POLITIK
31/03/2016 06:03 CEST | Aktualisiert 31/03/2016 12:37 CEST

Türkische Frau wird in Straßenbahn beschimpft - die Reaktion der Polizei ist ein Skandal

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Türkische Frau wird in Straßenbahn beschimpft. Die Reaktion der Polizei ist ein Skandal

  • Eine 29-Jährige Studentin bummelt mit ihrem Sohn am Ostersamstag durch Bremen

  • Auf dem Heimweg wird die türkischstämmige Mutter von einem Mann angepöbelt, der "sein Land vor Ausländer retten will"

  • Wirklich schockierend für sie war die Reaktion der Polizei

Am Ostersamstag bummelte eine türkischstämmige Studentin mit ihrem Kind durch die Stadt. Die 29-Jährige Mutter ahnte nicht, womit ihre Straßenbahnfahrt durch die Bremer Innenstadt tatsächlich enden würde.

Erst Spielplatz, dann Vanilleeis, um 16 Uhr sind die Kurdin und ihre Sohn schließlich auf dem Heimweg, Linie 10, Richtung Sebaldsbrück.

Da beginnt ein Fahrgast zu pöbeln: Er fragt die türkischstämmige Studentin, wo sie sich denn "explodieren lassen möchte", berichtet der "Weser Kurier". Wie die Mutter der Zeitung erzählte, habe sich der Mann daran gestört, dass sie mit ihrem Sohn in ihrer Muttersprache gesprochen habe.

"Ihr sitzt nur zu Hause rum und bezieht Geld vom Staat"

"Er hat gesagt, dass ich meinem Sohn von klein auf Deutsch beibringen müsse. Wir würden unseren Kindern kein Deutsch beibringen, aber zu Hause rumsitzen und von seinem Staat Geld beziehen.“

Die Studentin wehrt sich gegen die Vorwürfe. Sie lebe seit zwölf Jahren in Deutschland und beende in Kürze ihr Masterstudium.

Er will "sein Land vor Ausländern retten"

Der Mann entgegnet, er sei stolz auf seine Worte. Er wolle „sein Land vor Ausländern retten".

Wirklich schockiert, erklärt die Mutter dem "Weser Kurier", habe sie aber etwas anderes. Nämlich die Reaktion der Polizei.

Aus der Straßenbahn heraus habe sie die Polizei angerufen. "Ich wurde weiterverbunden und habe dann einer Mitarbeiterin die Situation geschildert. Ihr auch gesagt, dass ich ein kleines Kind dabei hatte.“

Die Mutter zitierte den Mann gegenüber der Polizei

Die Polizistin habe sie nach den Äußerungen des Mannes gefragt. Sie habe dann dessen Worte wiederholt, erklärt die 29-Jährige dem "Weser Kurier". Die Polizistin vermochte darin weder eine Beleidigung noch eine Bedrohung erkennen.

"Das ist nichts für die Polizei", bekam die Mutter zu hören. "Setzen sie sich doch einfach von dem Mann weg."

Ganz zur Freude des pöbelnden Mannes, der das Telefon-Gespräch offenbar gehört hat: „Na, traurig?“, habe er der Studentin zufolge gesagt, gelacht und sie weiter beleidigt. "Die Polizei kommt wohl nicht?"

Die Polizei findet die Reaktion der Frau "unverhältnismäßig"

Als sie die Bahn an der Haltestelle verließ, sei auch der Mann ausgestiegen. Zur Sicherheit habe sie jedoch einen jungen Mann, der ebenfalls ausgestiegen war, gebeten, sie bis zu ihrer Haustür zu begleiten.

Die Mutter habe sich gefragt, "ob er mir erst ein Messer an den Hals halten muss, damit die Polizei mir hilft“. Zum Glück bewahrheiteten sich die Befürchtungen nicht. Der pöbelnde Mann bog am Ende in eine andere Richtung ab.

Auf Nachfrage des "Weser Kuriers" reagiert die Polizei gelassen: "Eine Kollegin wird Kontakt mit ihr aufnehmen, um mit ihr darüber zu sprechen.“ Die harsche Kritik der Frau, die das Verhalten der Polizei als schlimmer betrachtet als die Beleidigungen des Mannes, findet die Pressesprecherin unverhältnismäßig.

Update 16 Uhr

Inzwischen hat sich die Bremer Polizei auf Nachfrage der Huffington Post zu dem Vorfall geäußert - und die Reaktion der Polizistin in der Einsatzzentrale nochmals bekräftigt. Bei rund 360.000 Anrufen im Jahr müsse die Polizei in Bremen durch die Zentrale abwägen, ob ein Streifenwagen nötig ist oder nicht, erklärt Pressesprecherin Anja Eckhardt.

"Dieser Anruf der Bürgerin erweckte nicht den Eindruck, dass ein schneller Einsatz erforderlich war."

Eckhardt stellt klar, dass sie die Empörung der Frau über den Mann verstehen könne. Allerdings hätte die Studentin aus Sicht der Pressesprecherin der Anweisung der Polizistin folgen sollen und sich von dem Mann wegsetzen. Die Bremer Polizei sei "froh, dass sich die Bürgerin selber in dieser Situation geholfen hat."

"Dass die Bürgerin im Nachhinein das Verhalten der Polizei negativer bewertet als das des rassistisch pöbelnden Mannes, macht mich betroffen und halte ich für unverhältnismäßig", bewertet Eckhardt die Reaktion der türkischstämmigen Mutter.

Eine Kollegin versuche derzeit Kontakt mit der Betroffenen aufzunehmen, die inzwischen ein Schreiben an die Polizei geschickt hat, in dem sie ihre Sichtweise des Vorfalls schildert. Es werde von der Polizei Bremen wie eine Anzeige gegen den pöbelnden Mann behandelt.

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