POLITIK
04/04/2016 11:50 CEST | Aktualisiert 04/04/2016 18:44 CEST

"Eine Frage des Angebots": Was Islamisten und Neonazis gemeinsam haben - und was wir daraus lernen müssen

Das sind die wahren Hintergründe, warum sich Jugendliche in Deutschland radikalisieren
Tobias Schwarz / Reuters
Das sind die wahren Hintergründe, warum sich Jugendliche in Deutschland radikalisieren

  • In Deutschland ist die Angst vor islamistischem Extremismus groß

  • Doch auch in anderen Milieus radikalisieren sich Jugendliche

  • Ein Experte erklärt, wie der Weg in den Terror funktioniert - und dass er wenig mit Religion zu tun hat

Seit den Anschlägen von Brüssel läuft europaweit die Suche nach den Ursachen. Die Täter, islamistische Terroristen, hatten sich nicht in Syrien oder im Irak radikalisiert. Das extremistische Gedankengut erreichte sie in Brüssel Molenbeek, einem Stadtteil im Herzen der Europäischen Union.

Auch in Deutschland schlagen Experten Alarm: Die Salafistenszene ist auch hierzulande stark - und verzeichnet immer größeren Zulauf. Sie steht im Verdacht, eine Eingangstür zum Terrorismus zu sein. In der Diskussion geht zuweilen unter, dass sich in Deutschland nicht nur junge Muslime und Konvertiten radikalisieren.

Ein Blick auf zwei Schicksale, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch erschreckend ähnlich wirken.

Dominic "Musa" Schmitz, Mönchengladbach, Ex-Salafist

Dominic Schmitz war 17. Dem Jugendlichen aus Mönchengladbach ging es wie vielen seiner Altersgenossen: Seine Eltern hatten sich getrennt, an der Schule verlor er schnell das Interesse, als Alkohol und Gras in seiner Clique wichtiger wurden als Mathehausaufgaben und Sport. Doch Trinken, das war für Dominic nur vorübergehend ein Mittel, um dem Alltag zu entfliehen. Denn Antworten suchte er bald nicht mehr im Rausch sondern im Koran.

Ein Freund führte ihn in die salafistische Szene ein. "Mit 17 Jahren bin ich zum Islam konvertiert, abgetaucht in eine fundamentalistische Parallelwelt voller Hass gegen alle Andersdenkenden“, berichtet er in seinem Buch, das die Huffington Post in Auszügen veröffentlicht hat. Es waren die einfachen Antworten auf alles, die Dominic vom Islamismus überzeugten. Sein Freund hatte diese parat. Immer. Westliche Werte, moderne Kleidung, Musik, Fernsehen, Frauen, Partys: All diese Dinge waren auf einmal der Feind.

"Nur noch gut und böse"

Bald sei er an dem Punkt gewesen, an dem es in seinem Kopf nur noch "gut und böse gegeben“ habe. Und das Gefühl von Zusammenhalt, wenn er mit seinen Glaubensbrüdern zusammen war. Dominic merkte, dass auch seine Freunde sich zu verändern begannen, wie zum Beispiel Daniel. "Er war früher ein scheuer, friedfertiger Mensch“, schreibt er über einen Weggefährten. Heute ist dieser Anführer einer terroristischen Kampfeinheit des IS.

2013 stieg Dominic aus: Bevor sein Lebensweg, wie im Falle seines Freundes Daniel, eine schlimmere Wendung nahm. Heute berichtet er in einem Videoblog von seiner Zeit in der Szene: eine Innenansicht, die Sorgen macht. Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass sich in Deutschland etwa 44.000 Islamisten aufhalten. 7.000 davon sind den Salafisten zuzuordnen. In den letzten fünf Jahren hat sich ihre Anzahl nahezu verdoppelt.

Salafismus ist eine fundamentalistische Strömung des Islams, sie gilt als verfassungsfeindlich, ist aber nicht grundsätzlich gewaltorientiert. Auffällig aber: in der Vergangenheit rekrutierte die Terror-Miliz IS in Deutschland ihre Kämpfer mit besonderer Vorliebe aus der Salafisten-Szene.

