POLITIK
30/03/2016 17:42 CEST | Aktualisiert 30/03/2016 17:47 CEST

"Keine wirksame Gegenstrategie": So schlecht sind deutsche AKW gegen Terroranschläge gerüstet

dpa
So schlecht sind deutsche AKW gegen Terroranschläge gerüstet

  • Nach Brüssel fragen sich viele, wie sicher deutsche Atomkraftwerke sind

  • Terroristen könnten Zugriff auf AKW bekommen

  • Hier sind drei mögliche Szenarien

Nach Brüssel geht in Europa die Angst um. Vor einem Terroranschlag auf Flughäfen und bei Fußballspielen. Aber auch vor einem Anschlag auf ein Atomkraftwerk. Der hätte furchtbare Auswirkungen - und würde wohl Tausende Tote fordern.

Viele Menschen in Deutschland stellen sich deshalb die Frage: Wie sicher sind die deutschen AKW?

Wer mit Experten spricht, bekommt vor allem eine Antwort: Gegen einen Terrorangriff sind die deutschen AKW schlecht gerüstet - obwohl die Gefahr seit Anschlägen in New York im Jahr 2001 bekannt ist.

So sagt Thorben Becker, der Atomkraftexperte des Naturschutzbundes BUND: "Vereinzelte Nachrüstungen an den AKW und Zwischenlagern gab es. Nach Brüssel aber haben wir völlig andere Szenarien, für die es keine wirksame Gegenstrategie gibt."

Explosion in Atomkraftwerk könnte ungeahnte Folgen haben

So besteht die Gefahr, dass Terrornetzwerke Attentäter in AKW einschleusen. Aber nicht einmal gegen einen gezielten Flugzeugabsturz seien die deutschen AKW in den vergangenen Jahren gesichert worden, obwohl zahlreiche Studien auf die Gefahren durch Terroranschläge hingewiesen haben.

Tatsächlich würde ein Anschlag auf ein Atomkraftwerk gut in die infame Logik des islamistischen Terrors passen. Schon im September 2001 wurden Teile der zivilen Infrastruktur zu Massenvernichtungswaffen umfunktioniert. Insgesamt drei Flugzeuge bohrten sich in die Zwillingstürme des World Trade Centers und des Pentagon. Mehr als 2.800 Menschen starben.

Eine Explosion in einem Atomkraftwerk könnte noch weit verheerendere Folgen haben. Besonders im dicht besiedelten West- und Mitteleuropa, wo ganze Regionen auf Dauer unbewohnbar werden könnten.

Und nicht zuletzt – und das sollte bei aller Sorge auch beachtet werden – ist allein schon die Drohung eines atomaren Anschlags eine Form von Terror.

Wie wahrscheinlich ist es nun, dass ein solcher Anschlag passiert? Und welche Folgen hätte er? Die Huffington Post spielt mehrere mögliche Szenarien durch.

1. Angriff mit konventionellen Bomben oder Flugzeugen

Am einfachsten durchzuführen wäre wohl ein Anschlag mit konventionellen Sprengsätzen. Etwa mit sprengstoffbeladenen Lastwagen. Allerdings sind Kraftwerke gut gesichert. Und der Reaktor selbst steckt hinter einer meterdicken Betondecke. Auch dass ein Selbstmordattentäter bis in den Kontrollraum gelangen könnte, gilt eher als unwahrscheinlich.

Etwas aufwändiger wäre ein Kamikaze-Angriff mit einem Flugzeug.

Doch genau darauf haben sich die Sicherheitsbehörden schon seit Jahrzehnten vorbereitet. Planspiele dieser Art existierten schon vor 2001. Bei Genehmigungsverfahren für Atomkraftwerke wird mittlerweile vorausgesetzt, dass der Meiler einen Absturz einer herkömmlichen Militärmaschine ohne Folgen für die Reaktorsicherheit übersteht.

Doch das System hat Lücken, und die prangerte ein ehemaliger Beamter der Atomaufsicht schon 2013 in einer selbst verfassten Studie an.

Demnach würde kein deutsches Atomkraftwerk den gezielten Absturz einer Passagiermaschine überstehen. Zu hoch wäre die Wucht des Aufpralls. Im schlimmsten Fall könnte es dann zu einer Kernschmelze kommen, und damit zum Super-GAU.

2. Anschläge durch eingeschleuste Mitarbeiter

Viele Atomkraftwerke haben eine Schwachstelle, und das ist das Kühlsystem. Das gilt speziell für Siedewasserreaktoren, so wie sie in Fukushima in Betrieb waren. Vereinfacht gesagt: Werden die atomaren Brennstäbe nicht ausreichend gekühlt, drohen sie zu schmelzen. Die Schmelzmasse der Brennstäbe kann über 2000 Grad heiß werden und frisst sich früher oder später durch den Reaktorboden.

Auch eine Explosion im Reaktorbehälter kann dazu führen, dass die Schmelzmasse in die Umwelt gelangt. Von dort verbreitet sich die Strahlung dann über das Sickerwasser, über den Wind oder durch Regen in einem nahezu unkontrollierbaren Umkreis. Das hat das Atomunglück von Tschernobyl gezeigt.

Bis heute sind in manchen Regionen Deutschlands Pilze oder Wildfleisch nur bedingt genießbar – und das, obwohl der Reaktor nahe Kiew etwa 1000 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt liegt.

Im deutschprachigen Raum sind noch acht Siedewasserreaktoren am Netz.

Sollte es einem oder mehrerer eingeschleuster Mitarbeiter gelingen, die Kühlung nachhaltig zu beschädigen, dann bestünde tatsächlich die Gefahr eines Super-GAUs. Allerdings müssten dafür wohl gleich mehrere Terroristen die strengen Hintergrundchecks überstehen.

3. Ein Hackerangriff

Was nach Zukunftsmusik klingt, war durchaus schon Realität: Im Jahr 2011 etwa legte der Stuxnet-Virus das iranische Atomprogramm teilweise lahm.

Und vor etwas mehr als einem Jahr griffen Hacker mehrere südkoreanische Atomkraftwerke an. Dabei entwendeten sie jedoch nur Daten.

In einer vernetzten Wirtschaft ist es heute kaum mehr möglich, ein Atomkraftwerk ohne Datenverbindung nach außen zu betreiben. Deshalb steht die Möglichkeit eines Hackerangriffs grundsätzlich im Raum. Die möglichen Schäden können vielfältig sein. Wer in die eltronische Steuerung eines Kraftwerks eindringt, hat Kontrolle über das Kühlsystem, die Brennstäbe und die Energieproduktion als solche.

Auch die gezielte Herbeiführung eines Super-GAUs wäre denkbar.

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