POLITIK
01/04/2016 11:07 CEST | Aktualisiert 01/04/2016 11:46 CEST

Eure Heuchelei zu Erdogan ist unerträglich

Eure Heuchelei zu Erdogan ist unerträglich
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Eure Heuchelei zu Erdogan ist unerträglich

Ach ja, Deutschland. Land der Wälder und Deiche. Land der Ingenieure und Denker. Land der widerlichen Doppelmoral.

Einige unserer Mitbürger beweisen wieder einmal, dass sie im Herzen Heuchler sind. Weil die Diskussion um Flüchtlinge abkühlt, haben sie ein neues Lieblingsthema entdeckt: Erdogan.

Sie empören sich über den Tyrannen und Diktator, über den Staatschef, der die freie Presse hasst und seinem Amt durch Gesetzesänderungen mehr Macht verleihen will.

Versteht mich nicht falsch: Natürlich lehne auch ich ab, was Erdogan da treibt. Menschenrechtler und politische Gegner kritisieren ihn zurecht seit Jahren.

Doch gerade diejenigen, die jetzt am lautesten brüllen, sollten lieber still sein. Denn sie wünschen sich für Deutschland genau das, wofür Erdogan steht. Eine Politik, die das Land abschottet und auf Bedrohungen mit brutaler Gewalt reagiert.

Wenn Putin politische Gegner einsperrt, Journalisten bedroht und fremdes Staatsgebiet annektiert, finden sie das toll. Auf rechten Hetzseiten wird er als "Ehrenmann" gefeiert, der Europa vor Erdogan beschützt.

Putin ist der starke Mann. Putin liebt sein Volk. Aber Erdogan? Der ist Türke.

Mit Verlaub, diese Heuchelei ist zum Kotzen.

Zum Kotzen ist auch, wenn sich die AfD-Politikerin Beatrix von Storch bei Facebook plötzlich für Journalisten stark macht. „Warum bestellen wir jetzt nicht den türkischen Botschafter ein – für dringende Nachhilfe in Pressefreiheit", fragt sie.

Und das, nachdem sie noch vor zwei Wochen gegen eine AfD-Satire von Jan Böhmermann gewettert hatte. "Mit staatlichen Zwangsgebühren finanziertes Propagantainment", schimpfte sie. Und forderte: "GEZ abschaffen!" Die Diktatur lässt grüßen.

Dass solche totalitären Ansichten in Deutschland gesellschaftsfähig geworden sind, hat einen Grund: In den vergangenen Jahren hat sich in unserem Land eine fatale Sehnsucht ausgebreitet. Nach einem starken Anführer, nach der guten alten Zeit. Mehr als 20 Prozent der Deutschen stimmen den folgenden Aussagen zu:

"Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland."

"Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht."

"Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben."

Das war das erschreckende Ergebnis der Leipziger "Mitte"-Studie von 2014. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie die Antworten heute aussehen würden, mitten in der Flüchtlingskrise und so kurz nach den Terror-Anschlägen.

"Autoritarismus" nennt man diese politische Einstellung. Es ist zwar noch keine Diktatur, kommt ihr aber verdammt nahe. Viele Menschen haben Angst vor Veränderung. Die Gewissheiten wanken. Was gestern noch gültig war, ist morgen überholt.

Weil sie mit dieser Unsicherheit nicht umgehen können, wünschen sich diese Bürger jemanden, der die Dinge für sie regelt.

Das ist ein psychisches Phänomen, das seit einiger Zeit intensiv erforscht wird. Wissenschaftler glauben, dass Autoritarismus eine Veranlagung ist. Sie schlummert bei einer bestimmten Gruppe von Menschen. Und wird durch einen Auslöser aktiviert.

Zum Beispiel, wenn plötzlich Hunderttausende Flüchtlinge ins Land kommen. Oder immer mehr Frauen auf der Straße Kopftuch tragen.

Der Psychologe Jonathan Haidt beschreibt autoritaristische Menschen so:

"Es ist, als würde ein Knopf auf ihrer Stirn gedrückt, auf dem steht: 'Im Fall einer moralischen Bedrohung Grenzen schließen, alle rauswerfen, die anders sind und diejenigen bestrafen, die von der moralischen Norm abweichen'."

Das klingt wie das Parteiprogramm der AfD, die jetzt Wahlrekorde feiert. "Weil sie als einzige Partei an die Sicherheit des Deutschen Volkes denkt", wie ein Anhänger bei Facebook schreibt. Na, fällt euch etwas auf? Das ist Autoritarismus in seiner reinsten Form.

Ich möchte Erdogan nicht verteidigen. Es ist mir sehr wichtig, das klarzustellen. Ich verurteile seine Politik. Ich verurteile aber auch Putin und die AfD. Ihre vielen Unterstützer sollten sich klarmachen, wen sie da eigentlich in die Regierung holen wollen. Welche Politik sie sich als Vorbild für Deutschland auserkoren haben.

Denn autoritäre Regime haben eines gemeinsam: Sind sie erst einmal an der Macht, lassen sie selbige nicht so schnell wieder los. Auch wenn sie dafür Gesetze und demokratische Institutionen aushebeln müssen.

Wir brauchen keine autoritäre Regierung. Niemand soll uns die Entscheidungen abnehmen. Wir müssen nicht bevormundet und vom Rest der Welt abgeschottet werden.

Die Demokratie in Deutschland ist so jung. Genau genommen sind wir erst seit der Wende ein richtiger Staat. Haben wir nach 26 Jahren schon wieder vergessen, wie wertvoll die Freiheit ist?