POLITIK
29/03/2016 18:32 CEST | Aktualisiert 30/03/2016 03:39 CEST

Warum unsere Welt auseinanderbricht

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Ein kurdischer Peschmerga-Kämpfer

  • Die Welt, die wir kennen, verändert sich derzeit auf radikale Weise

  • Was wir oft nicht verstehen: Tatsächlich hat es Umwälzungen dieser Größenordnung längst gegeben

  • Wer zwanghaft unsere Gegenwart verteidigt, spielt Extremisten in die Hände - etwa dem Islamischen Staat

In ein- und derselben Welt scheint es, als würden wir uns mitten in einem Rennen zwischen den neuen Machthabern und den erst kürzlich Entmachteten befinden. Die Wahrheit ist, dass nicht nur beide Realitäten parallel existieren, sondern dass die eine die andere bedingt.

Diese beängstigende und furchterregende Reaktion auf das stetig wachsende Ungleichgewicht, soziale Verlagerung und den Identitätsverlust inmitten von Wohlstand, nie dagewesener Mobilität und allgegenwärtiger Vernetzung ist ein Aufruhr gegen die Globalisierung und Technik, die sich so rasch verändert, dass wir sie kaum begreifen.

In dieser Zeit der Beschleunigung kann sich der Schock der Zukunft wie ein wiederkehrender Schlag für Einzelne, Familien und Gemeinden anfühlen.

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Menschen überqueren eine Straße im Geschäftsviertel von Hong Kong. Credit: Getty

Die Welt, die sich uns hier zeigt, erscheint uns fremd. Ein schemenhafter Umriss der Vergangenheit, aus dem eine beruhigende Erzählung der Zukunft entstehen könnte.

Philosophen beschreiben die Zukunft als "plastisch" oder "flüssig", es verändere seine Form immer wieder, wenn eine neue störende Erfindung oder eine haltlose Gewissheit jene dahintreibende Bedeutung überflügelt, die wir grade erst verinnerlicht hatten.

Eine Art Vorbote der Zeit, die uns noch nicht erreicht hat, eine Skepsis gegenüber allem Kommenden setzt sich fest.

Was gerade passiert, haben wir schon einmal erlebt

Schriftsteller wie Jonathan Franzen sehen eine "immerwährende Sorge", die von der Gesellschaft Besitz ergreift, wenn, um Marx zu zitieren, "alles Feste sich in Luft auflöst". Ähnlich zitiert Orhan Pamuk in "Diese Fremdheit in mir" Wordsworth, der davon spricht, dass "ich nicht für diese Stunde, nicht für diesen Ort gemacht bin".

Wir haben das alles schon einmal erlebt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte auf den Weltausstellungen ein großer Optimismus. Dieser Optimismus war das Resultat der großen Entwicklungen in der Industrialisierung, Verstädterung, der Energie und der Fortschritte in Kommunikation und Transportwesen und der Veränderung der Haushalte mit arbeitssparenden Apparaturen.

Aber unter dem Glanz versteckten sich die Angst und die Vorbehalte, als alte Lebensgewohnheiten in ganz Europa auf den Kopf gestellt wurden. Eliten und Massen gleichermaßen flüchteten sich in Nationalismus, rassistische Solidarität und die Loyalität der Klassen.

Dann, plötzlich im Jahr 1914, brach im ersten Weltkrieg alles zusammen. 16 Millionen sinnlose Tote legten den Grundstein für die nächste Katastrophe keine zwei Jahrzehnte später, die in einem zerbrochenen Kontinent, Auschwitz, dem Kriegsmassaker im japanischen Nanking und der atomaren Zerstörung japanischer Städte gipfelte.

Freund gegen Feind; Wir gegen Sie

Die Lektion ist, dass politische und kulturelle Logik, die ihre Wurzeln in der Identität und der Lebensart, kultiviert unter seinesgleichen, haben, ganz anders funktionieren als ökonomische und technische Logik.

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Die Weltausstellung in Paris, 1889. Credit: Musée Carnavalet Paris

Die Erfahrung aus der Geschichte hat leider immer wieder gezeigt, dass praktische Politik meist nichts anderes bedeutet als: Freund gegen Feind; Wir gegen Sie. Es geht darum, den Überlebensdrang und das Wachstum einer Gemeinschaft zu organisieren, definiert von jenen, die kein Teil dieser Gemeinschaft sind.

Politik, so viel haben wir gelernt, hat ihre Wurzeln in der besonderen Erde eines Ortes und nicht im universalen Territorium der Menschheit als Ganzem oder dem "Gemeinwohl".

Zwar ist es wahr, dass Kultur niemals statisch ist und sich durch den Kontakt mit anderen Dingen ständig verändert. Doch sind ihre Verschmelzungen und Reibungen nicht immer im Gleichgewicht.

Was Fremdbestäubung zu sein scheint, kann als "geliehene Oberfläche" enden, während der tiefere "Volksgeist" oder unvereinbare Werte und Lebensarten, die in einer Nation oder einem Stamm verankert sind, als Grundlage der Identität zurückbleiben.

Gott und Computer bestimmen unser Leben

Die Folge für den Westen: Wir sind überrascht von nicht-westlicher Modernität an Orten wie dem nicht-konfuzianischem China oder der neo-osmanischen Türkei, die sich nicht dahingehend weiterentwickelt haben, indem sie uns ähnlicher wurden. Stattdessen steht ihnen eine Zukunft bevor, die ihre Wurzeln in der eigenen Vergangenheit hat.

