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05/04/2016 13:53 CEST | Aktualisiert 05/04/2016 14:27 CEST

Unerkanntes Potenzial: Wenn das Schulsystem versagt

PeopleImages via Getty Images
A young boy resting his head on his arms as he sits in a classroom looking bored

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"Jugendliche in jedem Land befinden sich zu einem gewissen Maß in demselben Dilemma. Sie wurden für ein Leben unterrichtet und ausgebildet, welches nicht existiert." Pearl S. Buck

Meine Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem sind keine »schöne Geschichte«. Seit dem Abitur waren viele Jahre vergangen. Inzwischen war ich in der Welt herumgekommen, hatte an vielen Orten gearbeitet, und meine Begeisterung für diese emotionale Zeitreise hielt sich in Grenzen.

Ich sah meine Notizen aus der damaligen Zeit durch und traf mich mit ehemaligen Schulfreunden. Wir sprachen über »die alten Zeiten« und hatten alle ähnliche Erfahrungen gemacht. Da wurde mir wieder bewusst, wie aktuell und wichtig das Thema Schule ist.

Die deutsche Schule hat viele Jahre meiner Jugend belastet - und es brauchte weitere Jahre, um mich von diesen Erfahrungen zu erholen. Ich habe versucht, so ehrlich wie möglich meine Erlebnisse als Schüler an mehreren deutschen Schulen zu schildern, nichts zu schönen oder zu dramatisieren, und damit einen Beitrag zu der Erkenntnis zu leisten, was täglich so oder so ähnlich in den Klassenzimmern vor sich geht.

Ein neuer Lebensabschnitt

Ich wuchs in Berlin, damals noch Berlin-West, im amerikanischen Sektor auf. Ein geteiltes Deutschland und der demokratische Teil Berlins gehörten für mich genauso zum Alltag, wie das klackende Geräusch der Boots der amerikanischen Infanteristen, die ihre frühmorgendliche Präsenz auf der Straße deutlich machten.

Ich werde den Sommertag nie vergessen, als wir im Garten des Kindergartens versammelt waren - unsere Eltern, die Erzieherinnen und wir Kinder. Sechs Jahre alt war ich damals, reichte meinem Vater bis zur Hüfte und hatte gerade meine erste Ausbildung im Sandburgenbauen und verbotenen Klettern auf Bäume in einem der wenigen freien evangelischen Kindergärten Berlins abgeschlossen.

Ein neuer Lebensabschnitt sollte beginnen. So zumindest verhießen es die Silvesterkracher, die zur Feier des Tages angeschafft worden waren. Jedes Kind durfte sich einen aussuchen. Die Eltern tranken Tee und Limonade, lachten und freuten sich für uns.

Ich weiß nicht mehr, für welchen der bunten Böller ich mich entschied, doch eines ist mir von dem Tag in Erinnerung geblieben - ein unsicheres Gefühl. Während meine Freunde es nicht mehr erwarten konnten, in die erste Klasse der Grundschule zu wechseln, endlich auch zu »den Großen« gehören zu können, war ich mir nicht sicher, ob das wirklich eine Verbesserung sein würde.

Auf Entdeckungsreise

Ich war und bin bis heute Autodidakt und hatte es sehr genossen, dass die Erzieherinnen mich gewähren, mich in meinem Tempo lernen und entdecken, ließen. Was bedeutete: ohne Pause, im fünften Gang. Ich lernte sehr schnell, meist über das Gehör, und so konnte ich die Hörspiele auf den Kassetten, die es im Kindergarten gab, bald auswendig rezitieren.

Wenn die anderen nachmittags zum Schlafen geschickt wurden, weigerte ich mich entschieden. Es gab zu viel zu entdecken und da ich nichts anstellte und die anderen nicht störte, ließen mir die Erzieherinnen freie Hand.

»Irgendwann wird er schon vor Müdigkeit umfallen«, meinten sie. Das Gewährenlassen war meinen Eltern ganz recht. »Unser Sohn schläft nachts wie ein Stein«, sagte meine Mutter. »Von sieben bis sieben, ganz ruhig und fest.« So konnte ich ungestört die Welt entdecken, meine Erzieherinnen hatten eine Sorge weniger und meine Eltern nachts erholsamen Schlaf.

Der Tag der Einschulung war schließlich gekommen. Ich freute mich über das überdimensionale Hütchen, die glitzernde Schultüte. Sechs Jahre auf dem Zähler, nichts geleistet und trotzdem 'ne dicke Tüte Süßigkeiten in der Hand.

