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07/04/2016 11:38 CEST

Grausame Zustände: In bayerischen Kinderheimen werden behinderte Kinder isoliert und eingesperrt

weinendes verschmiertes Kind
sodapix sodapix via Getty Images
weinendes verschmiertes Kind

  • In bayerischen Heimen werden geistig behinderte Kinder zur "Beruhigung" regelmäßig isoliert und eingeschlossen

  • Eltern befürchten, dass ihre Kinder ohne triftigen Grund eingesperrt werden könnten

  • Über einen Vorschlag zum richterlichen Beschluss solcher Maßnahmen wird derzeit am Bundesjustizministerium diskutiert

Time-Out-Räume, Fixierungen, Einschließen im eigenen Zimmer - das können keine sinnvollen Maßnahmen sein, um Kinder mit Betreuungsbedarf vor sich selbst und anderen zu schützen.

Der Bayerische Rundfunk (BR) hat herausgefunden, dass geistig behinderte Kinder in bayerischen Heimen mit freiheitsbeschränkenden Maßnahmen ruhig gestellt werden.

Offizielle Statistiken gibt es dazu nicht, allerdings hat der BR in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung "Die Zeit" durch Umfragen in Heimen dazu einiges herausgefunden.

Nur drei von 21 befragten Heimen, die sich dazu äußerten, gaben an, auf solche Maßnahmen zu verzichten. Die Rechtfertigung der anderen lautet: Diese Maßnahmen dienen der Deeskalation in Extremsituationen und werden nur in Einzelfällen angewandt. Aber ist das wirklich so?

"Die können doch nicht die Kinder einsperren!"

Eine Mutter, die sich für ihren autistischen Sohn verschiedene Heime angesehen hatte, ist fassungslos darüber, dass ihr Einverständnis für solche Maßnahmen offenbar Voraussetzung für eine Aufnahme in ein Heim ist. Sie sollte zustimmen, dass ihr Sohn eingesperrt werden darf; andernfalls könne ihr Kind nicht aufgenommen werden.

"Das war für mich total verstörend", sagte sie dem BR, "die können doch nicht die Kinder in die Zimmer einsperren! Das Argument ist: Das brauchen die Kinder zum Schutz. Das kann auch mal sein, aber nicht in der Masse." Sie hat Angst davor, dass ihr Kind einfach weggeschlossen werden könnte, wenn es Probleme macht.

Mit ihren Bedenken ist sie nicht allein: Zahlreiche Eltern, deren behinderte Kinder in Heimen untergebracht sind, berichten von Situationen, die für sie nicht wie reine Maßnahmen zur Deeskalation aussehen.

Kinder werden nachts eingeschlossen, dürfen nicht zur Toilette gehen

Kinder berichten, wie sie nachts eingeschlossen werden, nicht zur Toilette gehen dürfen, sondern sich in Eimer erleichtern müssen oder sich in Pferdebox-ähnlichen Bereichen und im Dunkeln beruhigen sollen. Ist das noch zu rechtfertigen?

Anders als bei Erwachsenen mit Betreuungsbedarf muss für Kinder bisher kein richterlicher Beschluss vorliegen, der diese Maßnahmen begründet. Die Familienrichterin Isabell Götz am Oberlandesgericht München fordert, dass das geändert werden muss.

Das nehme den Eltern den Druck, solchen Maßnahmen zustimmen zu müssen. Die Einrichtungen würden außerdem zusätzlich von außen kontrolliert. Die Gefahr, dass solche Verfahrensweisen missbraucht und zur Routine werden könnten, wäre somit gebannt - der Vorschlag wird noch vom Bundesjustizministerium geprüft.

Die Staatsanwaltschaft Traunstein ermittelt bereits wegen Freiheitsberaubung gegen ein Kinderheim in Au am Inn. Hier sollen Kinder ohne jede Genehmigung unter "Einschluss nach Tagesplan" stundenlang in ihren Zimmern eingeschlossen worden sein.


Video: Kampagne gegen Kinderehe: In diesem Video verbirgt sich ein geheimer Hilferuf von Kindern