LIFE
01/04/2016 04:50 CEST | Aktualisiert 01/04/2016 07:45 CEST

Die traurige Realität von Kindern in der heutigen Zeit

THE BLOG

Als ich klein war, habe ich draußen mit anderen Kindern aus der Nachbarschaft gespielt – so haben wir es in den frühen 80ern eben gemacht.

Es gab eine kleine Gruppe von Kindern, deren Mütter Lehrerinnen waren - wie meine Mutter. Und wir haben im Sommer in unserem sonnigen Garten miteinander gespielt, wenn unsere Mütter nicht arbeiteten.

Inzwischen lebe ich nicht mehr in einer Nachbarschaft. Stattdessen lebe ich, umgeben von ein paar Hektar Land, auf einem Hügel in einer halb-ländlichen Gegend. Aber auch wenn ich in einem Haus mit direkter Nachbarschaft leben würde, würde das keinen großen Unterschied machen.

Man muss sich um die Freundschaften seiner Kinder Bemühen

Meine Freunde, die in Wohnsiedlungen leben, haben dasselbe „Problem“ wie ich: Wir müssen „Spielverabredungen“ für unsere Kinder ausmachen, damit sie Freunde haben.

Es ist unfair, wirklich. Es ist allen Beteiligten gegenüber unfair.

Verglichen mit meiner eigenen kleinen Kindheits-Clique hat mein Kind vergleichsweise wenige Freunde. Damals war es zwar ein Vorteil, wenn unsere Eltern befreundet waren. Aber es war keine Notwendigkeit, nur damit ich Zeit mit anderen Kindern meines Alters verbringen konnte.

Inzwischen hat sich die Gesellschaft – und im Besonderen das Mama-Dasein – vom gemütlichen Rumhängen-mit-den-Kindern-aus-der-Nachbarschaft hin zur Spielverabredungsmentalität entwickelt, sodass wir Leute mit Kindern für ein paar Stunden zu uns einladen müssen.

In der Zwischenzeit müssen wir umständlichen Smalltalk abhalten, während unsere Kinder miteinander spielen. Danach trennen sich unsere Wege und wir fahren nach Hause, durch die Stadt oder gar zurück in ganz andere Städte.

Die beste Zeit, um als Kind draußen zu spielen, war bei Sonnenuntergang, wenn der Himmel langsam dunkel wurde. Das Versteckspiel machte dann viel mehr Spaß. Das galt eigentlich für jedes Spiel, denn es herrschte dieses perfekte Abendlicht und es kühlte sich immer ein wenig ab.

Ich erwarte nicht, dass die Gesellschaft sich zurückentwickelt

Im Winter war der Schneefall manchmal heftig, zumindest bei uns in Ohio, und meine Freundin aus der Nachbarschaft kam vorbei, um mit mir im Wintergarten mit Puppen zu spielen.

Sie, meine Zwillingsschwester und ich waren die besten Freundinnen und nach all diesen Jahren stehen wir uns noch immer nah. Und ich erinnere mich daran, dass unsere Mütter gerade einmal eine Handvoll Momente miteinander verbracht haben.

Ich behaupte nicht, dass mit dieser „Spielverabredungs-Gesellschaft“ irgendetwas nicht stimmt oder dass ich erwarte, dass sich die Dinge wieder zurückentwickeln und anders sein sollen – ich weiß, dass das nicht funktioniert.

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Dennoch tut es mir für meine Tochter sehr leid, dass sie diese engen Freundschaften verpasst – und ich fühle mich schlecht, weil es sich anfühlt, als wäre es mein Fehler.

Sie hat keine Freunde, weil ich auch keine habe – so fühlt sich moderne Mutterschaft an.

Meinetwegen kennt sie seit ihrem 4. Lebensjahr keine anderen Mädchen.

Meine langjährigen Freundschaften basierten alle auf unserer Nachbarschaft und dem gemeinsamen Spielen – nicht, weil wir dies zu unserer planmäßig vereinbarten Zeit mussten, sondern weil wir es wollten.

