NACHRICHTEN
04/04/2016 06:28 CEST

"Mein Sohn, wir sind Juden und die ganze Welt hasst uns."

Robert Nicholas via Getty Images
Father and son in yarmulkes sitting in synagogue

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Der Mensch setzte sich zu seinem Lebenszwecke das, was ihm, sofern er Mensch ist, Ziel seines Strebens sein muss, nämlich die Erforschung der Wahrheit.

Moses ben Maimon (Rambam), 12.Jahrhundert

An einem dieser Tage änderte sich mein Leben grundsätzlich. Nichts sollte mehr so sein, wie es einmal war. Ich wurde dazu gezwungen, meine Ignoranz im Hinblick auf Religion aufzugeben. Ich stieg an der Station Osloer Straße in die U-Bahn Linie 8 Richtung Zoo, um mich mit Freunden auf dem Ku-Damm zu treffen. Die U-Bahn war wie immer voll. Ich ergatterte noch einen Sitzplatz. Eine Sitzbank weiter saßen zwei erwachsene arabische Männer. Ein weiterer stand daneben.

Schon nach wenigen Sekunden bemerkte ich, dass sie über mich sprachen und mich anstarrten. Später zeigte einer mit dem Finger auf mich und wurde immer lauter. Er redete arabisch, ich verstand ihn nicht und ich wusste nicht, was sie von mir wollten. Zuerst bildete ich mir ein, dass ich mich offenbar nicht richtig rasiert hatte oder dass ich etwas im Gesicht hatte, das für Unterhaltung sorgte. Doch keiner lachte. Plötzlich merkte ich, dass der eine nicht auf mein Gesicht, sondern auf meine Kette gezeigt hatte.

Ich fasste meinen Anhänger an, der schön zu sehen war, und sah die drei fragend an. Sie redeten, aber ich verstand ja nichts. Es hörte sich nach einer Meinungsverschiedenheit an, denn sie schrien sich fast schon an. Da wendete sich einer von ihnen mir zu und schrie: »Scheißjude.« Auf einmal war kein Wort mehr zu hören.

"Wie ein Tier im Zoo."


Die drei arabischen Männer verstummten und sahen mich an. Einer grinste dumm. Die anderen Leute um uns herum waren auch still geworden. Ich hatte das Gefühl, dass plötzlich das ganze Abteil seine Augen auf mich gerichtet hielt. Sechzig Augen auf mich. Wie ein Tier im Zoo kam ich mir vor.

Einer der Araber fragte mich dann in einem strengen, sehr unfreundlichen und lauten Ton, ob ich Jude sei. Ich antwortete wie üblich, dass ich nicht religiös sei. Das klang für meine neuen Freunde wenig überzeugend. Sie fingen wieder an zu diskutieren. Laut und auf Arabisch. Was hatten sie zu diskutieren? Ob sie mich aus der U-Bahn werfen sollten während der Fahrt oder ob sie mir die Kette abreißen sollten? Die Fahrt über die acht Stationen zum Zoologischen Garten kam mir endlos vor und ich war auf alles gefasst.

Zum Glück hatten die drei Männer außer lauten Worten und aggressiven Blicken nichts weiter auf dem Kasten. Ich war angekommen, wo ich ankommen wollte, stand auf und kämpfte mich durch bis zur Tür. Begleitet von sehr vielen kalten Blicken. Beim Aussteigen schrien sie mir nochmals »Scheißjude« und »Drecksjude« hinterher. Einer von ihnen machte sogar eine Spuckgeste auf meinen Stern.

Als ich endlich draußen war und keiner von den drei Männern mehr in Sicht, setzte ich mich auf eine Bank, um das mir Widerfahrene zu verarbeiten. Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl. Ich fühlte mich zutiefst beleidigt und kochte vor Wut. Wären die drei Männer in meinem Alter gewesen, ich hätte mich auf sie geworfen und sie verdroschen. Das bildete ich mir ein. Dabei wusste ich nicht einmal, was der eigentliche Grund für ihre Aggression war.

"Ging es wirklich nur um den Stern?"


Die drei Männer hatten mich nie zuvor gesehen, soweit ich wusste. Ging es wirklich nur um den Stern, den ich so stolz am Hals trug? Den Stern, den ich von meiner Großmutter zur Bar-Mitzwa geschenkt bekommen hatte? Es war klar, dass sehr, sehr viel mehr hinter diesem Stern stecken musste.

Auch Erdal hatte ihn angestarrt wie die Männer in der U-Bahn. Vielleicht hätte er mich auch »Scheißjude« genannt, wenn wir uns zufällig über den Weg gelaufen wären. Anscheinend brachte mir der Stern nur Probleme. Und dabei wusste ich nicht einmal, was genau er symbolisierte. Was hatten alle gegen meinen schönen Stern?

