POLITIK
30/03/2016 17:14 CEST

Das sagt die Angst vor dem "ausländischen Sextäter" über das Frauenbild der Deutschen aus

Das sagt die Angst vor dem "ausländischen Sextäter" über das Frauenbild der Deutschen aus
dpa
Das sagt die Angst vor dem "ausländischen Sextäter" über das Frauenbild der Deutschen aus

  • Eine Studie erklärt, was das Bild des "ausländischen Sextäters" bei uns auslöst

  • Rechtspopulisten spielen mit einem altmodischen Frauenbild

  • Sie schüren damit auch Vorurteile bei Asylbefürwortern

Die Kölner Silvesternacht war ein Tiefschlag für die deutsche Willkommenskultur. Flüchtlingsgegner fühlten sich wie Propheten, die Alternative für Deutschland holte zum Erdrutschsieg des extremen Rechtspopulismus aus.

Fakt ist: Der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer spricht inzwischen von 73 Beschuldigten, bei denen es sich "weit überwiegend“ um Asylbewerber, Asylsuchende oder Menschen handele, die sich illegal in Deutschland aufgehalten hätten.

Allerdings geht es bei diesen Fällen um Diebstähle. Mitte Februar saß nur ein Beschuldigter wegen des Verdachts auf ein Sexualdelikt in Untersuchungshaft.

Nur ein Verdacht auf Sexualdelikt

Das ist aber ganz egal: Für rechtspopulistische Parteien kommt es beim Bild des ausländischen Sexualstraftäters nicht auf Tatsachen an.

Sie setzen stattdessen auf Emotionen, die sicherlich bei den meisten Menschen wach werden, wenn sie an die Bilder hunderter Männer vor dem Kölner Hauptbahnhof denken, die Frauen umzingelt, bestohlen und sexuell bedrängt haben sollen.

Studie untersucht, was das Bild des ausländischen Sextäters mit uns macht

Wie genau diese Gefühle von Parteien wie der AfD oder der schweizerischen SVP genutzt werden, um Wählerstimmen zu fangen, hat Marc Helbling, Politikwissenschaftler im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, nun in einer Studie untersucht.

Anlass für die Untersuchung war der Wahlkampf der Schweizerischen Volkspartei (SVP) im Jahr 2010. Mit Plakaten, auf denen Ausländer zu Mörder oder Sozialbetrüger stilisiert wurden, wollte die Partei zur Volksabstimmung für ein schärferes Abschiebungsgesetz mobil machen.

An den Haaren herbeigezogen

Wie perfide dieses Thema zur Stimmungsmache genutzt wurde, flog wenig später auf. Ein kanadische Bildagentur machte den Missbrauch des Fotos eines Mannes öffentlich, den die SVP als Ivan S., einen ausländischen Straftäter darstellte.

Wie die Studie zeigt, sind diese Tatsachen aber ohnehin nicht wesentlich für den Wahlerfolg. Wie sehr derartige Kampagne die Abneigung gegenüber Migranten erhöhen kann, hängt laut Marc Helbling stark von dem Rollenbild der Frau ab, das Männer - aber auch Frauen - zeigen.

So reagierten Personen mit einem "subjektiv positiven, aber patriarchalen Bild" der Frau mit deutlich negativerer Haltung gegenüber männlichen Flüchtlingen in Folge des Wahlkampfs.

"Wohlwollender Sexismus"

Basis für diese Erkenntnis ist ein Konzept, das die Wissenschafter als sogenannten "wohlwollenden Sexismus" bezeichnen. Es soll zeigen, "inwiefern jemand der Meinung ist, dass Männer das starke und Frauen das schwache, zu beschützende Geschlecht darstellen".

Anders als der "feindselige Sexismus", der Marc Helbling zufolge für negative Einstellungen gegenüber Frauen steht, drückt der wohlwollende Sexismus "positive, aber nicht weniger stereotypisierende Einstellungen gegenüber Frauen aus".

"In beiden Fällen werden patriarchale Sozialstrukturen gerechtfertigt", findet der Sozialwissenschaftler.

Ist die Darstellung zu plump führt sie zum Gegenteil

Noch weitaus überraschender ist eine Erkenntnis, die aus einer überspitzten Darstellung des "ausländischen Sextäters" resultiert.

So zeigte die Studie, dass eine all zu plumpe Darstellung des Vergewaltiger-Stereotyps auch zu positiveren Einstellungen gegenüber Migranten führen kann: "Dann nämlich, wenn die befragte Person die Darstellung von Frauen als schwaches Geschlecht nicht teilt", erklärt Marc Helbig.

Die Ablehnung des gezeigten Frauenbildes, so beschreibt der Sozialwissenschaftler, rufe dann gleichsam eine Gegenreaktion zur politischen Aussage des Plakates hervor.

Rechtspopulisten spielen mit Gefühlen

Damit würden auch Ergebnisse frühere Studien bestätigt, die gezeigt haben, dass politische Argumente zu unbeabsichtigten gegenteiligen Effekten führen können. "Einstellungen gegenüber Migranten können durch solche Kampagnen auch positiver werden, wenn deren Darstellung als völlig absurd empfunden wird."

Deutlicher könnte das Problem in der Flüchtlingsdebatte nicht werden: Sie wird längst nicht mehr von Fakten geleitet. - sondern von Gefühlen, die für rechtspopulistische Parteien zum Spielball für ihre Politik werden.

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