Die Logik der Wirtschaft und der Technologie dreht sich um Universalität, Effizienz und Rationalität. Der Triumph der Aufklärung und der Modernisierung basierend auf dieser Logik bedeutet nicht die Auslöschung tieferer Kultur oder Religion und Stammesimpulse, sondern lediglich ihren Ersatz.

Ein Beispiel: Der französische Philosoph Regis Debray schrieb sehr aufschlussreich:

"Das Archaische und Anachronistische haben beide ihren Platz in der modernen Politik, denn 'modern' bezeichnet keinen Ort in einer bestimmten Zeit, sondern eine Position in der Abstufung des Einflusses oder der Bestimmungen: nicht das Veraltete, sondern die Grundlage; nicht das Antiquierte sondern das Profunde; nicht das Überholte sondern das Verdrängte."

Es war diese klar formulierte Perspektive der menschlichen Natur, die Debray dazu brachte, bereits 1986, lange vor dem selbsternannten Islamischen Staat oder Facebook, vorherzusagen, dass das 21. Jahrhundert sowohl durch "Gott, wie auch durch Computer" bestimmt würde. Tiefe Kultur kehrt immer wieder zurück und bildet die Grundlage einer Gesellschaft. Kultur ist die Grundlage, dann erst folgen Wirtschaft und Politik. Nicht andersrum.

Moderner Aberglaube

Die Moderne unterhält eine abergläubische Überzeugung von Wandel. Aber was ist an diesem Wandel besser, als das Beharren auf Strenggläubigkeit oder traditioneller Ordnung? Alles, was wir wissen ist, dass das Streben nach einem reinen Zustand des Seins – ob nun der einer idealen Vergangenheit, einer utopischen Zukunft, Rasse oder Religionen – am Ende totalitär ist, und in einem Konflikt mit der menschlichen Natur steht.

Es ist dieses Streben nach der imaginären Reinheit der Identität in einer so gesehenen kontaminierten Welt, das auch die defensive Ideologie des Islam in ein grausames Ende treibt.

Ohne eine zentrale Autorität seit dem Ende des Osmanischen Reiches verfechten alle Arten von Sekten, heute ist es der Islamische Staat, ihre eigene Interpretation des Islam. In Syrien und im Irak werden sie die Konflikte so lange mit dem schiitischen Machtzentrum im Iran austragen, wie der dreißigjährige Krieg im Christentum zwischen Katholiken und Protestanten dauerte.

Wir haben es in Paris, Brüssel und auch andernorts gesehen: Diese defensive Verteidigung einer Identität zieht auch die nicht integrierten Kinder muslimischer Einwanderer in ganz Europa an.

Die attraktive Schutzzelle, die sie für das reine Ideal des Islams halten, ist ein natürlicher Anziehungspunkt für jene verwirrten, versprengten Individuen am Rande der Gesellschaft, die herumgeschubst werden wie so viele freie Elementarteilchen. Die Dschihadisten von heute, die aus dem Westen kommen, sind Dostojewskijs "überflüssigen Menschen" des späten 19. Jahrhunderts in Russland, die sich dem nihilistischen Territorium zuwandten, nicht unähnlich.

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Ein nicht datiertes Foto von Abdelhamid Abaaoud, das in dem Online-Magazin des Islamischen Staates veröffentlicht wurde. Der getötete belgische Staatsbürger gilt als Drahtzieher der Anschläge von Paris. Credit: Reuters

Es ist auch eine Sache des Maßstabes, da Werte und Normen in der Tugend eines Ortes verwurzelt sind. "Es existiert eine Diskrepanz zwischen den Vorteilen der Globalisierung auf der einen Seite und den geteilten Werten einer vielfältigen Gesellschaft auf der anderen Seite", so Pascal Lamy, der von 2005 bis 2013 Vorsitzender der Weltgesundheitsorganisation war.

Und weiter: "Die Vorteile der Globalisierung gehen mit Umfang und Größe einher. Je größer, desto besser, denn das sind die Größenvorteile. Big is beautiful. Identität, Rechtmäßigkeit und Politik gehen mit Nähe einher. Das Kleine und die Größennachteile. Klein ist fein."

Während der universelle Verstand und die Effizienz zu einer Nähe führen, die wir heutzutage bei der Globalisierung und der Verbreitung der Technologie sehen, rufen die kulturelle und die politische Vorstellungskraft das Gegenteil hervor.

Eine Suche nach Schutz in der altbekannten Lebensart, die eine Würde der Anerkennung unter seinesgleichen kennt und eine Identität gegen das Anschwellen anonymer Kräfte aufbaut.

Wer regiert, muss die menschliche Würde wahren

Die Herausforderung bei der Führung der Menschheit heutzutage ist es, beiderlei Logik in ein Gleichgewicht zu bringen, bevor sozialer Aufruhr mit einer solchen Gewalt zuschlägt, dass der Fortschritt unsere Gesellschaft um einige reaktionäre Schritte zurückwirft.

Zurück zu den Kriegen und Konflikten, die wir aus dem 20. Jahrhundert kennen, oder noch schlimmer, in eine postmoderne Version des Mittelalters in Europa.

Die Alternative zu beidem, einem Turm von Babel der Eigenheit einerseits oder einem rückläufigen Zersplittern in isolierte Scherben von Stämmen oder religiöser Intoleranz andererseits, ist eine neue Regierungsphilosophie. Papst Franziskus nennt sie eine "versöhnte Verschiedenheit", die das Gute hervorbringt und gleichzeitig die menschliche Würde wahrt.

Eine solche Welt aufzubauen, ist eine viel beängstigendere gemeinsame Aufgabe, als sie zu zerstören. Aber das ist es, was es dazu braucht.

Dieser Artikel erschien zuerst in der World Post und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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