POLITIK
11/04/2016 05:23 CEST | Aktualisiert 11/04/2016 05:57 CEST

Wie ein Österreicher und ein Deutscher den IS erfolgreich machten

Warum ein Österreicher und ein Deutscher eine tragende Rolle im IS spielen
Dado Ruvic / Reuters
Warum ein Österreicher und ein Deutscher eine tragende Rolle im IS spielen

  • Zwei deutschsprachige Männer haben der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) zu ihrem grausamen Erfolg verholfen

  • Sie haben die Medienstrategie der Dschihadisten geprägt wie wenige andere

"Die Deutschen und die Österreicher spielen eine tragende Rolle im Islamischen Staat." Diese These der österreichischen Nahost-Expertin Petra Ramsauer verwundert erst einmal.

Der IS verfügt nach Schätzungen der US-Regierung über 19.000 bis 25.000 Kämpfer; aus Deutschland kommen wohl keine 800, aus Österreich nicht mehr als 300. An den Zahlen kann es also nicht liegen.

Doch es ist seine Propagandamaschinerie, die den IS so gefährlich macht. Und die wurde nach Ramsauers Beobachtung von einem Österreicher und ein Deutscher maßgeblich mit aufgebaut.

Die Rede ist zum einen von Mohamed Mahmoud, dem Propaganda-Strategen. Und zum anderen von Denis Cuspert, dem Propaganda-Musiker.

Der Österreicher: Mohamed Mahmoud

mohamed mahmoud

Mohamed Mahmoud in einem Propagandavideo des IS

Mahmoud, der sich heute "Abu Usama al-Gharib" nennt, wuchs Wien auf, als Sohn eines ägyptischen Muslimbruders. Er brach mit 17 die Schule ab und ließ sich, so vermutet man, in einem Terrorlager von Al-Kaida ausbilden.

Der Deutsche: Denis Cuspert

Auch bei Denis Cuspert lief die Jugend mies. Er wurde in Berlin geboren, wuchs vor allem in Heimen auf, wird kriminell und schien dann als Rapper "Deso Dogg" die Kurve zu kriegen.

Bis zu einem Autounfall 2008, bei dem er sich eine Kopfverletzung zuzog. Freunde, schreibt Ramsauer hatten den Verdacht, dass er sich seine Songtexte danach nicht mehr merken konnte. Er konvertierte zum Islam und nannte sich "Abu Talha al-Alamani".

Der Österreicher: Mohamed Mahmoud

Wieder zurück in Europa gründete Mahmoud die "Globale Islamische Medienfront" (GIMF) und wurde ein "Star" der Szene, wie der Terrorexperte Guido Steinberg schreibt.

Die GIMF wurde zu einer der wichtigsten Propagandaorganisationen von Islamisten in deutscher Sprache, die unter anderem mit Anschlägen in Deutschland drohte.

Technisch war Mahmoud damals allerdings noch nicht allzu versiert. Ein Drohvideo lud er direkt von seinem Rechner ins Netz – und wanderte dafür 2007 in Österreich erstmal für vier Jahre in den Knast. Es dauerte nicht lange, bis er und Cuspert sich kennenlernten. Noch im Gefängnis nahm Mahmoud Kontakt zu Cuspert auf.

Der Österreicher skizzierte schon früh, wie der IS funktionieren würde

In dieser Zeit schrieb Mahmoud ein 300 Seiten langes Pamphlet, das Ramsauer in Teilen lesen konnte. Ramsauer fand in dem Text Belege, dass Radikale in Europa den IS nicht nur unterstützen, sondern ihn sogar gründeten.

Der Dschihadist habe in dem Dokument den IS und seine Rolle skizziert, schreibt Ramsauer in ihrem Buch "Die Dschihad Generation". "Vom Aufbau eines ersten terroristischen Imperiums bis hin zur Expansion im World Wide Web“ habe Mahmoud damals schon alles beschrieben.

