WIRTSCHAFT
31/03/2016 06:34 CEST | Aktualisiert 31/03/2016 09:44 CEST

Nach Lebensmittelskandal warnt Expertin: "Alle Produkte in Deutschland können betroffen sein"

  • Europol und Interpol haben 10.000 Tonnen Lebensmittel sichergestellt

  • Darunter ist Affenfleisch und gestreckter Zucker, der auch von Deutschland importiert wird

  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben

Es ist eine Liste des Schreckens - und wahrscheinlich Europas größter Lebensmittelskandal seit langer Zeit.

Interpol und Europol haben in 57 Ländern eine Rekordmenge von gefälschten Lebensmitteln und Getränken sichergestellt. Darunter sind gefärbte Oliven, mit Dünger gestreckter Zucker und gepanschter Wein. Es könne derzeit nicht nachvollzogen werden, welche Produkte in Deutschland betroffen seien, sagte Isabella Mühleisen von der Verbraucherzentrale NRW der Huffington Post.

10.000 Tonnen Lebensmittel und eine Millionen Liter Getränke wurden bei Razzien zwischen November 2015 und Februar 2016 von europäische Behörden konfisziert. Die Waren könnten "hohe Gesundheitsrisiken für die ahnungslosen Verbraucher haben", warnt Europol in einer Pressemitteilung.

Im Sudan, das auch Zucker nach Deutschland exportiert, wurden neun Tonnen verseuchter Zucker sichergestellt. Die Verbrecher hatten ihn mit Kunstdünger gestreckt und die minderwertige Ware zu handelsüblichen Preisen verkauft. Der Zucker wird in Deutschland von Bäckereien, der Süßwarenindustrie und von Getränkeherstellern verwendet. Sie müssen laut einer EU-Verordnung 15 Prozent Zucker aus Schwellenländern beziehen.

Große Mengen Affenfleisch

An einem Brüsseler Flughafen wurden große Mengen Affenfleisch sichergestellt. Was die Verbrecher damit vorhatten, ist unklar. In Frankreich wurden zudem mehrere Kilogramm Heuschrecken und Raupen sichergestellt.

In Italien stellten Ermittler 85 Tonnen gefärbter Oliven sicher. Sie waren mit einer Kupfer-Sulfat-Lösung gefärbt. Die Verbrecher wollten ihrem Produkt ein schöneres Aussehen verpassen. Für die Verbraucher ist der Konsum lebensbedrohlich.

"Bedrohung für Gesundheit"

Gefälscht waren vor allem Schokolade in Litauen oder Süßigkeiten für Kinder in Rumänien. Zwei Tonnen billiges Entenfleisch wurde von Händlern aus Ungarn als teure Gänseleber angeboten. Aber nicht nur in Europa gibt es ein Problem.

"Die gepanschten Lebensmittel bedrohen die Gesundheit und Sicherheit von Verbrauchern auf der ganzen Welt", sagte Michael Ellis von Interpol. So beschlagnahmten Ermittler in Indonesien mehrere Kilogramm Hühner-Innereien, die in schädlichem Formalin eingelegt waren. Bei Razzien in Südkorea nahm die Polizei einen Mann fest. Er verkaufte Diät-Pillen über das Internet nach Europa.

Auch deutsche Produkte betroffen

Bei der Verbraucherzentrale NRW herrscht derzeit noch Ungewissheit über den Ausmaß des Skandals: "Theoretisch können alle Produkte auch in Deutschland betroffen sein. Es lässt sich im Moment nicht nachvollziehen, welche Ketten und Marken Lebensmittel aus der von Interpol und Europol veröffentlichten Liste bezogen haben", sagte Lebensmittelexpertin Isabelle Mühleisen.

Umso wichtiger sei es, dass Hersteller die Ware ihrer Zulieferer genau prüfen und die Lebensmittelüberwachung funktioniere. Mühleisen warnte: "Bei teuren Produkten wie hochwertigem Fisch aber auch Bioprodukten lässt sich mit Fälschungen besonders viel Geld verdienen. Bei billigeren Lebensmitteln macht es die Masse. Verbraucher werden dadurch nicht nur betrogen, zum Teil sind die Produkte auch gesundheitsschädlich."

Die gemeinnützige Organisation "foodwatch" sieht die Politik in der Verantwortung. In einem Statement hieß es: "Die Politik beschränkt sich (...) auf Polizeiarbeit, Sammlung und Austausch von Informationen." Nötig seien dagegen gesetzliche Kontrollpflichten für Handelskonzerne und Hersteller. Davor schrecke die Politik aus Angst vor der Lebensmittellobby zurück.