Wir leben nicht länger in einer Welt, in der wir unsere Kinder auf ihren Fahrrädern nach draußen schicken, mit Zapfenstreich bei „Einbruch der Dunkelheit“. Ob wir wollen oder nicht – die Welt scheint beängstigender zu sein, als sie es noch in den 80ern war.

Wir wissen zu viel über die Verbrechen auf der Welt

Um fair zu sein: Damals war sie auch nicht perfekt, aber viele Innovationen – das Internet eingeschlossen – haben zu einer Kultur geführt, in der wir schlichtweg mehr über Dinge wie Kriminalität wissen. Darüber, was in der Welt außerhalb unserer (nicht verschlossenen) Haustüren vor sich geht.

Bis auf Neonfarben und androgyne Hosenanzüge kommen die 80er Jahre nicht zurück. „Spielverabredungen“ werden wahrscheinlich bleiben.

Wenn ich meiner Tochter beim Spielen mit ihrer kleinen Schwester zusehe und wie sie ihren Puppen vorliest, dann habe ich noch immer Gewissensbisse wegen des x-ten Males, wo das Mittagsschläfchen meines Babys zeitlich nicht zu dem einer anderen Mutter passt. Oder ich hole mein Kind zu einer Zeit von der Schule ab, wenn sie gerade Zeit hätte und letztlich geben wir beide den Versuch „zu spielen“ einfach auf.

Ich vermisse, was ich persönlich eigentlich selber nie hatte: Eine Gruppe Kinder, die in meinem Garten herumläuft, während eine andere Mutter sie vom Nachbarhaus aus im Blick hat. Jedes Mal, wenn ich mich frage, ob mein Leben auf einem ruhigen Hügel daran schuld ist, spreche ich mit Müttern, deren Nachbarn nur einen Steinwurf entfernt sind und die trotzdem immer noch zu „Spielverabredungen“ gehen.

Ja, wir alle kennen Menschen, die in dieser einen, anheimelnden Nachbarschaft leben. Die nach wie vor ihre Türen unverschlossen und ihre Kinder mit dem Fahrrad zum Haus von Familie So-Und-So fahren lassen. Aber in den meisten Fällen sieht die Kindheit unserer Kinder nicht mehr so aus.

Ich finde es unfair, diese Art von Mutter sein zu müssen

Stattdessen führen wir ewige Diskussionen über Fragen wie diese: Ist bei einer Spielverabredung Wein für die Mütter angemessen? Kannst du rüberkommen, während das Baby schläft? Ich habe dienstags nur von zwei bis vier Zeit, oder am Mittwoch nach zehn Uhr, aber vorher bringe ich So-Und-So nach hier-und-da.

Die Welt ist anders im Vergleich zu damals, als ich klein war. Die jungen Leben meiner Kinder sind ebenfalls erheblich anders.

Größtenteils ist das in Ordnung für mich, aber manchmal auch nicht. Und wenn ich mit der Frage nach dem „Warum?“ über diesen einen kleinen, glänzenden Keim der Wahrheit nachdenke, dann liegt es oft daran, dass ich es für „unfair“ halte, diese beliebte „Spielverabredungsmutter“ sein zu müssen, damit meine Kinder Freunde haben.

Aber ich bemühe mich weiter. Ich werde weiterhin versuchen, mich mit anderen Leuten zu treffen, die Kinder im selben Alter haben.

Was meine Tochter nicht kennt, kann sie nicht vermissen

Ich setze mich mit Unbehagen weiterhin mit Menschen auseinander, mit denen ich mich sonst nicht auseinandersetzen würde. Ich wünsche mir aus meinem tiefsten Mutterherzen heraus, dass meine Tochter – dieser soziale Schmetterling – mehr Raum zum Fliegen hätte.

Aber zusätzlich bewahre ich mir die Realität, dass ein Schnappschuss ihrer Kindheit sich gänzlich von meinen Polaroids unterscheidet, für später auf – sie kennt es ja nicht anders.

Ich vergleiche das, was ich hatte, mit etwas, das sie möglicherweise nie haben wird. Somit vermisst sie es auch nicht. Und wie sich herausstellt, ist das das Traurigste von allem.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Ramona Biermann aus dem Englischen übersetzt.

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