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01/04/2016 12:42 CEST | Aktualisiert 01/04/2016 13:29 CEST

Was die Generation Y noch über Liebe lernen muss

Warum wir anders lieben als unsere Eltern
teksomolika via Getty Images
Warum wir anders lieben als unsere Eltern

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„Das bist du mir schuldig“, waren ihre Worte. Meine Freundin war von ihrem Freund verlassen worden. Nach 3 Jahren Beziehung. Sie dachte, er würde ihr bald einen Heiratsantrag machen, er machte Schluss.

Als er ihr das mitteilte, flehte sie ihn nicht an, ihr noch einmal eine Chance zu geben. Sie versprach ihm nicht, manche Sachen in ihrer Beziehung künftig besser zu machen. Nein. Sie sagte: „Wir müssen es noch einmal probieren. Das bist du mir schuldig“.

Ich weiß gar nicht, was ich zu der Geschichte gesagt habe. Welche Einschätzung ich zu ihrer Reaktion abgegeben habe. Ich war schon längst damit beschäftigt, über ihre Worte nachzudenken.

Und ich tue es bis heute. Wann und warum ist es mir jemand schuldig, bei mir zu bleiben?

Habe ich mich bisher mehr angestrengt und jetzt ist der Andere dran, seinen Beitrag zu leisten, indem er bei mir bleibt? Gibt es ein Beziehungskonto, das der andere überzogen hat? Steht er jetzt bei mir in der Schuld und darf erst gehen, wenn er die beglichen hat?

Zu viele Fragen.

Eine andere Geschichte:

Vor einigen Wochen erzählte mir eine Single-Freundin von einem Typen, mit dem sie jetzt ein paar Mal auf Dates gegangen war, der sich aber nun nicht mehr bei ihr meldete. „Ghosting“ nennt man dieses Phänomen. Jemand verschwindet einfach ohne ein „Sorry, ist nicht“ oder „Es liegt nicht an dir, sondern an mir“. Was auch immer. Nicht sonderlich nett.

Auch sie forderte ihr vermeintliches Recht ein: „Ich habe mich immer bei ihm gemeldet, wir haben uns so gut verstanden. Ich finde das total unfair, dass er mich nicht besser kennenlernen will“.

Zugegeben: Jemanden einfach stehen zu lassen ohne Bescheid zu geben, ist ziemlich feige.

Aber seien wir ehrlich: Ist er ihr das schuldig, sich zu melden? Wenn sie einen Schritt auf ihn zugeht, dann muss er bitteschön auch einen Schritt auf sie zugehen, oder was?

Man kann Menschen in der Liebe zu nichts verpflichten

Die beiden Geschichten haben auf den ersten Blick relativ wenig miteinander zu tun. Aber sie führten mich beide zu derselben Erkenntnis: Man kann Menschen in der Liebe zu nichts verpflichten. Man kann sie nicht verpflichten, bei einem zu bleiben. Man kann sie nicht verpflichten, sich zu melden.

Man kann sie eigentlich zu gar nichts verpflichten. Weder beruflich, noch privat.

Wenn uns der Job zu stressig ist, dann kündigen wir. Wenn wir keine Lust haben, mit der Freundin Kaffee trinken zu gehen, dann sagen wir eine Stunde vorher per Whatsapp ab. Wenn uns das Essen nicht geschmeckt hat, dann gehen wir künftig in ein anderes Restaurant.

Wir lassen uns zu nichts verpflichten. Klingt selbsterklärend, aber das war nicht immer so.

Unsere Eltern und Großeltern mussten gewisse Verpflichtungen eingehen, da es die äußeren Umstände und Erwartungen gar nicht anders zuließen.

Menschen konnten ein Treffen nicht kurz vorher absagen, da es nicht sicher war, ob sie die andere Person noch auf dem Festnetztelefon erreichen konnten.

Meine Großeltern gehen seit jeher sonntags in dasselbe Restaurant, weil der Besitzer aus demselben Ort stammt wie sie– ihnen ist dabei ganz egal, wie das Essen schmeckt. Sie sehen es als ihre Pflicht an.

Mein Vater erzählte mir kürzlich, wie schockierend er es fände, dass ihm junge Menschen zusagen, bei ihm zu arbeiten und dann kurz vor Vertragsabschluss absagen, weil sie doch etwas Besseres gefunden hätten.

Er dachte eben, weil er sich immer seinem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet gefühlt hat, müsse das die „Jugend heutzutage“ doch auch tun.

Ich denke schon, dass wir ein Leben lang zusammenbleiben können- aber aus anderen Gründen als unsere Eltern

Ich sagte ihm: „Meine Generation kann man nicht so einfach verpflichten. Auf jeden Fall viel schwerer als eure.“

Wir fühlen uns keinem Heimatort, keinem Arbeitgeber, keinem Hobby verpflichtet. Deshalb finde ich es aber umso erstaunlicher, dass wir noch immer glauben, wir könnten Menschen verpflichten, uns zu lieben.

Menschen bleiben nicht mehr zusammen, nur weil es ihre Pflicht ist.

Das heißt nicht, dass ich glaube, Menschen in unserer Generation können nicht ein Leben lang zusammenbleiben. Ich glaube aber, dass sie aus anderen Gründen zusammenbleiben.

Unsere Eltern und Großeltern hatten noch familiäre, gesellschaftliche oder finanzielle Gründe, beim Anderen zu bleiben, die in unserer Lebenssituation oft wegfallen.

Ich denke, dass es heute umso wichtiger ist, an einer Beziehung zu arbeiten, dem Partner etwas zu geben. Etwas Anderes als Geld, Status und Sicherheit, denn da sind wir meistens nicht mehr voneinander abhängig.

Und wenn uns der Partner verlassen möchte, dann müssen wir ihm einen triftigen Grund bieten, das nicht zu tun. Aber bitteschön nicht: „Weil du mir das schuldig bist“.

Es ist natürlich kein schönes Gefühl, sich nie ganz in Sicherheit zu wiegen. Mein Partner kann mich immer verlassen. Weil es nicht seine Pflicht ist, bei mir zu bleiben.

Wenn ich also will, dass mein Partner bei mir bleibt, dann muss ich eine Möglichkeit finden, um ihn glücklich zu machen. An jedem einzelnen Tag.

Das muss nicht heißen, dass wir nicht streiten, uns nicht anschreien, nicht mal böse aufeinander sein können, nicht die Schnauze voll voneinander haben können.

Aber das heißt, dass er nicht automatisch zurückkommen muss, wenn ich ihn wegstoße. Nur, weil er mir das schuldig ist.

Ich kann in einer Beziehung nur mich selbst verpflichten

Das muss ich schon selbst in die Hand nehmen. Das muss ich selbst entscheiden, wie sehr ich auf den Anderen zugehen möchte. Wie oft ich ihm verzeihen möchte. Wie oft ich mich entschuldigen möchte. Wie viel ich ihm bieten kann.

Also bin ich selbst der einzige Mensch, den ich in die Pflicht nehmen kann und der einzige Mensch, dem ich etwas schuldig bin.

Und das unterscheidet unsere Beziehungen von denen unserer Elterngeneration.

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