Genuss einer Ausbildung an der Blockflöte

»Bitte lächeln!« Blitzlicht, Jubel, Geklatsche, und wir waren für immer auf Zelluloid verewigt - Klasse 1 C, »Die Bienen«, war offiziell an der Grundschule aufgenommen. Einen unbeschwerten Tag hatten wir hinter uns - 13 quälende Jahre lagen noch vor uns.

Das bekamen wir schon ab dem zweiten Tag zu spüren. Der Zufall sollte Frau B. zu unserer Klassenlehrerin machen. Sie war Mitte 50 und ihre schulpädagogische Ausbildung stammte demzufolge aus den 1950/60er-Jahren.

Sie war Grundschullehrerin aus Überzeugung, verstand keinerlei Spaß und war mit den Schülern völlig überfordert. Sie lachte selten bis gar nicht, niemals aber spontan, und ihre Mundwinkel waren stets nach unten gezogen. Dass nach 30 Jahren althergebrachte Tradition und Pädagogiktheorien nicht mehr so recht passen wollten, ignorierte Frau B. beharrlich.

Zudem hatte sie eine Mission: Jeder Schüler und jede Schülerin sollte in den Genuss einer Ausbildung an der Blockflöte kommen - von ihr persönlich, versteht sich. Die Mehrzahl der Schüler fügte sich ihrer Anordnung ohne Widerworte, und es gab auch einen kleinen Teil, der nur darauf brannte, endlich in der hohen Kunst des Flötens unterrichtet zu werden.

Unerbittlicher Kreuzzug

Und es gab mich. Der einzige Schüler, der sich nicht ohne Widerworte das Stück Holz in den Mund schieben ließ. Mein Interesse galt der Gitarre, Flöte war mir zu langweilig und eine Zumutung für die Ohren - schließlich konnte keiner von uns spielen.

Ich war noch zu jung für die Spielregeln des Opportunismus und gepaart mit kindlicher Naivität konfrontierte ich Frau B. und versuchte deutlich zu machen, dass ich an einem anderen Instrument unterrichtet werden wollte. In ihrer Lesart hieß das, dass ich sie persönlich nicht wertschätzte, was ihrerseits zu einem Vergeltungsschlag führte.

Ab diesem Moment zählten objektive Leistungen und Begabungen nicht mehr. Sofort wurde mir sämtliches Rhythmusgefühl abgesprochen, ich könne keinen Takt halten, eine Stimme hatte ich auch nicht, auch kein Gehör und taugte demzufolge auch nicht zum Singen.

Im Prinzip war ich eine einzige Zumutung für sie - musikalisch völlig unbegabt, nicht förderungswürdig - Note Vier; aber auch nur gerade so. Tag zwei, Lektion eins: Kritische Aussagen von Schülern werden selbstverständlich als persönliche Angriffe genommen. Frau B. ritt unerbittlich ihren Kreuzzug - entweder ich lerne Flöte spielen, wie jeder andere auch, oder sonst...

Talent an der Triangel

Ich fügte mich schließlich, doch Spaß machte mir das Flötespielen nie und demzufolge tendierte der Lernerfolg gen null. Beim Musizieren in der Gruppe war ich folglich der perfekte Kandidat für das einzige Instrument im Arsenal, welches weder viel Taktgefühl noch Gehör, Stimme oder sonst etwas verlangte: die Triangel.

Die Hauptrollen der wenigen Theaterstücke, die wir aufführten, wurden allesamt mit den Koryphäen des Flötenunterrichts besetzt. Auch hier hatte ich selbstredend nur unzureichende Qualifikationen.

Ganz fernhalten konnte mich Frau B. nicht, und so war ich regelmäßig derjenige, der am Ende der Aufführung auf die Bühne ging und die Eltern um eine kleine Spende bat. Jedenfalls bekam ich so die einzigen spontanen Lacher der Zuschauer während des gesamten Stücks.

Wollte ich eine gute Note haben, musste ich anfangen, das Flötenspiel zu lieben. Doch eine Vier im Zeugnis, keinerlei Aussicht, jemals im Musikunterricht hinter einem Instrument Platz zu nehmen, das mir lag, und als sechsjähriger Steppke regelmäßig gesagt zu bekommen, wie furchtbar untalentiert ich doch sei, verhagelte mir die Lust an der Musik - gründlich.

Die Roboter-Kinder

Das Gitarrespielen gab ich auch wieder auf - eine Entscheidung, die ich bis heute bereue. Ich, der Schüler, war der Verlierer. Doch das wollte ich nicht sein. Es gab zwei Möglichkeiten: A. Ich konnte mich total verweigern, oder B. Ich konnte mich anpassen.

