LIFE
01/04/2016 10:57 CEST | Aktualisiert 01/04/2016 12:05 CEST

Ich habe dich angeschaut, aber ich habe dich nicht wirklich gesehen

Ich habe dich angeschaut, aber ich habe dich nicht wirklich gesehen
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Ich habe dich angeschaut, aber ich habe dich nicht wirklich gesehen

THE BLOG

Meine kleine Tochter wachte heute Morgen um 6 Uhr auf, ihre Augen strahlten, sie war bereit für den Tag. Mama (das bin ich) dagegen war noch ein bisschen groggy und bekam kaum die Augen auf. Wenn meine Tochter aufwacht, habe ich meistens noch 25 – 30 Minuten gemeinsam mit ihr in unserem Bett, bis wir wirklich aufstehen und uns der Welt stellen müssen.

Um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich egoistisch. Diese Zeit, während der wir morgens in unserem Bett kuscheln, ist hauptsächlich für mich. Während meine Tochter ein Disney-Programm schaut, versuche ich, wenigstens noch für fünf oder zehn Minuten die Augen zu schließen. Wenn das nicht funktioniert, dann kreisen meine Gedanken und üben unnötigen Druck auf mich aus, während ich das Haar meiner Tochter streichle.

Ich schaue auf die Uhr und werde langsam unruhig. „Nur noch zehn Minuten“, sage ich mir leise. Ich habe mir schon eine Frist gesetzt. Eine Frist für meine Tochter und für mich. Wie traurig?

Ich lebe einfach nicht im Moment

Ich habe auch schon eine Liste mit Dingen im Kopf, die ich im Haushalt erledigen muss, Einkäufe, die ich besorgen muss. Es ist so unfair meiner Tochter gegenüber – sie schaut mich mit ihren großen Augen an, den Blick ganz fest auf mich gerichtet, und ich denke nur an all die Aufgaben, die vor mir liegen.

Vor kurzem habe ich festgestellt, dass ich diese kleinen Augenblicke nicht genieße. Ich lebe einfach nicht in diesem Moment.

Kommt dir das bekannt vor? Diese Augenblicke, in denen kein Handy klingelt und kein Laptop wartet. Momente der Ruhe und der Zufriedenheit. Momente, in denen die einzige Unterhaltung das Gesicht meines Kindes ist.

Es schaut mich an, nimmt jede Linie meines Gesichtes auf, drückt meine Nase und zeigt auf meine Augen. Momente, in denen nichts zu tun ist, außer zu atmen. Ich gebe es nur ungern zu. Es macht mich wirklich traurig, aber es ist die Wahrheit. Vielleicht kannst du das nachvollziehen?

Meine Tochter ist mit ihrer Welt zufrieden

Sie ruht so in sich selbst und in ihrer Umgebung. Sie und ihre kleine, unbekannte Weisheit lehren mich so viele Dinge und Lektionen über das Leben.

Manchmal wünschte ich, ich könnte mein Leben wie ein Kind leben. Wie meine Tochter. Kinder sehen ihre Umgebung und ihre Welt unberührt von Sichtweisen, Hass oder der bitteren Wahrheit. Sie sehen das, was direkt vor ihnen liegt. Es gibt keine Komplexität. Sie sorgen sich nicht um das, was erledigt werden muss und um verschwendete Zeit. Sie leben wirklich in diesem einen Moment.

Wenn ich meine Tochter spielen sehe, dann sehe ich, wie versunken sie in der momentanen Realität ist. Ich dagegen sitze auf dem Sofa und sorge mich wegen der Arbeit, obwohl es mein freier Tag ist.

Warum üben wir so viel unnötigen Druck auf uns selbst aus?

Mit einem unguten Gefühl checke ich meine E-Mails, nur um sicher zu gehen, dass mir nichts entgeht und denke, dass meine ständige Erreichbarkeit auch ein Beweis für meinen Einsatz ist. Obwohl die Wahrheit anders aussieht. Tatsächlich verpasse ich etwas und bin isoliert. Was ich verpasse, ist dieses kleine Wesen direkt vor mir, das mir alles bedeutet.

Sie ist so mit sich und der Welt um sie herum zufrieden. Sie lehrt mich mit ihrer kleinen, unbekannten Weisheit so viele Dinge und Lektionen über das Leben.

Ich bin traurig. Ich bin wütend. Warum üben wir so viel unnötigen Druck auf uns selbst aus, immer mehr zu tun, mehr zu sein? Warum sind wir mit dem Gegebenen nicht zufrieden? Warum können wir nicht im Moment leben?

Als meine Tochter heute Morgen schläfrig wurde und ein kleines Nickerchen brauchte, tat ich, was ich dann immer tue. Ich gab ihr ihren Schnuller und die Schmusedecke, legte sie in ihr Bettchen und ging weg. Ich seufzte vor Erleichterung, eine Stunde für mich zu haben. All die Dinge zu tun, die ich mir zuvor im Kopf zurecht gelegt hatte. Die Küche aufräumen, Rechnungen bezahlen, eine Einkaufsliste schreiben. Aber kurz darauf schon hörte ich meine Tochter weinen.

Es gab überhaupt kein sauberes Geschirr mehr im Haus und zwei riesige Stapel Wäsche warteten darauf, zusammengelegt zu werden. Aber an diesem Morgen, als ich meine Tochter weinen hörte, ließ ich den Haushalt einfach Haushalt sein.

Statt ihr den Schnuller wieder zu geben und sie zu streicheln und dann einfach wegzugehen und mich wieder dem Haushalt zuzuwenden, entschied ich mich für sie. Ich entschied mich für den Moment. Ich nahm sie aus ihrem Bettchen und wiegte sie in meinen Armen.

Ich schäme mich für mein Verhalten

Viel länger, als ich es normalerweise tun würde. Ich blieb. Ich hielt inne und konzentrierte mich nur auf das hier und jetzt, auf meine Tochter. Und weißt du, was sie tat? Sie starrte mich an. Saugte mich in sich auf. Nahm mich und meine Energie auf. Was dachte sie wohl? „Was ist los mit dir, Mama? Das machst du doch sonst nicht!“. Ich schämte mich.

Alles, was meine Tochter brauchte, war da. Genau in der Sekunde. Also sah ich sie an und lächelte. Ich küsste ihre Stirn, summte ein Lied und kuschelte mich an sie. In diesem Augenblick haben wir uns unglaublich viel gesagt und miteinander geteilt, einfach nur, indem ich sie ganz ruhig in meinen Armen wiegte und da war.

Langsam schlief sie wieder ein und ich legte sie zurück in ihr Bettchen. Als ich leise das Zimmer verließ, dachte ich „meine Güte, das habe ich wirklich gebraucht!“. Ich fühlte eine tiefe Zufriedenheit und ein großes Glück in mir, einen Sinn.

Ich habe es mir selbst gestattet, ihr alles von mir zu geben, und ich merkte, dass sie mir alles zurückgab. Und mehr noch. Keine Einkaufsliste, keine Liste von Dingen, die ich im Haushalt tun musste, würde mir je so viel Erfüllung geben, wie mein Kind.

Warum muss ich immer nur von A nach B rasen, wenn das, was ich wirklich brauche, direkt vor meinen Augen ist? Die größte Lektion, die ich bisher als Mutter gelernt habe, habe ich an diesem Morgen gelernt. Und dafür bin ich wahnsinnig dankbar!

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Dieser Artikel erschien zuerst bei der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.


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