POLITIK
03/04/2016 11:09 CEST | Aktualisiert 03/04/2016 14:42 CEST

"Keine Angst, hier gibt‘s auch Deutsche!": Warum Neukölln ein Labor für Deutschland ist

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Die gefährlichste Gegend Deutschlands oder die interessanteste? Berlin-Neukölln ist ein Symbol geworden, seit wieder viel über Integration diskutiert wird. In dem Stadtteil leben Menschen aus 150 Nationen, der Anteil an Bürgern mit Migrationshintergrund liegt bei gut 50 Prozent, die Armut ist hoch.

Ein Buch untersucht nun, wie das Leben dort sich wirklich anfühlt – für eine Mittelschichtsfamilie. Ein Ergebnis: Neukölln ist das Labor für Deutschland. Hier kann man studieren, wie die moderne Einwanderungsgesellschaft der Zukunft funktionieren wird. Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch "Keine Angst, hier gibt‘s auch Deutsche!" von Thomas Lindemann, das Anfang April erschienen ist.

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Wir mussten gehen, als die Mieten stiegen. Die so genannte Gentrifizierung war da. Klaus Wowereit, der SPD-Bürgermeister ausgerechnet, hatte zehntausende stadteigene Wohnungen an US-Investorengruppen verkauft. Und dann klingelte auch bei mir das Telefon. Ich könne meine Wohnung doch erwerben.

Der freundliche Herr nannte eine Summe, von der man auf dem Land ein kleines Anwesen bekommt. Wir sind eine Familie mit drei Kindern ohne gesichertes Einkommen. Also zogen wir um. Aus dem Vorzeigestadtteil Prenzlauer Berg in den Problemkiez Neukölln. Aus der Blase der wohlhabenden Bionade-Bourgeoisie in das wahre Deutschland. Tschüss, Mittelschicht!

Ich wollte einfach nur in meiner Stadt umziehen. Aber ich kam in ein anderes Land. Das habe ich an den Reaktionen der Bekannten und Freunde gemerkt. „Das könnt ihr nicht machen, nicht mit Kindern!“ – „Überleg dir das noch mal. Idealismus in Ehren, aber es geht hier um deine Familie.“ – „Ja, ja, das ist der verdammte Berliner Mietwucher. Jetzt müsst ihr Armen nach Neukölln gehen.“

Andere gehen, wir kommen

Die Lehrerin, die unseren großen Sohn nach einer sehr modernen, freien Methode durch die ersten Schuljahre gebracht hat, ignoriert meine Ankündigung, dass wir wechseln wollen, und sagt nur: „Nein, nein, das wäre nicht gut für ihn.“

Als wir kurz darauf wirklich in Neukölln ankommen, hören wir von Nachbarn: „Wie ungewöhnlich, ihr kommt hierher? Normalerweise gehen die Eltern in eurem Alter. Sie kommen als Studenten, führen hier ihr Single-Leben, ausgehen kann man gut. Dann bekommen sie Kinder, und bevor die im Schulalter sind, ist die Familie schnell weg.“

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(Hauswand im Neuköllner Schiller-Kiez. Copyright: Getty)

Ein Vater, mit dem ich sprach, hat mit Nachbarn eine Fahrgemeinschaft gegründet, um die Kinder jeden Tag zu einer acht Kilometer entfernten Schule zu fahren. Im so genannten Problemviertel offenbart sich eine tief sitzende Lebenslüge der liberalen Mittelschicht. Wir reden links, leben aber rechts.

„Man denke etwa daran, wie sehr gerade liberale Milieus soziale Brennpunkte meiden, wie gerade junge Familien darauf achten, dass ihre Kinder in schicht- und kulturadäquaten Umfeldern beschult werden“, schreibt der Soziologe Armin Nassehi.

Prenzlauer Berg ist eine "national befreite Zone"

Zadie Smith hat mit „London NW“ einen ganzen Roman darüber geschrieben: Obwohl alle für die gute Sache sind, ergibt es sich wie durch ein Wunder, dass die kreative Boheme sich in Stadtteilen sammelt, in denen Trinker, Hartz-IV-Empfänger und Ausländer eben keine Rolle spielen. Berlin-Prenzlauer Berg ist, so peinlich das klingt, praktisch genau das, was der üble rechtsradikale Kampfbegriff „national befreite Zone“ meint.