Ich hatte Hass in den Augen der drei arabischen Männer gesehen. Sie kannten mich nicht. Doch offensichtlich hat mein Anhänger, das kleine Symbol an meinem Hals, gereicht, dass sie sich das Recht herausnahmen, mich öffentlich zu beleidigen und mich andeutungsweise anzuspucken. Wer weiß, was sie mit mir angestellt hätten, wenn ich ihnen nachts in irgendeiner dunklen Ecke begegnet wäre?

Ich blieb nur kurz mit meinen Freunden zusammen. Ich fühlte mich schlecht und wollte so schnell wie möglich nach Hause und meine Eltern nach der Wahrheit fragen. Und zwar nach der vollen Wahrheit. Meine Freunde fragten mich, wieso ich so ernst sei. Wieso ich so bedrückt wirke. Ich konnte nichts antworten.

Meine Mutter bemerkte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, doch ich wollte erst darüber sprechen, wenn mein Vater auch da war. Am Abend endlich saßen wir zusammen. Nach dem Abendessen setzten wir uns ins Wohnzimmer. Der Fernseher war ausgeschaltet. Meine Geschwister schliefen schon. Für mehrere Sekunden bekam ich meinen Mund nicht auf. Es war so still um mich herum. Wie in der U-Bahn.

Vier Augen guckten mich neugierig an. Wie sollte ich bloß anfangen? Was wollte ich eigentlich wissen, fragte ich mich? Alles? Alles! So schwer der Anfang mir fiel, so heftig presste ich kurze Zeit später alles aus mir heraus. »Wer oder was bin ich? Wer oder was sind wir? Was ist unser Ursprung? Was ist die Bedeutung dieses Sternes an meinem Hals? Welcher Religionsgemeinschaft gehöre ich an? Wieso fühle ich mich, seit ich im Wedding wohne, anders als alle anderen? Wieso werde ich andauernd gefragt, ob ich auch Muslim bin? Ich muss es endlich wissen!« Es sprudelte nur so aus mir heraus.

"Ich fing an, meinen Eltern ausführlich zu berichten:"


Ich wartete auf die Reaktion meiner Eltern. Sie sahen sich an und für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass sie sich anlächelten, bis sich mein Vater mir zuwendete, mich ernst anblickte und sagte: »Ich war mir sicher, dass wir dieses Gespräch schon viel früher führen würden!« Ich solle erzählen, was denn vorgefallen sei und wieso ich plötzlich auf diese Fragen käme. Also fing ich an, meinen Eltern ausführlich zu berichten.

Ich begann mit den ewigen Nachfragen meiner gleichaltrigen Kumpel im Wedding, ob ich Muslim sei, fuhr fort mit der Reaktion Erdals auf meinen Davidstern-Anhänger und schloss ab mit dem Ereignis in der U-Bahn Richtung Ku- Damm.

Mein Vater sagte: »So ungefähr hatte ich mir das schon vorgestellt. Ich hatte schon geahnt, dass das kommen wird, wenn du erst einmal aus dem Kindesalter heraus bist. Bevor ich anfange, dir Geschichten zu erzählen, um dir verständlicher zu machen, wer oder was du bist, wer wir sind, musst du eins im Voraus wissen und es dein ganzes Leben zumindest im Hinterkopf behalten: Du bist ein Jude und die ganze Welt hasst dich!«

Es kam für mich nicht ganz überraschend zu erfahren, dass ich Jude bin. Irgendwie war es mir wohl im Unterbewusstsein schon länger klar gewesen, auch wenn ich mich nicht wirklich um den Grund dafür gekümmert hatte, dass wir nach Israel zur Verwandtschaft flogen. Dass sie überhaupt alle in Israel lebten und nicht in Italien oder Griechenland.

Dass meine Großmütter immer darauf achteten, dass ich keine Butter aufs Brot strich, wenn ich Wurst essen wollte. Ich hatte zwei Anhänger und ich hatte doch immer dieses sechszackige Symbol getragen und war stolz darauf. Anne Frank hatte es auf ihrer Jacke aufgenäht gehabt. Das war das Einzige, was ich mir von der Ausstellung gemerkt hatte. Diesen riesigen gelben Stern auf der Jacke. Doch immer noch verstand ich den Zusammenhang nicht zwischen Anne Frank und mir, meinen Eltern und meinen Verwandten in Israel.

"Es war an der Zeit, die Augen aufzumachen."


Jetzt war es Zeit, die Augen aufzumachen und zu akzeptieren, dass ich auch eine Religion hatte. Eine Religion, die die Deutschen vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert versucht hatten aus der Welt zu schaffen. Zu beseitigen. Auszuradieren! Zu einem Teil der Vergangenheit zu machen. Warum hatten meine Eltern bisher nie darüber gesprochen? Warum schwiegen sie all die Jahre? Dachten sie etwa, ich hätte es in meiner Kindheit schwerer gehabt, wenn ich als Jude identifiziert worden wäre?

