LIFE
05/04/2016 07:09 CEST | Aktualisiert 05/04/2016 11:00 CEST

"Du bist nicht verrückt": Bewegender Brief eines Mannes an eine Frau

Botschaft eines Mannes an alle Frauen: Ihr seid nicht "verrückt"
Gettystock
Botschaft eines Mannes an alle Frauen: Ihr seid nicht "verrückt"

THE BLOG

Du bist so empfindlich. Du bist so emotional. Du bist defensiv. Du reagierst über. Beruhige dich. Entspann dich. Hör auf, dich so aufzuregen! Du bist verrückt! Ich hab doch nur Spaß gemacht, hast du denn überhaupt keinen Sinn für Humor? Du bist so dramatisch. Finde dich endlich damit ab!

Kommt dir das bekannt vor?

Wenn du eine Frau bist, tut es das wahrscheinlich.

Hast du schon einmal einen dieser Kommentare von deinem Mann, Partner, Chef, von Freunden, Kollegen oder Verwandten zu hören bekommen, nachdem du deine Enttäuschung, deine Wut oder deinen Ärger über etwas, das sie gesagt haben, zum Ausdruck gebracht hast?

Opfer emotionaler Manipulation

Wenn jemand solche Dinge zu dir sagt, dann handelt es sich dabei nicht um ein Beispiel für rücksichtsloses Verhalten. Wenn dein Mann eine halbe Stunde zu spät zum Abendessen nach Hause kommt, ohne dich anzurufen – dann handelt es sich um rücksichtsloses Verhalten.

Bei einer Bemerkung, die dich zum Schweigen bringen soll, im Stil von: "Beruhige dich, du reagierst über", nachdem du gerade jemanden auf sein schlechtes Benehmen aufmerksam gemacht hast, handelt es sich schlicht und einfach um emotionale Manipulation.

Und diese Art von emotionaler Manipulation befeuert eine Epidemie in unserem Land, eine Epidemie, die Frauen als verrückt, irrational, überempfindlich und neben der Spur darstellt. Diese Epidemie untermauert die Vorstellung, dass Frauen schon bei der geringsten Provokation mit ihren (verrückten) Emotionen herausplatzen. Das ist offensichtlich falsch und ungerecht.

Frauen leiden unter "Gaslighting"

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, rücksichtsloses Benehmen von emotionaler Manipulation zu unterscheiden. Dazu müssen wir ein Wort verwenden, das nicht Teil unseres gewöhnlichen Vokabulars ist.

Ich möchte einen hilfreichen Begriff für die Bezeichnung solcher Reaktionen einführen: "Gaslighting".

Der Begriff "Gaslighting" wird oft von Psychologen (ich bin keiner) verwendet und beschreibt manipulatives Verhalten mit der Absicht, andere Menschen so sehr zu verwirren, dass sie irgendwann glauben, dass sie verrückt sein müssen, weil sie so übertrieben reagieren.

Der Begriff stammt von dem MGM-Film Gaslight (deutscher Titel: Das Haus der Lady Alquist), der 1944 mit Ingrid Bergmann in der Hauptrolle erschien. Der Film-Ehemann von Bergman, der von Charles Boyer gespielt wird, will sich ihre Juwelen unter den Nagel reißen. Er überlegt sich, dass er dies erreichen kann, indem er sie für geisteskrank erklären und in die Psychiatrie stecken lässt.

Um sein Ziel zu erreichen sorgt er dafür, dass die Gaslampen in ihrem gemeinsamen Haus ständig flackern. Wenn die von Bergman gespielte Figur sich dazu äußert, sagt er ihr jedes Mal, dass sie sich nur etwas einbildet. Wer "Gaslighting" betreibt, ist in diesem Zusammenhang jemand, der falsche Informationen verbreitet, um die Selbstwahrnehmung eines Opfers zu verändern.

