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06/04/2016 15:06 CEST | Aktualisiert 07/04/2016 08:38 CEST

Warum Kinder unter zwei Jahren keine Antibiotika bekommen sollten

Warum Kinder unter zwei Jahren keine Antibiotika bekommen sollten
Vicky Kasala Productions via Getty Images
Warum Kinder unter zwei Jahren keine Antibiotika bekommen sollten

Wenn Kinder krank werden, gehen Eltern oft an ihre Grenzen. Babys und Kleinkinder können noch nicht erklären, was genau ihnen wehtut, oder ob ihnen zu kalt oder zu warm ist. In diesen Momenten sind Eltern hilflos und suchen verständlicherweise nach einem Mittel, das ihrem Kind möglichst schnell hilft.

Zu oft bekommen Kinder dann Antibiotika - und das kann unangenehme Folgen haben.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder vor ihrem zweiten Geburtstag möglichst gar keine Antibiotika bekommen sollten. Denn diese haben einen negativen Effekt auf die Darmflora, die für viele Prozesse im Körper eine entscheidende Rolle spielt.

Eine neue Studie der Universitäten Colorado und Pennsylvania kam zu dem Ergebnis, dass Antibiotika, das Risiko für Übergewicht bei Kleinkindern erhöhen.

“Unsere Arbeit belegt die Theorie, dass Antibiotika die Zusammensetzung und Funktion der Darmbakterien stufenweise verändern und Kinder dadurch für Übergewicht anfällig machen", sagte Studienleiter Frank Irving Scott.

Antibiotika beeinflussen Darmbakterien von Kindern

Andreas Flemmer, Leiter der Neonatologie der Universitätsklinik München erklärt, dass die anfängliche Ernährung und Versorgung von Babys einen Einfluss darauf hat, wie Nahrung im Körper verwertet wird.

“Damit könnte man auch einen kausalen Zusammenhang zwischen einer Antibiotikagabe in der frühen Entwicklung und späterer Fettleibigkeit erklären”, sagte er der Huffington Post.

“Wir versuchen in unserer Neonatologie, wo viele Kinder Antibiotika ausgesetzt sind, um zu überleben, das Mikrobiom (Mikroorganismen im menschlichen Körper) durch die exklusive Gabe von Frauenmilch (auch als Spendermilch) positiv zu beeinflussen.”

Die neuen Ergebnisse untermauern eine Langzeitstudie der New York University, die bereits 2012 zu dem Schluss kam, dass Kinder, die vor ihrem zweiten Geburtstag mit Antibiotika behandelt werden, ein um mindestens 22 Prozent erhöhtes Risiko für Übergewicht haben.

22 Prozent erhöhtes Risiko für Fettleibigkeit

Die Forscher aus New York hatten mehr als 11.000 Kinder untersucht und parallel Versuche mit Ratten durchgeführt.

Sie stellten fest, dass Kinder, die vor ihrem sechsten Lebensmonat mit Antibiotika behandelt worden waren, mit drei Jahren ein um 22 Prozent erhöhtes Übergewichts-Risiko hatten.

In Versuchen mit Ratten konnten die Forscher nachweisen, dass schon geringe Mengen ausreichen, um eine ungewöhnlich starke Gewichtszunahme auszulösen. Aus diesem Grund werden Antibiotika auch seit Jahrzehnten in der Viehzucht eingesetzt.

Antibiotika nur, wenn sie wirklich nötig sind

Die Ergebnisse der beiden Studien sollten nicht davon abhalten, Antibiotika zu verschreiben, wenn sie wirklich nötig sind. Aber sie sollten “Eltern und Ärzte dazu ermutigen, zweimal zu überlegen, ob sie wirklich nötig sind, wenn kein bekannter Befund vorliegt”, sagte der promovierte Mediziner Scott.

Fest steht, dass in Deutschland zu viele Antibiotika verschrieben werden. In den Niederlanden bekommen Kinder diese Medikamentenart nur halb so oft wie hierzulande, obwohl deutsche Kinder nicht häufiger krank sind.

Das hat Edeltraut Garbe vom Leibniz-Zentrum für Präventionsforschung und Epidemologie in Bremen in einer Vergleichsstudie festgestellt.

Antibiotika werden auch bei viralen Infekten verschrieben

Viele Kinderärtzte verschreiben bei Infekten Antibiotika, ohne zu prüfen, ob es sich möglicherweise um einen viralen Infekt handelt, bei dem Antibiotika gar nicht greifen.

Michael Kresken von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft geht sogar davon aus, dass insgesamt 40 bis 60 Prozent der Antibiotika-Rezepte Falschverordnungen sind.

Das liegt einerseits an Medizinern, denen eine Blutuntersuchung oder ein Abstrich zur Ermittlung der Erreger zu aufwendig ist. Andererseits liegt es an den Patienten - häufig Eltern, die nicht lange bei ihren kranken Kindern zu Hause bleiben können - die von den Ärzten ein wirksames Medikament fordern.

Die Folge ist neben dem steigenden Übergewichts-Risiko eine zunehmende Antibiotika-Resistenz in der Bevölkerung. Doch das ist nicht alles.

Frühere Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Antibiotikagabe bei Kleinkindern und einen Erhöhten Risiko für Asthma, Neurodermitis und ein Reizdarmsyndrom festgestellt.

Eltern sollten daher wachsam sein, sobald ihren Kleinkindern das Medikament verschrieben wird.


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