Der Modell-Stadtteil der jungen Bourgeoisie, für den das Wort „Bionade-Biedermeier“ erfunden wurde, entledigte sich fast hastig der Untergrund-Kultur, die einst noch in der New York Times gelobt wurde. Ateliers und Clubs verschwanden. Das bürgerliche Cocooning siegte und schuf ein Idyll aus Kochschulen, Privatkitas und Geschäften für besondere Olivenöle.

Meine Familie und ich sind trotzdem erst unter dem Druck der teuren Mieten gegangen. Denn wir waren dort eine richtige Vorzeigefamilie: Drei Kinder. Wie die meisten im Viertel wählten wir grün, hatten Apple-Computer und hohe Ideale. Ich ging zum Yoga. Ich bin die linksliberale Moderne.

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(Kioskbesitzer in Neukölln. Copyright: Getty)

Und dann also Neukölln, der ganz andere Lebensentwurf. Nur zehn Kilometer entfernt, wirkt der Stadtteil wie ein anderer Planet. Eine Gegend, die schon die „Bronx Berlins“ genannt wurde oder „Deutschlands härtestes Pflaster“. Wir sind in ein sogenanntes Problemviertel gezogen. Mit Kindern. Dort sind manche Träume von früher dann ziemlich schnell zerplatzt.

Neukölln ist ein Labor für Deutschland

Neukölln ist dabei nicht nur ein Ort, sondern ein Symbol, von dem ganz Deutschland redet. Bei AfD und Pegida immer wieder. Als auf einer der Dresdner Demonstrationen kürzlich ein Herr befragt wurde, worum es überhaupt geht, sagte er in die Kamera: „Ich habe Angst, dass meine Enkel mal an die Schule kommen, und die haben dasselbe Problem wie zum Beispiel in Neukölln.“

Natürlich war er noch nie hier gewesen. Er hatte nur die diffuse Vorstellung, dass wir „als Christen nicht mehr das Abendland beherrschen und von anderen Leuten übertüncht werden“.

Dabei ist der Berliner Stadtteil ein Labor für das, was Deutschland sein kann – mit allen schönen und hässlichen Seiten. Die Stadt sammelt jährlich 800 Tonnen Müll von den Straßen. Manchmal hört man von nächtlichen Gang-Schlägereien. Ein Drittel der Menschen lebt von Hartz IV. Gleichzeitig sind die Szene und das Nachtleben hier so interessant wie sonst nirgendwo, das Leben ist nirgends so urban, Multikulti ist intakt.

Hier sind türkische Mädchen mit Kopftuch die Klassenbesten, amerikanische Künstler betreiben die Bars. Ungarische Juden organisieren in Moscheen Infoabende. In Neukölln ist Deutschland schon ein modernes Einwanderungsland.

Name ist Symbol für soziale Probleme

Das heißt nicht, dass es ein Wunderland ist. Zwar ist der nördlichste Zipfel dieses Stadtteils, der an Kreuzberg angrenzt, schon mithilfe von Cafés und Sanierungen bürgerlich ruhiggestellt, aber eben nur der. Die Hipster treffen auf harte soziale Verhältnisse und herbe Kriminalität. In der allgemeinen Wahrnehmung bleibt der Stadtteil der Problemkiez schlechthin.

Bis zu 90 Prozent sind (je nach Gegend) arm. Spätestens seit dem sogenannten Brandbrief-Skandal an der Rütli-Schule von 2006, als die Lehrer öffentlich vor dem Unwillen und der Gewalt ihrer Schüler kapitulierten, ist Neukölln ein Reizwort, das die Republik elektrisiert.

Heinz Buschkowsky, der frühere Bezirksbürgermeister, landete einen Bestseller mit dem Buch „Neukölln ist überall“, ging durch alle Talkshows und machte den Namen seines Stadtteils zum Symbol für soziale Probleme und angeblich scheiternde Integration.

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(Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel (l.) mit dem ehemaligen Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky. Copyright: Reuters)

Neukölln hat 325 000 Einwohner. In einer Liste der deutschen Großstädte käme es auf Platz 19, vor Bonn, Münster oder Karlsruhe. In Nord-Neukölln, dem eigentlichen Kernstadtteil, sind knapp mehr als die Hälfte der Einwohner Migranten. Als Deutscher bin ich in meinem Kiez in der Minderheit – jedenfalls rechnerisch.

„Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!“

Über das Gefühl sagt das nichts. Kein Deutscher fühlt sich hier unterdrückt. Eher schon peinlich berührt, dass Migranten wie selbstverständlich die einfachen Jobs machen.

„Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche!“ Diesen Satz, der nun der Buchtitel ist, sagte eine Erzieherin zu uns, als wir eine Hortgruppe für unsere Kinder suchten. Das schien nicht zynisch oder despektierlich gemeint. Sie sei selbst „nur halb deutsch“, wie sie es nennt. Aber sie ist einfach schon lange hier und hat gelernt, Klartext zu sprechen.

Unter anderem deswegen fühlt man sich gerade hier gut aufgenommen und frei. Wenn es ein New York Deutschlands gibt, ist es hier. Die Autorin Theresia Enzensberger, die einige Zeit in den USA verbrachte und nach ihrer Rückkehr hierher kam, sagte es mir so:

„Mit der Rückkehr nach Deutschland war ein umgekehrter Kulturschock verbunden: Alle sind weiß, alle sehen gleich aus, alles war so homogen. Neukölln war der einzige Ort, der ein bisschen diverser und vielfältiger ist.“

Für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft wegweisend

Ich habe mit ihr gesprochen, um zu ergründen, warum dieser Ort junge Künstler und Kreative anzieht.

Die Neuköllner sehen es nicht anders. Eine Studie hatte Anwohner befragt, Experteninterviews geführt und die Geschichte dieses Stadtteils untersucht, der wie kein anderer von Zuwanderung und Wandel bestimmt ist. Die Forscher wollten herausfinden, ob Diskriminierung zum Alltag gehört und wenn ja, in welchem Ausmaß. Die Antwort ist: ein wenig schon.

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(Imbiss in Neukölln. Copyright: Getty)

Besonders Frauen, die das Kopftuch tragen, berichten, dass sie negative Kommentare hinnehmen müssen. Jede zweite muslimische Frau hat das ausgesagt. Grundsätzlich fühlen sich aber drei Viertel nicht diskriminiert. 80 Prozent leben gern in Neukölln. Und 90 Prozent könnten diese Aussage unterschreiben: „Die Vielfalt der Kulturen und Lebensstile empfinde ich als Bereicherung.“

Auf der Pressekonferenz zur Studie fiel der Satz: „In Neukölln hat sich ein Lernprozess vollzogen, der für Deutschland als Einwanderungsgesellschaft insgesamt wegweisend ist.“

Menschen warten auf die Chance etwas Gutes zu tun

Und wenn ältere Befragte die Entwicklung Neuköllns nicht mögen, beziehen sie sich mitnichten auf die Anwesenheit von Mitbürgern, die aus anderen Kulturkreisen stammen. Sondern sie nennen die jungen Hipster, die steigenden Mieten und die Gentrifizierung, den befürchteten Wandel in eine Schickeria.

„Die Mehrheit der Befragten vertritt tolerante Haltungen gegenüber anderen ethnischen oder religiösen Gruppen oder sozialen Minderheiten.«

Das gilt anscheinend von beiden Seiten. Ein arabischstämmiger Sozialarbeiter, hoch angesehen im Stadtteil, sagt mir: „Die Menschen warten nur auf die Chance, etwas Gutes zu tun für dieses Land“, er meint die arabische Gemeinschaft. „Man muss sie aber auch lassen.“ Die so genannten jugendlichen Intensivtäter, vielfach straffällige Kids, hatten oft keine Möglichkeit, sich frei auf dem Arbeitsmarkt umzuschauen.

Denn dazu muss man eingebürgert sein. Wer es ist, gründet einen Blumenladen oder repariert Handys und Computer – mit Drogen handelt er nicht. So kann man aus den Fehlern der Integration schon jetzt lernen, wie die Menschen die zurzeit Flüchtlinge genannt werden, ein echter Teil dieser Gesellschaft werden können. Man muss sie auch lassen.

Neukölln kann ein Modell für Deutschland sein. Für ein Land, das sich derzeit darauf einstellen muss, modern zu werden und Integration bald auch an anderen Orten zu leisten. Hier kann man schon einmal sehen, wie das funktionieren oder scheitern kann.

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lindemann

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche“, das gerade im Berlin-Verlag erschienen ist (280 Seiten, 14,99 Euro).

Hier könnt ihr das Buch „Keine Angst, hier gibt’s auch Deutsche“ kaufen.