LIFE
06/04/2016 11:44 CEST | Aktualisiert 06/04/2016 12:57 CEST

Liebe Eltern, eure Kinder haben ein Problem mit Respekt

Liebe Eltern, bringt euren Kindern endlich Respekt vor Erwachsenen bei
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Liebe Eltern, bringt euren Kindern endlich Respekt vor Erwachsenen bei

Dauernd sprechen wir über Eltern, Kinder, Erziehung und alles, was dazu gehört. Zum Beispiel darüber, wie empfindsam die kindliche Psyche ist. Oder darüber, dass Kinder Freiheit brauchen.

Das ist ja in Ordnung. Schön, dass Familie endlich wieder ein Thema ist. Ja, Kinder sind verletzliche Feenwesen. Kleine Schmetterlinge, denen wir dabei helfen müssen, ihre Flügel auszubreiten. Aber das bringt mir wenig, wenn sich ein Achtjähriger an der Kasse an mir vorbeidrängelt, mir dabei auf den Fuß tritt und seine Mama ihm dafür noch seelig über die Haare streicht.

Bei aller Förderung, bei aller Liebe, versäumen viele Eltern eines: Ihre Kinder zu respektvollen Menschen zu erziehen. Viele Eltern. Nicht alle. Auch nicht die meisten. (Ihr müsst jetzt also nicht in Schnappatmung ausbrechen, liebe Foren-Mütter. Es kann gut sein, dass ich euch gar nicht meine.)

Wie reagiert man auf unhöfliche, fremde Kinder?

Ich habe das Gefühl, dass Kinder heute oft unverschämter sind als früher. Deswegen bin ich noch keine Kinderhasserin. Ich möchte zwar selbst keine bekommen, aber ich habe viele entzückende Kinder kennengelernt. Kleine Mädchen, die mir von ihrem Lieblingspony erzählt haben. Der Sohn meiner früheren Chefin, der uns im Büro besuchte und mir seine Bilderbücher zeigte.

Leider hatte ich auch einige Begegnungen, bei denen ich nicht wusste, wie ich mich verhalten soll. Wie reagiert man, wenn ein fremder Junge im Grundschulalter einen absichtlich mit einem Fußball bewirft und die Eltern nicht in Sicht sind? (Na gut, ich habe den Ball aufgehoben und ins nächste Gebüsch befördert.)

Noch Schlimmeres erlebte ich, als ich einmal die Straße entlangging und mir zwei etwa 12-jährige Jungen entgegen kamen. Der eine schrie mir ins Gesicht. Einfach so. Weil er es konnte. Ich war so wütend, dass ich ihm hinterherrief: "Was wollt ihr überhaupt ihr Pimpfe?" (Nicht die originellste Antwort, ich weiß).

"Du siehst aus wie eine Nutte", brüllte er dann und machte Anstalten, umzukehren. Ich versuchte, unbeeindruckt weiterzugehen und atmete hinter der nächsten Ecke erleichtert auf, als er mir nicht folgte.

Jedes fünfte Kind ist psychisch auffällig

Natürlich gab es auch freche Kinder, als ich klein war. Kinder, die Schlägereien anfingen und andere hänselten. Aber es gab immer diese eine magische Grenze, die keiner überschritt: Alle Kinder, die ich kannte, hatten vor Fremden Respekt. Niemals hätten sie einen Erwachsenen angerempelt oder beschimpft. Und wenn ein Erwachsener sie rügte, bekamen sie vor Scham rote Ohren.

Studien haben gezeigt, dass inzwischen immer mehr Kinder verhaltensauffällig sind. "Der Anstieg ist erschreckend", warnen Kinder- und Jugendärzte.

"Heute kommen Kinder zu uns, die grundlegendes Sozialverhalten nicht kennen", sagte mir einmal eine Erzieherin. Sie arbeitete bei einer Nachmittagsbetreuung, die in einem der sogenannten "Problemviertel" liegt. Dort, wo die Arbeitslosigkeit hoch ist und wo triste Plattenbauten stehen. Die Erzieherinnen müssen den Kleinen beibringen, "Danke" zu sagen, sich die Hände zu waschen und mit Besteck zu essen.

Es betrifft nicht nur eine soziale Schicht

Sicher ist das auch und gerade ein Problem in sozial benachteiligten Familien. Oft werden Kinder dort von ihren Eltern vernachlässigt. Kindergärten und Schulen sollen gefälligst die Erziehung übernehmen.

Es ist aber zu einfach, das als Problem einer sozialen Schicht abzutun. Oder als eines, das nur Kinder mit Migrationshintergrund betrifft. Denn auch besser situierte Eltern können kleine Monster erschaffen.

Während meines Studiums gab ich Nachhilfe. In einem Kurs saß ein lustloser Sechstklässler, der mich als "Arschloch" bezeichnete. Sein Vater erschien beim Abholen stets im Maßanzug, deshalb vermute ich, dass die Familie wohlhabend war. "Ich rede mal mit ihm", sagte er nur, als ich ihn auf das Verhalten seines Sohnes ansprach.

Im gleichen Kurs betreute ich einen türkischstämmigen Jungen, der die Lerninhalte begeistert aufsog und immer höflich war. Als ich seine Mutter traf, merkte ich warum. Sie lebte vor, wie man respektvoll mit anderen Menschen umgeht.

Also, liebe Eltern: Ihr habt mein Verständnis und meine Unterstützung, wenn euer Baby im Restaurant schreit oder euer Kleinkind einen Tobsuchtsanfall im Supermarkt bekommt. Kinder sind keine Maschinen. Ich weiß das, weil ich selbst mal eins war.

Aber es sollte für euch selbstverständlich sein, eurem Nachwuchs ein Grundmaß an Höflichkeit beizubringen. Das ist eure Verantwortung.