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05/04/2016 20:19 CEST | Aktualisiert 06/04/2016 13:08 CEST

Motherfucker: Wie hast du's deinem Mann gesagt?

Ezra Bailey via Getty Images
Zwei Streifen! Wie wir es unseren Männern gesagt haben

THE BLOG

Liebe Lisa,

mal eine ganz einfache Frage vorneweg: Wie hast du's eigentlich deinem Kerl gesagt? Ich glaube nämlich, ich hab's vermasselt. An dem Tag, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, war ich total im Stress. Ein eigentlich banaler Tag, nur eben ein besonders arbeitsreicher, an dem mir tausend Dinge im Kopf rumschwirrten.

Ich saß in einem Sandwich-Café in Peking mit meinem Laptop, musste eine Reportage schreiben, von der ich wusste, dass sie nur zur Hälfte was taugt, und putzte mir zur Freude der Umsitzenden alle fünf Minuten die Nase, weil ich eine fette Grippe hatte. Und das im März. Wie unnötig.

Am Abend, als ich endlich meine Jacke anzog und das Café verließ, machte ich noch einen Schlenker über den Drogerie-Markt, um Zahnpasta zu kaufen. Als ich meinen Mini-Einkaufswagen durch die Gänge schob, fiel mein Blick auf eine Regalreihe voller (wohlgemerkt chinesischer) Schwangerschaftstests.

Es schnellte mir durch den Kopf wie ein Blitz. Hätte ich nicht vor einigen Tagen meine Regel bekommen müssen? Irgendwie sollte es längst soweit sein. Also schnell testen. Auf der Toilette des benachbarten Starbucks. Ich pinkelte auf den Streifen, wartete 30 Sekunden und schaute dann auf das Testfenster. Nichts! Kein zweiter Streifen. Also, nicht schwanger.

Da es auf der Toilette keinen Mülleimer gab, steckte ich den Teststift in meine Jackentasche und rannte zum Taxi. Und dann die Überraschung: Als ich zehn Minuten später vor meiner Haustür aus dem Taxi sprang, um meinen Freund im Hostel abzuholen, wollte ich den Test gerade im Vorbeigehen in eine öffentliche Mülltonne auf der Straße pfeffern, als ich wie angewurzelt stehen blieb.

Der zweite Streifen war da!

Da war er. Ganz blass und hellrosa, statt dunkelpink wie auf der Packung beschrieben. Hell erleuchtet vom Neonröhrenlicht einer chinesischen Trinkpäckchen- Reklametafel. Der zweite Streifen. Ich glaubte dem Test irgendwie (noch) nicht. Und schmiss ihn weg. Aber die Verwirrung blieb. Im Hostel angekommen, sagte ich meinem Freund dann kein Wort - genau fünf Minuten lang.

Ich weiß nicht, wie es dir geht, Lisa, aber ich kann vor ihm kein Pokerface machen. Und wenn ich über etwas grübele, dann soll er es gefälligst wissen, damit er mit mir grübeln kann. Scheiß auf Schmetterlinge! Scheiß auf den Film-Moment! Ich dachte immer, ich würde es ihm bei einem romantischen Candle-Light-Dinner sagen, den Schwangerschaftstest wie eine Uhr in eine Schmuckschatulle packen und dann verschenken. So hatte ich es mal in einem französischen Film gesehen.

Dumm nur, dass wir ausgerechnet den zusammen gesehen hatten. Kreativ fand ich auch, einen Glückskeks zu bestellen, auf dessen Zettelchen steht: Du wirst Vater. Den hätte ich ihm bei einem Besuch im China-Restaurant heimlich zum Nachtisch gelegt. Toll in der Theorie.

Stattdessen saß ich auf dem Hostelbett, während er sich zum Essengehen fertig machte, stammelte von einem chinesischen Schwangerschaftstest, den ich möglicherweise falsch gedeutet hatte und morgen mithilfe eines Lexikons, das man bestimmt irgendwo besorgen könnte, wiederholen müsste.

Ich blickte etwas zerknirscht zu ihm. "Toll, dann werden wir wohl Eltern", erwiderte er cool. Ich verzog das Gesicht. Seufzte in dem Wissen, das ich einen geschichtsträchtigen Moment meines Lebens vermasselt hatte, und antwortete: "Vermutlich." Zu viel für mich. Auf den Schock-Verwirrungsmoment rauchte Ich meine letzte Zigarette auf dem Balkon des Zimmers. Vermasselt ist vermasselt ist vermasselt.

Liebe Caro,

zu diesem Thema werden ja viele Geschichten vermittelt. Die Variante Proll geht so: "Ey Hase!" "Ja, Schatz?" "Bist 'n Motherfucker jetzt." "Was?" "Na, ich bin trächtig. Baby im Bauch. Du vögelst ab jetzt 'ne Mutter."