"Unsere Waffe ist das Internet", wird Mahmoud später einmal dem "Spiegel"sagen.

Gewalt als Selbstzweck

Kennzeichen von Mahmouds Strategie ist "die schonungslose Instrumentalisierung von Grausamkeit", so Ramsauer. Für den Radikalen erfülle sie eine Doppelfunktion:

  • 1. Die Henker aus den Videos vermitteln, dass sie keine Angst haben. Ihre Botschaft ist: Wenn ihr mir helft, gehört ihr zu den Herrenmenschen, sagt Ramsauer. Und damit treffen sie einen schwachen Punkt bei ihren Anhängern, das geringe Selbstwertgefühl.
  • 2. Die Grausamkeit hat Nachrichtenwert. "Mahmoud weiß, wie Journalisten im Westen ticken", sagt Ramsauer. Auch wenn Medien die Videos nicht zeigen - sie beschreiben häufig, wenn ein Mensch gehenkt oder in einem Käfig verbrannt wird.

Damit unterscheidet sich die Propaganda des IS fundamental von der von Al-Kaida. Die war sehr viel weniger blutrünstig als die des IS.

Vom Versager zum Dschihadisten-Chorleiter

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis zog Mahmoud nach Deutschland, wo Cuspert lebte. "Sie ergänzten sich", findet Ramsauer. Das Ergebnis ihrer Arbeit: "Dschihadismus als massentaugliche Popkultur".

Cuspert packt die Aufforderungen zum Kampf in Rapsongs, "Kampf-Nadschis" genannt. "Dschihadisten-Chorleiter" nennt Ramsauer ihn auch.

Um ihre Propaganda verbreiten zu können, gründeten sie in Solingen den Verein "Millatu Ibrahim". Nachdem diese verboten wurde, setze sich Mahmoud in den Nahen Osten ab – noch bevor Deutschland ihn abschieben konnte.

Bevor er endgültig untertauche, saß Mahmoud noch in türkischer Haft. Nach eineinhalb Jahren, im August 2014, kam er frei – es gab Gerüchte, die Türkei habe ihn und 180 andere Islamisten aus Europa gegen 50 IS-Geiseln ausgetauscht.

Abgetaucht in Syrien

Über seine Aktivitäten im selbst ernannten Kalifat ist nur wenig bekannt. Klar ist, dass er dort Propaganda des IS für den Westen managt. Zusammen mit Cuspert, der sich irgendwann zwischen 2012 und 2013 ins Reich des IS abgesetzt hat.

Was über die Aktivitäten der beiden an die Öffentlichkeit dringt, ist brutal. Ein IS-Propagandavideo zeigt, wie Mahmoud mit einem anderen Kämpfer zwei Menschen in Palmyra erschießt.

denis cuspert

Denis Cuspert tauchte ebenfalls in Videos des IS auf

Hoher Stellenwert der Propagandakrieger

Die Propagandakrieger stehen nach Informationen Ramsauers über vielen klassischen Kämpfern des IS – sie hätten bessere Häuser bekommen und mehr Geld.

Seit Dezember haben sich die Online-Aktivitäten des IS allerdings verringert, sagt Ramsauer. Sie vermutet einen Mangel an Manpower, vielleicht wegen der gezielten Luftschläge gegen den IS.

Einfluss der Deutschsprachigen scheint zu schwinden

Auch Mahmoud scheint weniger aktiv zu sein. Informationen über seinen Tod hat Ramsauer nicht, aber er scheint nicht voll einsatzfähig zu sein. Cuspert starb, nach allem, was bekannt ist, 2015 in der "Hauptstadt des IS", Rakka.

Damit geht der Einfluss der Deutschsprachigen vielleicht zurück. Aber die perverse Propaganda wird wohl weitergehen. Wer stirbt, wird schnell ersetzt, sagt Ramsauer.

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