Heutzutage wird dieser Begriff oft verwendet, wenn der Täter oder die Täterin zu einem Opfer Dinge sagt wie: "Du bist so dumm", oder: "Dich will sowieso keiner". Dabei handelt es sich um eine vorsätzliche, geplante Form von "Gaslighting", so wie die Handlungen der von Charles Boyer gespielten Figur in Gaslight, der strategische Intrigen schmiedet, um die von Ingrid Bergman gespielte Figur glauben zu lassen, dass sie verrückt geworden ist.

Jede Frau war schon einmal Opfer von "Gaslighting"

Die Form von "Gaslighting", von der ich spreche, passiert nicht immer vorsätzlich und nach vorheriger Planung, was das Ganze noch schlimmer macht, da es bedeutet, dass jeder von uns, insbesondere Frauen, bereits irgendwann einmal davon betroffen waren.

Wer "Gaslighting" betreibt, erzeugt eine Reaktion – das kann Ärger, Enttäuschung oder Traurigkeit sein – bei der Person, mit der er es gerade zu tun hat. Wenn diese Person darauf reagiert, sorgt derjenige, der "Gaslighting" betreibt, dafür, dass sie sich unbehaglich und unsicher fühlt, indem er ihr zu verstehen gibt, dass ihre Gefühle nicht rational oder normal sind.

Meine Freundin Anna (alle Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert) ist mit einem Mann verheiratet, der es für nötig hält, willkürlich und unaufgefordert Kommentare über ihr Gewicht abzulassen. Wenn sie wütend oder frustriert auf seine Kommentare reagiert, antwortet er ihr jedes Mal auf dieselbe niederschmetternde Art: "Du bist so empfindlich. Ich mache doch nur Spaß."

Meine Freundin Abbie arbeitet für einen Mann, der beinahe täglich eine Möglichkeit findet, ihre Leistungen und Arbeitsergebnisse schlecht zu machen. Ständig bekommt sie Kommentare zu hören wie: "Kannst du denn gar nichts richtig machen?" oder "Wofür habe ich dich eigentlich eingestellt?".

Ihr Chef hat kein Problem damit, Leute rauszuwerfen (das macht er ständig). Man könnte aus diesen Kommentaren also nicht schließen, dass Abbie bereits seit sechs Jahren für ihn arbeitet. Doch immer, wenn sie sich verteidigt und ihm sagt: "Es hilft mir nicht gerade, wenn du so etwas sagst", bekommt sie dieselbe Reaktion: "Entspann dich. Du reagierst über."

Abbie glaubt, dass ihr Chef in diesen Moment einfach ein Trottel ist. In Wahrheit lässt er diese Kommentare jedoch nur ab, um sie manipulieren und in den Glauben versetzen zu können, dass ihre Reaktion darauf unangemessen ist. Und genau diese Art von Manipulation erzeugt Schuldgefühle bei ihr, weil sie so empfindlich ist, und das ist auch der Grund, weshalb sie noch nicht gekündigt hat.

Wer "Gaslighting" betreibt, urteilt über die Gefühle anderer

Doch "Gaslighting" kann auch einfach nur bedeuten, dass jemand eine andere Person anlächelt und etwas sagt wie: "Du bist so empfindlich." Ein solcher Kommentar mag vielleicht völlig harmlos erscheinen, doch derjenige, der diese Aussage trifft, urteilt in diesem Moment darüber, wie der Andere sich fühlen sollte.

Zwar werden nicht zwangsläufig alle Frauen Opfer von "Gaslighting", doch bestimmt kennt jeder von uns genug Frauen, die in der Arbeit, zu Hause oder in persönlichen Beziehungen davon betroffen sind.

Es werden auch nicht nur Frauen, die wenig Selbstbewusstsein besitzen, zu Opfern von "Gaslighting". Auch wortgewandte, selbstsichere und durchsetzungskräftige Frauen sind anfällig dafür.

Warum?

Weil Frauen die Hauptleidtragenden unserer Neurose sind. Es ist viel einfacher für uns, unsere emotionalen Lasten auf den Schultern unserer Frauen, unserer weiblichen Bekannten, unserer Freundinnen, unserer weiblichen Angestellten und unserer Kolleginnen abzulegen, als sie auf die Schultern von Männern zu legen.