Der Dialog geht dann sicher noch weiter, enthält aber bereits jetzt so viel Kerninfo, dass ich gern schnell zur nächsten Variante komme. Zum Beispiel die meiner Großtante Irene. Die Variante Tante also - strotzend vor Feinfühligkeit. Als Irene hörte, dass ich schwanger bin, meinte sie als erstes zu meinem Vater: "Da musst du wohl jetzt mit 'ner Oma ins Bett."

Muss man denn selbst bei diesem sensiblen Thema immer gleich an Erotik denken? Ich finde nicht. Klar läuft das nicht immer alles hollywoodreif, hast du ja selbst gemerkt. Aber immer gleich in die Kerbe Sex hauen? Hm.

Bei uns war es sehr romantisch

Bei mir und meinem Mann, also im echten Leben, da war das auf jeden Fall viel romantischer. Ich kam nach einem langen Tag von der Journalistenschule nach Hause. Hatte den Interviewtermin des Pathologen sogar geschwänzt, weil ich müde war und keine Lust auf eine Reportage über Leichenschneider hatte.

Mein Freund begrüßte mich überschwänglich. "Afrika klappt! Wir können auf einer Farm in Lesotho anfangen. Du darfst mit Touristen ausreiten, ich helfe bei den Gästezimmern und auf dem Hof." Ich sagte: "Oh, dann geh ich jetzt erstmal 'nen Testmachen."

Ich war überfällig. Ich hatte schon seit Langem einen Schwangerschaftstest zu Hause rumfliegen. Denn ich wollte schwanger sein. Dann tat ich also, was auf der Packungsbeilage stand, und ein kleiner blauer Strich veränderte mein Leben. Schnell war klar, was da stand. So klar, dass ich beinahe die Benutzung von Toilettenpapier vergaß und mit runtergelassener Hose rausgerannt wäre.

Lisa! Tief atmen. Noch mal zurück zur Kloschüssel. Ohgottohgottohgott. Ich schaffte es dann doch noch ordentlich raus aus dem Bad. Ich stand im Türrahmen zum Wohnzimmer. Hose oben, wo sie hingehörte. Ich muss komisch gegluckst haben, schlug die Hände vor den Mund. Mein armer Kerl. "Wie? Schwanger, oder was?" - "Tja" antwortete ich und zog die Schultern hoch. "Wie sicher ist das?" - "Da steht 99 Prozent." - "Krass."

Mein erstes Freudentränchen blieb ungetrocknet, denn mein Freund (damals noch Freund) tigerte durch die Wohnung, hin und her wie ein traumatisiertes Zootier im Käfig. "Komm, wir kaufen noch 'nen neuen zur Sicherheit", meinte er schließlich, ganz aktionistisch. "Okay." Es ist süß, Männer in solchen Situationen zu erleben. Sie wollen immer etwas TUN. Wir zogen uns an.

Es war November, ich erzählte der Apothekerin aufgeregt mein Leben. "Ich. 23 Jahre alt. Verliebt. Schwanger. Test. O Gott." Sie verkaufte mir einen neuen Test, gratulierte, und ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass die Apothekerin das vor meiner eigenen Mutter weiß!

Wir hielten Händchen und dachten an Kinderwagen

Wir wohnten damals noch in Berlin-Friedrichshain, fuhren mit neuem Test im Auto erst einmal zum Treptower Park und waren die einzigen Menschen dort. Nasskaltes Novemberwetter. Wir hielten Händchen und dachten an Kinderwagen. Wir kamen am Biergarten "Eierschale" vorbei, mein Liebster musste pinkeln.

Und während er zur Toilette verschwand, ging ich zu einem Tisch mit Schirm darüber. Dort stand ja jemand! Stand der da grad schon oder war das hier alles ein Film? Ich sagte: "Ich hätt'gern zwei Gläschen Sekt", und er hatte welchen. Mit Plastik- Gläsern stießen wir dann auf unsere Zukunft an. Mitten im Park. Wie in Trance vor lauter Gefühlen. Dann fing es - kein Witz - zu regnen an. Es hätte nur noch gefehlt, dass der Soundtrack aus ›Die fabelhafte Welt der Amélie‹ erklungen wär' und wir wirbelnd zu tanzen begonnen hätten ...Zu kitschig, um wahr zu sein.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Ich glaub, mich tritt ein Kind!: Bekenntnisse einer Schwangeren ... Und schonungslose Wahrheiten einer dreifachen Mutter"

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Lisa Harmann/Caroline Rosales: Ich glaub, mich tritt ein Kind!

Bekenntnisse einer Schwangeren... Und schonungslose Wahrheiten einer dreifachen Mutter.

© 2013 dtv Verlagsgesellschaft, München.

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