LIFE
05/04/2016 04:44 CEST

An alle überfürsorglichen Eltern: Was tut ihr euren Kindern an?

An alle überfürsorglichen Eltern: Was tut ihr euren Kindern an?
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An alle überfürsorglichen Eltern: Was tut ihr euren Kindern an?

Als ich fünf Jahre alt war, durfte ich sonntags Brötchen holen gehen. Ich nahm Geld und eine Einkaufstüte mit und verließ das Haus. Ganz allein. Zugegeben, es war kein weiter Weg. Ich musste einmal abbiegen und eine Ampel überqueren, um zum Bäcker zu gelangen. Dort stellte ich mich in der Schlange an und sagte der Verkäuferin, welche Brötchen sie einpacken sollte. Und dann ging es auch schon zurück. Über die Straße, vorbei an gefährlichen Ausfahrten, über Fahrradwege hinweg bis hin zu unserer Haustür. Es war mein kleines Abenteuer, jeden Sonntag.

Heute gibt es nicht viele Fünfjährige, die alleine zum Bäcker gehen dürfen. Das Kind, auf das ich während meines Studiums manchmal aufpasste, durfte in diesem Alter nicht einmal die Rutsche im Garten benutzen, solange kein Erwachsener daneben stand. Die Verletzungsgefahr sei einfach zu groß.

Mit fünf bin ich nicht nur alleine zum Bäcker gegangen. Ich habe Spaziergänge mit meiner Freundin und unseren Puppenwagen gemacht. Ohne Erwachsene. Manchmal sind wir auf Bäume geklettert oder wir haben versucht, im Stehen zu schaukeln.

Wir haben uns die Knie aufgeschlagen und die Köpfe gestoßen. Meine Freundin hat sich sogar einmal den Arm gebrochen, als sie von einem Klettergerüst gefallen ist. Trotz allem haben wir keine bleibenden Schäden davon getragen. Genau wie unzählige Generationen vor uns.

Deshalb frage ich mich, warum Eltern heute so empfindlich geworden sind. Ein kleiner Kratzer muss sofort desinfiziert und verbunden werden. Eine Beule am Kopf löst ein mittelschweres Drama über die Schuldfrage aus. Ein Ausflug zum Bäcker - unbeaufsichtigt! - ist für Kinder heute kaum denkbar.

Aber, liebe Eltern, wisst ihr, was ihr euren Kindern damit antut?

Vor wenigen Wochen hat die University of British Columbia eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass Kinder unbedingt alleine und unbeaufsichtigt spielen sollten. Sie sollten sich dabei sogar in Gefahr begeben, hin und wieder ein Risiko eingehen - denn das ist nicht nur für ihre körperliche Gesundheit wichtig, sondern auch für die Entwicklung von Kreativität, Belastbarkeit und sozialen Fähigkeiten.

Die Wissenschaftler konnten belegen, dass Kinder, die draußen spielen, toben, klettern und springen, in jeder Hinsicht gesünder sind als Kinder, die wohlbehütet in der Wohnung bleiben.

Kinder sollten die Chance bekommen, am eigenen Leib zu erfahren, was Gefahr bedeutet, wie man ein Risiko richtig einschätzt und wo die eigenen Grenzen liegen.

Aber wie sollen Kinder diese Erfahrung machen, wenn Mama oder Papa ständig neben der Rutsche stehen, jederzeit bereit, eine Hand auszustrecken, um den Sprößling vor einem blauen Fleck zu bewahren?

Und noch viel wichtiger: Wie sollen Kinder dahinter kommen, dass ein Sturz von der Wippe zwar wehtun kann, aber kein Weltuntergang ist? Wie sollen sie den Ehrgeiz entwickeln, so lange über die Wippe zu balancieren, bis sie nicht mehr herunterfallen? Wie sollen sie Spaß an Herausforderungen entwickeln? Wie sollen sie lernen, ihre eigenen Fähigkeiten einzuschätzen?

Indem ihr versucht, eure Kinder vor allem zu beschützen, das eine potentielle Gefahr darstellt, macht ihr ihnen Angst. Ihr übertragt eure eigene Angst auf eure Kinder.

Eine Umfrage des Instituts YouGov hat letztes Jahr gezeigt, dass zwei Drittel der befragten Eltern "große Bedenken" haben, ihre Kinder alleine draußen spielen zu lassen. 77 Prozent gaben an, dass ihre Kinder weniger Zeit in der Natur verbringen, als sie es selbst in ihrer Kindheit getan haben.

Versteht mich nicht falsch - ich kann verstehen, dass ihr Angst habt. Eure Kinder sind das Wichtigste in eurem Leben. Wenn sie bluten, blutet auch ihr ein bisschen. Wenn sie weinen würdet auch ihr am liebsten weinen.

Aber vielleicht solltet ihr einmal darüber nachdenken, was euren Kindern mehr schadet: Ein aufgeschlagenes Knie oder lebenslange Verunsicherung.


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