Feigheit in Höchstform

Es ist sehr viel einfacher, jemanden emotional zu manipulieren, der von unserer Gesellschaft darauf konditioniert wurde, es hinzunehmen. Wir wälzen ständig unsere Last auf Frauen ab, weil die sich nicht so leicht dagegen wehren. Das ist Feigheit in Höchstform.

Ob "Gaslighting" nun bewusst betrieben wird oder nicht, so führt es immer zu demselben Ergebnis: es macht Frauen emotional mundtot.

Diese Frauen können ihren Männern nicht genau erklären, dass das, was man zu ihnen gesagt oder ihnen getan hat, verletzend ist. Sie können ihrem Chef nicht sagen, dass sein Verhalten respektlos ist und dass es sie davon abhält, am Arbeitsplatz ihr Bestes zu geben. Sie können ihren Eltern nicht sagen, dass sie mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken, wenn sie sie ständig kritisieren.

Frauen sagen "Es tut mir leid", bevor sie ihre Meinung äußern

Wenn diese Frauen auf ihre Reaktionen hin irgendeine Art der Zurückweisung erfahren, spielen sie es oft herunter, indem sie sagen: "Vergiss es, es ist schon in Ordnung."

Doch mit diesem "Vergiss es" verwerfen sie nicht den Gedanken, sondern sie verleugnen sich selbst. Das ist herzzerreißend.

Kein Wunder, dass manche Frauen sich, ohne es zu wissen, unterschwellig aggressiv verhalten, wenn sie Wut, Trauer oder Enttäuschung zum Ausdruck bringen. Über die Jahre hinweg sind sie schon so oft Opfer von "Gaslighting" geworden, dass sie sich gar nicht mehr auf eine Weise ausdrücken können, die sich authentisch für sie anfühlt.

Sie sagen: "Es tut mir leid", bevor sie ihre Meinung äußern. In E-mails oder Textnachrichten setzen sie Smileys hinter ernstgemeinte Fragen oder Anliegen, damit es ein wenig an Bedeutung verliert, wenn sie ihre wahren Gefühle zum Ausdruck bringen müssen.

Jeder weiß, wie das ausschaut: "Du bist zu spät :)"

Das sind genau die Frauen, die in Beziehungen bleiben, in die sie nicht gehören, die ihre Träume nicht verfolgen, die sich von dem Leben, das sie eigentlich führen möchten, verabschieden.

Es ist ein wesentliches Problem unserer ganzen Gesellschaft

Seit ich begonnen habe, mein Leben und das Leben der Frauen, die ich kenne, aus einem feministischen Blickwinkel heraus zu hinterfragen, ist mir bewusst geworden, dass diese Idee, Frauen als "verrückt" zu bezeichnen, ein wesentliches Problem unserer ganzen Gesellschaft sowie ein ebenso großes Ärgernis für die Frauen in meinem Leben im Allgemeinen ist.

Von der Art, wie Frauen in Reality-Shows dargestellt werden, bis hin zu dem Frauenbild, das wir Jungen und Mädchen vermitteln, akzeptieren wir die Vorstellung, dass Frauen unausgeglichene, unlogische Wesen sind, vor allem wenn sie wütend oder enttäuscht sind.

Erst neulich fragte mich eine Flugbegleiterin, die mich aufgrund meiner zahlreichen Reisen wiedererkannt hatte, auf einem Flug von San Francisco nach Los Angeles, was ich beruflich mache. Als ich ihr sagte, dass ich hauptsächlich über Frauen schreibe, lachte sie sofort und fragte mich: "Oh, darüber, wie verrückt wir sind?"

