POLITIK
06/04/2016 17:27 CEST | Aktualisiert 25/04/2016 11:05 CEST

Mutmaßliche Belästigungen von Kiel - Kritik an Polizei und Medien wächst massiv

Der Sophienhof in Kiel
dpa
Der Sophienhof in Kiel

  • Richtigstellungen im Fall der mutmaßlichen Belästigungen in Kiel

  • Keine Fotos oder Videos auf den Handys der jungen Männer gefunden

  • Polizei und Medien stehen in der Kritik

Junge Mädchen von "Männer-Mob" von Migranten bedrängt, massiv belästigt und dabei gefilmt: So hieß es in den Schlagzeilen, die Ende Februar wegen eines Falls im Kieler Einkaufszentrum "Sophienhof" die Runde machten.

Gestützt hatten sich die Berichte auf die offiziellen Angaben der Kieler Polizei. Doch nun stellt sich heraus: Es gab gar keine Bilder oder Videos. Ein Teil der Vorwürfe ist damit hinfällig.

Zwei Afghanen sollen drei Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren belästigt und verfolgt haben, hieß es ursprünglich in der Mitteilung. Im Verlauf des Vorfalls hätten sich "sukzessive 20 bis 30 weitere Personen mit Migrationshintergrund" eingefunden und sich beteiligt.

Angebliche Tatsachen statt Mutmaßungen

Die Polizei stellte dies in ihrer damaligen Meldung als Tatsache dar - ein eindeutiger Verstoß gegen den rechtsstaatlichen Grundsatz, dass das Gericht und nicht die Polizei über Schuld und Unschuld befindet und grundsätzlich von einer Unschuldsvermutung ausgegangen wird.

Später räumte man ein, dass diese angeblichen Tatsachen doch nur ein Verdacht seien - und auch, dass die beiden mutmaßlichen Täter nicht 19 und 26, wie zunächst angegeben, sondern beide 17 Jahre alt und somit noch minderjährig sind.

Auch die Informationspolitik der Polizei steht in der Kritik - tatsächlich stellten sich auch angebliche Fakten als Falschmeldung heraus.

Fotos? Fehlanzeige

Aufgedeckt hat das die Kieler Staatsanwaltschaft, die sich seit einigen Tagen mit dem Fall befasst. Selbst nach der Auswertung von rund 40.000 Bilddateien kamen sie nämlich zu dem Schluss: "Auf ihren Mobiltelefonen wurden weder Filme noch Videos von den Mädchen sichergestellt", sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler am Dienstag.

Der stellvertretende Landespolizeidirektor Joachim Gutt sprach noch Anfang März am Rande des Innen- und Rechtsausschusses im Landtag davon, es seien Fotos der Opfer gefunden worden. Nun muss er einräumen, dass diese nicht die betreffenden Mädchen zeigten.

Nicht nur der Polizei wird Schuld gegeben

Von einer erschreckenden Pannenserie der Ermittler ist nun die Rede. Doch auch die Medien stehen in der Kritik, die Polizei unter Druck gesetzt und den Fall unnötig aufgebauscht haben.

Die Gewerkschaft der Polizei verweist mit Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit der Beamten auf einen "Spagat zwischen dem sofortigen öffentlichen Informationsanspruch und der Gefahr einer frühen und damit möglicherweise nicht vollständigen Bekanntgabe von Sachständen".

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun nur noch wegen Widerstands gegen Polizisten, Körperverletzung und Beleidigung gegen die beiden 17-jährigen Männer. Komplett erfunden wie zahlreiche andere Fälle aus Berlin, Köln oder Mönchengladbach ist die Nachricht aus Kiel also nicht. Es ist möglich, dass auch die Belästigungen stattgefunden haben - nachweisbar und strafrechtlich zu verfolgen sind sie aber wohl nicht mehr.

Mehrere Augenzeugen zeichneten gegenüber den „Kieler Nachrichten“ allerdings ein anderes Bild. „Das war keine Massenbelästigung“, sagte der Mitarbeiter eines Restaurants. Vielmehr hätten sich die beiden jungen Afghanen vor den Mädchen aufgespielt. „Die fühlten sich halt toll und dachten, das kommt bei den Mädels an“, sagte der Mann der Zeitung.

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