Ich entschied mich für Möglichkeit B. Diese Entscheidung traf ich natürlich nicht rational, sondern emotional. Ich wollte nicht ständig ausgegrenzt werden, und dachte, dass Frau B. mich, wenn ich »lieb Kind« bei ihr werde, wieder in die Gruppe aufnimmt. Diese »Strategie« funktionierte bis zu einem gewissen Punkt.

Meine Noten verbesserten sich, je mehr ich zu einem von ihren Roboter-Kindern wurde. Der heimliche Lernerfolg meinerseits bestand darin, dass ich anfing zu glauben, genau auf dem richtigen Weg zu sein. Schließlich gab es ja ein klares Bestrafungs- und Belohnungssystem - Frau B. hatte immer recht. Strafte sie, hatte man selber unrecht.

Die Welt war geordnet, doch zu den Klassenbesten gehörte ich trotz meiner Verhaltensänderung nicht. Nicht nur ich, sondern auch ein großer Teil meiner Freunde spürte, dass Frau B.s Verhalten nicht vertrauenswürdig, sondern willkürlich war.

Zweifel an der Kompetenz

Die analytische Fähigkeit mag Kindern in dem Alter zwar fehlen, aber bei vielen ist die emotionale Sensorik feiner als die der Abhörstationen während des Kalten Krieges. Wir konnten das zwar nicht artikulieren, aber wir spürten deutlich, dass sie ganz bestimmte Kinder bevorzugte - einmal über die Notenvergabe und zum anderen durch ihr Verhalten.

Gab eines ihrer Roboter-Kinder eine richtige Antwort, wurde es mit Lob überschüttet, während die »unzumutbaren« Kinder für richtige Antworten weniger stark belohnt wurden.

Ihre Launen neigten zu starken Schwankungen, besonders dann, wenn sie feststellen musste, dass ihre pädagogischen Kniffe und Tricks nicht mehr den gewünschten Effekt erzielten. Ihre Hilflosigkeit schlug dann in Aggressivität um, was uns die ersten zwei Schuljahre einschüchterte.

Viele von uns - ich eingeschlossen - hatten bald Angst, in ihren Unterricht zu gehen, und dementsprechend »hoch« war die Motivation. Doch nach und nach wuchs auch der Zweifel an ihrer Kompetenz. Es galt immer nur eine Meinung und es gab nur eine richtige Lösung, die von Frau B. - alles andere wurde wie mit einem Rasenmäher kurz gehalten.

Die Rebellion

In den meisten Schulklassen wird man über die Mehrzahl der Themen keine einheitliche Meinung antreffen, doch fragt man danach, wer von den Lehrern am bösartigsten ist, ist sich die Gemeinschaft schnell einig. Und einig sollten wir uns bald sein. Wir wuchsen heran und allmählich wurde uns klar, dass Frau B. für uns nicht die richtige Klassenlehrerin war.

Wir rebellierten - einzigartig in der Geschichte der Schule -, traten Frau B. als Klasse gegenüber, ohne Eltern, und konfrontierten sie mit ihrem eigenen Verhalten, wir beschwerten uns, wir weigerten uns, unter den Bedingungen weiterzumachen.

Sie brach in Tränen aus und erklärte, dass sie es doch nur gut mit uns gemeint habe. Sie versprach Besserung und wir glaubten ihr. Zwei Wochen lang schaffte sie es, sich zusammenzureißen, doch danach brachen die alten internalisierten Verhaltensmuster wieder durch - die Macht der Gewohnheit war zu stark und wir litten unter ihren Lehrmethoden bis zum Ende der dritten Klasse.

Von Klasse 3 bis 6 bekamen wir Frau P. als Klassenlehrerin, mit der wir großes Glück hatten. Sie war das genaue Gegenteil von Frau B. - allein daran schon zu erkennen, dass sie spontan lachen konnte. Doch mit fortgeschrittenem Alter und einigen degenerierten Egos mehr hielt ein anderer Faktor in unsere Klasse Einzug: das Schüler-Mobbing.

Systematisches Mobbing

Das wird von der Mehrzahl der Lehrer ignoriert oder abgetan, gehört aber zum deutschen Schulalltag wie die Luft zum Atmen. Spätestens in Klasse sechs wurden aus den täglichen verbalen Attacken handfeste Schlägereien.

Vielfach provozierten gleich ganze Gruppen von Mobbern gezielt einzelne Schüler so lange, bis diese sich nicht mehr anders zu helfen wussten als zuzuschlagen, und die Mobber hatten ihre Legitimation gefunden, endlich mal zutreten zu können und ihren eigenen Frust in die Opfer hineinzuprügeln.