»Hättet ihr mir eines Tages auch von allein zugeflüstert, dass ich Jude bin, oder wie habt ihr euch das vorgestellt?« »Wir hatten uns das gut überlegt, als du gerade anfingst laufen zu lernen, ob wir dir eine jüdische Erziehung geben sollten oder lieber eine modern-unreligiöse Erziehung. Wir entschlossen uns fürs Letztere, weil wir selber auch kein starkes Religionsbewusstsein haben. Wir sind sehr stolz darauf, Juden zu sein.

Versteh uns bitte nicht falsch. Doch wir glauben nicht an Gott, gehen nicht in die Synagoge und halten auch die Kaschrutvorschriften nicht ein. Wir feiern nicht einmal unsere eigenen jüdischen Feste. Außerdem wollten wir es dir ein wenig einfacher machen. Denn als Jude, als be- kennender Jude in Deutschland aufzuwachsen, so nahmen wir zumindest an, könnte ziemlich schwer sein. Wir wollten, dass du selbst darauf kommst, dass du Jude bist.

Lieber später als früher. Wir waren uns sicher, dass du, wenn du so weit bist, von alleine das Gespräch suchst. Genau solch ein Gespräch, wie wir es gerade führen«, erklärte mein Vater. »Wie kommt es, dass diese Araber, die ich nie zuvor gesehen habe, mich in der Öffentlichkeit demütigen, aufgrund des Davidstern-Anhängers?«

"Es gibt leider viel zu viele Verrückte auf der Welt."


»Ich hatte dich gebeten, den Stern lieber unter dem T-Shirt zu tragen. Es gibt leider viel zu viele Verrückte auf dieser Erde, die allergisch reagieren auf diesen Stern. Du wirst eines Tages verstehen müssen, dass unser Volk Jahrtausende lang unterdrückt, verhöhnt und gefoltert wurde, dass mehrere mächtige Regierungen in den letzten drei Jahrtausenden versuchten, es zu vernichten.

Egal, wo du auf der Erde bist: Wenn du dich als Jude vorstellst, wirst du anders angeguckt, oftmals mit einem ablehnenden Blick.

Das klingt alles vielleicht übertrieben, aber ich weiß, dass du eines Tages, spätestens wenn du studierst, viel über die Geschichte unseres Volkes, des Volkes der Juden, lesen und dich sehr gründlich damit befassen wirst.« »Ich glaube, ihr versteht nicht.

Ich will unbedingt wissen, wieso ich andauernd gefragt werde, besonders von muslimischen Jugendlichen, ob ich auch Muslim bin? Was für eine Rolle spielt das für die? Zudem hast du mir noch nicht gesagt, wieso fremde Menschen mich hassen, nur weil sie einen ›Judenstern‹ bei mir an der Halskette sehen?« »Du musst das so sehen, mein Sohn. Religion spielt für sehr viele Menschen eine sehr wichtige Rolle in ihrem Leben.

Sie bauen ihr gesamtes Leben auf ihrer Religion auf. Alles, wirklich alles dreht sich in ihrem Leben um die Religion. Das geht vom morgendlichen Gebet über die Besuche im Gebetshaus, über das, was man essen darf und was von der Religion her verboten ist, bis hin zum Abendgebet. Natürlich reden solche Menschen auch im Alltag gerne über ihre Religion und bevorzugt dann selbstverständlich mit Gleichgesinnten.

Da wir in einer Gegend wohnen, wo viele muslimischen Glaubens sind, wird man natürlich gefragt, ob man auch Muslim ist. Angenommen, du würdest in einer Gegend aufwachsen, die größtenteils von Juden bewohnt ist, dann würdest du auch jeden Neuankömmling fragen, ob er Jude ist, oder etwa nicht?« »Hmm, kann sein.« »Siehst du! Der Unterschied liegt darin, dass es nicht wenige Muslime gibt, die ihre Religion sehr fanatisch ausüben.

Das heißt, sie sind so verrückt, dass sie andere Religionen nicht wirklich respektieren, sondern sogar hassen. Das hat in der Vergangenheit oft zu Konflikten geführt. Und auch heutzutage und in der Zukunft wird es noch oft dazu kommen. Vollkommen egal, wo man sich auf der Erdkugel befindet. Im Wedding wird das, denke ich, nicht anders sein.

Die Männer, die dich heute in der U-Bahn so zornig gemacht haben, die gehören wohl zu den eher extremeren Glaubensbrüdern. Zum Glück kam es zu keinen Handgreiflichkeiten. Denn es gibt Verrückte, die sich vor ihren Freunden aufspielen wollen. Da kann es auch mal zu Gewalt kommen. Nimm das, was heute passiert ist, als Warnung und trage deinen Stern von nun an lieber unter deinem T-Shirt.«

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude«: Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde.

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Arye Sharuz Shalicar: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude".

Die Geschichte eines Deutsch-Iraners, der Israeli wurde.

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