Ich selbst habe "Gaslighting" betrieben

Ihre automatische Reaktion auf meine Arbeit deprimierte mich zutiefst. Obwohl sie mir scherzhaft geantwortet hatte, so bringt ihre Frage dennoch zum Vorschein, dass in allen Bereichen unserer Gesellschaft sexistische Kommentare darüber gemacht werden, wie Männer Frauen sehen, was außerdem großen Einfluss darauf hat, wie Frauen sich selbst sehen.

Wenn man mich fragt, gehört das weitverbreitete "Gaslighting" zum Kampf gegen die Hindernisse der Ungleichheit, dem Frauen sich ständig stellen müssen. Wenn jemand "Gaslighting" betreibt, nimmt er ihnen ihr wirksamstes Instrument: ihre Stimme. Das machen wir jeden Tag mit Frauen, auf viele unterschiedliche Weisen.

Ich glaube nicht, dass hinter der Vorstellung, dass Frauen "verrückt" sind irgendeine riesige Verschwörung steckt. Ich glaube vielmehr, dass diese Idee mit dem langsamen und regelmäßigen Trommelschlag, wie Frauen tagtäglich untergraben und nicht ernst genommen werden, zusammenhängt. Und "Gaslighting" ist einer von vielen Gründen, der zu diesem gesellschaftlichen Konstrukt, Frauen als "verrückt" zu bezeichnen, geführt hat.

Mir ist klar geworden, dass auch ich mich früher bei weiblichen Bekannten wegen "Gaslightings" schuldig gemacht habe (nie jedoch bei männlichen Bekannten, was für eine Überraschung). Es ist beschämend, doch ich bin froh, dass mir bewusst geworden ist, dass ich es gelegentlich gemacht habe und dass ich damit aufgehört habe.

Wir müssen die Gefühle und Meinungen von Frauen ernst nehmen

Obwohl ich die volle Verantwortung für mein Handeln übernehme, glaube ich, dass ich genauso wie viele andere Männer auch ein Nebenerzeugnis unserer Konditionierung bin. Es geht um das allgemeine Verständnis, welches uns unsere Konditionierung vermittelt, damit wir Fehler zugeben und überhaupt Gefühle ausdrücken können.

Wenn wir als Jugendliche und junge Erwachsene davon abgehalten wurden, unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen, wehren viele von uns sich auch später noch standhaft dagegen, ihr Bedauern darüber auszudrücken, dass sie jemanden mit ihren Handlungen verletzt haben.

Als ich diesen Artikel geschrieben habe, fiel mir eines meiner Lieblingszitate von Gloria Steinem wieder ein: "Die wichtigste Aufgabe von uns allen, von Männern wie von Frauen, ist nicht zu lernen, sondern zu verlernen."

Viele von uns müssen also erst einmal verlernen, wie man diese Gaslampen zum Flackern bringt. Stattdessen müssen sie lernen, die Gefühle, Meinungen und Standpunkte der Frauen in unserem Leben ernst zu nehmen und zu verstehen.

Denn geht es beim Thema "Gaslighting" nicht eigentlich darum, ob wir auf den Glauben konditioniert werden, dass die Meinung einer Frau weniger wert ist als unsere Meinung? Dass das, was Frauen zu sagen haben und was sie fühlen nicht gleichermaßen legitim ist?

Yashar bringt bald sein erstes kurzes E-Book heraus. Der Titel lautet: A Message To Women From A Man: You Are Not Crazy — How We Teach Men That Women Are Crazy and How We Convince Women To Ignore Their Instincts. (Eine Botschaft an Frauen von einem Mann: Ihr seid nicht verrückt – Wie wir Männern beibringen, dass Frauen verrückt sind und wie wir Frauen dazu bringen, ihre Gefühle zu ignorieren.) Wenn dich das Thema interessiert und du benachrichtigt werden möchtest, wenn das Buch herauskommt, kannst du dich hier registrieren.

Ich hoffe, dass du meine Facebook-Seite likst und mir auf Twitter folgst.

Dieser Blog ist ursprünglich bei The Current Conscience und bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video: Schön oder durchschnittlich? Dieses Video zeigt, wie sehr Frauen unter dem Schönheitsideal wirklich leiden