Lehrern gegenüber, die die Meute auseinanderzerrten, wurde einstimmig erklärt, dass es doch der einzelne Schüler war, der angefangen hatte zu prügeln. Im Grunde war es aber auch völlig egal, wer wann und wo zu wem was gesagt oder zugeschlagen hatte, denn sanktioniert wurde asoziales und destruktives Verhalten nicht - und wenn doch, dann so unzureichend, dass man die Tage an einer Hand abzählen konnte, wann wieder die Fäuste flogen.

Die Stimmung in der Klasse verschlechterte sich zusehends. Aus Freunden wurden Feinde und die Intervalle, in denen gemobbt wurde, verkürzten sich, bis es regelmäßig jeden Tag in jeder Pause passierte. Die breite Masse der Schüler war froh, dass es sie nicht traf, und sie taten so, als würden sie es nicht mitbekommen.

Zunehmende Aggressivität

Immer wieder versuchten die Mobber auch mich bzw. meinen damaligen besten Freund zu zermürben, was ihnen schlechterdings nicht gelang. Erst mit dem Wechsel meines Kumpels in eine andere Schule änderte sich die Situation.

Was harmlos begann, und zu Anfang noch witzig wirkte, schlug schnell um und wurde immer aggressiver. Spätestens im zweiten Halbjahr der 6. Klasse hatte ich regelrecht Angst in die Schule zu gehen. Das Problem zu thematisieren und mithilfe der Lehrer zu lösen, war unmöglich.

Die verbale und konsequenzlose Ermahnung der Lehrer war so schnell vergessen, wie sie ausgesprochen war. Doch die »Petze« bekam die Rache der Mobber postwendend zu spüren. Also hielt ich die Klappe und zog mich zurück. In der Konsequenz rutschten meine Noten ab.

Nicht so dramatisch, dass es meiner Schullaufbahn erheblich schaden konnte, aber sie rutschten ab. Auf dem Zeugniskopf fand sich die Bemerkung: »Daniel war ein zurückhaltender Schüler, der zwar dem Unterricht aufmerksam und interessiert folgte, sich aber viel zu selten an den Gesprächen beteiligte.«

Schlechte Zukunftsaussichten

Aus der Rückschau bemerkenswert ist auch, dass der Zähler meiner versäumten Tage von durchschnittlich 4-5 Tagen pro Halbjahr, in Klasse 6 schlagartig auf 29 anstieg. Mit dem Ende der 6. Klasse wurden die Eltern in die Schule bestellt, um über die Zukunftsaussichten und den weiteren schulischen Werdegang ihrer Zöglinge beraten zu werden.

Die Regeln waren einfach: Hatte ein Schüler mindestens zwei Zweien in den Hauptfächern im Zeugnis, so sprachen die Lehrer eine Gymnasialempfehlung aus. Der Rest bekam, je nach Benotung, eine Realschul- oder eine Hauptschulempfehlung.

Ob man einer Empfehlung, die auf subjektiven Noten beruht, folgen soll, sei dahingestellt. Jedenfalls gibt es keinen Zwang, sich dem Rat der Lehrer zu beugen. Davor steht nach wie vor der Elternwille, der nach dem gescheiterten Änderungsversuch des Landesparlaments noch immer schwerer wiegt.

Meine Eltern hatten von den Lehrern nichts von dem alltäglichen Schülermobbing oder den Problemen in der Klasse erfahren, sondern sich nur erklären lassen müssen, dass ich auf der Realschule besser aufgehoben sei, als auf dem Gymnasium. Existenzweiche, die Erste. Mein Vergehen? Ich hatte nicht die geforderten zwei Zweier in den sogenannten Hauptfächern.

Keine Alternativen

Dreier waren nicht genug und Zweier in anderen Fächern zählten nicht. Für meine Eltern und mich gab es keine Diskussion darüber, dass ich aufs Gymnasium gehen würde. Sie kannten mich besser als meine Lehrer.

Ich wusste damals schon, dass ich studieren wollte, und zwar »Film- und Fernsehregie«. Für mich gab es keine Alternative zum Gymnasium. Meine Eltern und ich entschieden uns gegen den Rat der Lehrer.

In der Rückschau betrachtet war das die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Doch mit meinem Wechsel auf ein deutsches Gymnasium, diese hochgeschätzte altehrwürdige Bildungseinrichtung, ging es mit den skurrilen Erfahrungen erst richtig los.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Schule versagt: Warum Bildung ein Glücksspiel ist und wie sich das ändern kann".

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Inge Faltin/Daniel Faltin: Schule versagt.

Warum Bildung ein Glücksspiel ist und wie sich das ändern kann.

© 2011 dtv Verlagsgesellschaft, München.

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