltätigkeitsorganisation sind. Wir sind eine Basis, die vor sieben Monaten mit ihrer Arbeit begann, als wir in Calais ankamen. Fünf Frauen, die mit null Erfahrung eifrig für ein paar Tage helfen.

Wir waren mit der harten Realität konfrontiert, dass es im „Dschungel“ keine großen Hilfsorganisationen gibt: keine Infrastruktur, keine Verwaltung, keine zentrale Essensvergabe. Nur Zelte, ein paar Toiletten – und Kinder. Die paar Briten, die alte Kleider brachten, und die sechs französischen Rentner hatten Probleme mit der ständig wachsenden Zahl von Flüchtlingen.

Seitdem haben wir jeden Moment an jedem Tag gearbeitet, um die Dinge dort in irgendeiner Weise besser machen zu können: Wir organisierten ein großes Lager, um alles Notwendige zu verteilen, bauten zahllose Unterstände für Tausende Mahlzeiten pro Tag. Wir unterstützten Liz Cleggs inoffizielles Frauen- und Kinderzentrum, erweiterten unsere Gruppe um Standorte in Griechenland und im französischen Dünkirchen und nannten uns „Helft Flüchtlingen“.

Wir bauten ein unglaubliches Team mit Menschen auf, die ihr Leben der Hilfe für andere widmen. Auch sie haben keine Ausbildung für die physischen und psychischen Belastungen, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Viele sind traumatisiert von den Erzählungen der Flüchtlinge.

Tränengas gegen Flüchtlinge

Warum sind wir die Einzigen, die für diese Kinder sorgen? Warum sehen sich die Franzosen nicht in der Verantwortung? Und warum hausiert Großbritannien weiterhin mit der Lüge, dass sie irgendwie helfen? Sie verkünden stolz, dass 534.000 Britische Pfund für den Kinderschutz in Calais (eine lächerliche Summe im Vergleich zu den 37 Millionen Pfund für sie für Zäune und „Schutzmaßnahmen“) ausgegeben wurden.

Wir fanden heraus, dass sie nur Terre D' Asile finanzieren – eine kleine französische Unterkunft, die nur 30 Kinder pro Nacht für maximal fünf Tage beherbergt, bevor sie rausgeschmissen werden.

Ein kürzlich veröffentlichter Bericht zeigt, dass sich 61 Prozent aller Kinder in Calais im Lager unsicher fühlen. 70 Prozent der Flüchtlinge im Lager wurden schon mal von der Polizei mit Tränengas attackiert. Kein Wunder, dass so viele der bereits traumatisierten Kinder Großbritannien als ihre einzige Rettung sehen. Viele haben auch das Recht, in Großbritannien zu sein.

Zwischen Bahngleisen und Menschenhändlern

Als im Januar der 15-jährige Masud im Anhänger eines Lastwagens starb, versuchte seine Schwester, ihn in Manchester zu erreichen. Letzte Woche wurde der 17-jährige Mohammed von einem Lastwagen überfahren, als er gerade britischen Boden betreten hatte. Wieder versuchten seine Familienangehörigen vergeblich, ihn zu erreichen.

Nach EU-Recht (Dublin III) hatten beide ein gesetzliches Recht, in Großbritannien zu sein. Doch der Prozess wurde hinausgezögert und die Bedingungen im Lager waren so schlimm, dass Masud und Mohammed nicht länger warten konnten. Sie waren gezwungen, zwischen Bahngleisen oder Menschenhändlern zu wählen.

Kareem und viele der anderen vermissten Kinder sind mittlerweile vielleicht an einem sicheren Ort. Vielleicht – zum Leid derjenigen, die sie lieben – aber auch nicht. Nur zu spekulieren und zu hoffen, kann nicht die Lösung sein. Das haben Kareem und die anderen Kinder nicht verdient.

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