Michael Bauer, Torgau, Ex-Neonazi

Auch Michael Bauer hat eine ähnliche Geschichte zu erzählen. Auf den ersten Blick. Er wächst im sächsischen Torgau auf. Seine Welt verändert sich, als sein Vater seinen Job verliert. Familiären Rückhalt verspürt Michael ab jetzt immer seltener, auch Taschengeld gibt es für den damals Zehnjährigen von nun an nicht mehr. Dafür viele offene Fragen -und viel Wut.

Erst kam der Alkohol, dann neue Freunde: Echte Kameradschaft. "Ich fühlte mich frei und anerkannt“, sagte er "Spiegel Online“ einmal.

Michael beginnt sich für Kampfsport zu interessieren. Und für Waffen. Er rutscht ab - tief in die rechtsextreme Szene. Lange führt er eine Kampfsportgruppe namens "Racheakt“, ab 1998 den "Bund Arischer Kämpfer“. Mittlerweile ist Michael ausgestiegen und warnt vor der Flucht in die rechte Szene.

Auch Terror von Rechts ist weiter ein Problem

Dass sich die Lebenswege der beiden ideologisch vollkommen gegensätzlichen jungen Männer beim ersten Hören ähneln, verrät viel über die Hintergründe, warum und wie sich Jugendliche in Deutschland radikalisieren. Die Geschichten zeigen: oft sind es nicht in erster Linie Inhalte, die junge Menschen zum Eintritt ins extremistische Milieu überzeugen.

Der Fokus der Medien liegt zwar zurzeit auf islamistischen Extremisten. Doch auch Terror von Rechts stellt in Deutschland ein Problem dar. Denn Michael ist kein Einzelfall: Von etwa 21.000 Rechtsextremisten auf Bundesgebiet geht der Verfassungsschutz derzeit aus, über 10.000 davon sind gewaltbereit. 16.000 Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund hat die Behörde im vergangenen Jahr gezählt, verglichen mit dem in Deutschland bislang quasi nicht vorhandenen islamistischen Terror eine erschreckende Zahl.

Radikalisierung funktioniert ähnlich

Matthias Quent von der Universität Jena ist auf Extremismusforschung spezialisiert. Beim Prozess der Radikalisierung sieht er Gemeinsamkeiten zwischen Islamisten und Neonazis: "Oft haben die Betroffenen eine schwierige Bildungsbiographie, familiäre Probleme und zeigen schon vor ihrer Radikalisierung einen Hang zur Kriminalität“, sagte er der Huffington Post.

Dass sich in manchen Gegenden viele Jugendliche rechten Ideologien zuwenden, sei vor allem "eine Frage des Angebots“. Die "Suche nach Zugehörigkeit“ führe dazu, dass junge Menschen in bestimmte Milieus drängten. Grade in den Neuen Bundesländern ist rechtes Gedankengut präsent, in urbanen Ballungszentren schlägt zunehmend der Islamismus Wurzeln, wie eine Recherche der "Welt am Sonntag“ kürzlich zeigte.

Rekrutierer der rechten Szene und der Salafisten gingen dabei sehr ähnlich vor: "Was gepredigt wird, ist genau auf die Zielgruppe abgestimmt“, verrät Quent. Es seien einfache, zugespitzte Antworten, die häufig nach dem Sündenbockmuster funktionierten. Die extremistischen Ideologien präsentieren Schuldige für die oft sehr persönlichen Miseren der jungen Menschen.

"Wenn jemand als Kind zum Beispiel geschlagen wurde, ist daran dann vielleicht die westliche Gesellschaft Schuld“, nennt Quent ein Beispiel aus der Islamistenszene. Ähnliches gelte aber auch bei Neo-Nazis.

Aussteiger: "Ganz unabhängig von der Art"

Das bestätigt auch Andreas Molau . Bis 2012 war dieser in rechtsextremen Parteien aktiv, bis in die Führungsriege der NPD rückte er vor. Heute hat er sich von der Szene entfernt und engagiert sich für die Extremismus-Prävention. Der Huffington Post sagte Molau: "Es sind vor allem Ausgrenzung und mangelnde Kommunikation, die zur Radikalisierung führen. Und ich fürchte, das ist ganz unabhängig von der Art der Radikalisierung.“

Wäre Dominic, irgendwo in einer sächsischen Provinz also womöglich zum Neo-Nazi geworden? Hätte sich Michael irgendwo in einem Problemviertel in NRW vielleicht Hass-Prediger Pierre Vogel zum Vorbild genommen statt Joseph Goebbels?

Ausgeschlossen ist es nicht.

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