POLITIK
29/03/2016 08:15 CEST | Aktualisiert 30/03/2016 02:30 CEST

Die Krankheit, die unseren Staat auffrisst

dpa
Vielleicht sind nicht die Politiker das Problem, sondern ihr

Versager. Heuchler. Verräter. So nennt ihr die Politiker heute. Ihr vertraut ihnen nicht mehr. Ihr fühlt euch belogen, habt das Gefühl, hintergangen zu werden.

Für euch scheint es klar: Die Politiker haben Schuld an der Situation in Deutschland. Erlaubt mir dennoch eine Frage: Welche Rolle spielt ihr dabei?

Politik hat heute ein großes Problem, für das auch ihr verantwortlich seid, die Bürger. "Eine Demokratie funktioniert nur, wenn alle Parteien einander anerkennen", sagte einst der US-Moderator Chris Matthews. Diese Worte haben mein Weltbild verändert.

Demokratie bedeutet, dass wir die Meinung der Gegenseite akzeptieren, auch wenn wir sie nicht teilen. Demokratie hört dort auf, wo wir den Gegner von Anfang an beschimpfen, diskreditieren und in den Dreck ziehen. Leider scheint das in Deutschland inzwischen normal zu sein.

Viele Menschen sind heute so verdammt selbstverliebt - sie kommen erst gar nicht auf die Idee, anderen zuzuhören. Nur die eigene Meinung zählt - alles andere ist Schwachsinn.

Jedes Gespräch wird zur Einbahnstraße. Man macht sich nicht einmal mehr die Mühe, auf die Argumente des anderen einzugehen. Stattdessen wird losbeleidigt.

Statt auf Gemeinsamkeiten schaut ihr nur noch auf Unterschiede. Es geht um eure unmittelbaren Eigeninteressen. Das große Bild scheint euch egal. Dave Frohnmayer, Präsident der Universität Oregon, brachte diese Entwicklung einmal auf den Punkt:

"Es ist das Erstarken einer Politik, die auf engstirnigen Sorgen gründet. Sie nutzt die Aufteilung in Klassen, Vermögen, Geschlecht, Regionen, Religionen, Ethnien, Moralvorstellungen und Ideologien aus. Es ist ein gnadenloser Aktivismus, der Befriedigung fordert und keine Kompromisse eingeht."

Der Staat verliert immer mehr an Bedeutung. Gemeinsame Werte auch. Einigkeit, Recht und Freiheit? Die europäische Idee? Das erscheint auf einmal ganz weit weg.

Stattdessen tun sich die Bürger zu Gruppen zusammen und grenzen sich von anderen ab. Wir gegen die - dieses Gefühl macht stark. Christen gegen Muslime, Väter gegen Mütter, Veganer gegen Fleischesser. Jeder will recht haben. Die Idioten, das sind immer die anderen.

Viele Menschen wollen keine Politik der Kompromisse mehr. Sie wollen jemanden, der schnelle und absolute Lösungen verspricht. Der sein Ding durchzieht.

Deshalb bewundern so viele Deutsche Putin, obwohl er die Meinungsfreiheit unterdrückt und politische Gegner verfolgen lässt. "Er macht eben, was er machen muss, um sein Land zu beschützen", sagte mir einmal ein politikverdrossener Bürger.

Applaus bekommt in der Politik, wer mit möglichst krassen Forderungen kommt. Alle raus, alle einsperren, komplett verbieten. Applaus bekommt auch, wer seinen Gegner mit Schimpfworten angreift. Endlich einer, der Klartext redet, heißt es dann.

Es scheint egal, wie realistisch oder umsetzbar die Vorschläge sind. Es scheint egal, dass diese Blockade-Haltung das Regieren unmöglich macht.

Ich glaube, dass die neue Engstirnigkeit auch von der Art kommt, wie wir heute miteinander reden. Eine Studie aus Italien hat gezeigt, dass die Kommunikation in sozialen Netzwerken wie Facebook unglücklich macht.

Die Forscher fanden heraus, dass Kommunikation im Netz losgelöst von Höflichkeit und Empathie stattfindet. Wenn Nutzer auf jemanden mit einer anderen Meinung treffen, steigern sie sich immer weiter in die Diskussion hinein. Weil es sie wütend macht, dass dort jemand so anders denkt als sie. Das geht doch nicht! Dem muss man doch zeigen, dass er falsch liegt! Klappe halten!

Demokratie ist die vielleicht größte Errungenschaft des Menschen. So viele mussten dafür leiden, so viele opferten im Kampf um die Freiheit ihr Leben. Jetzt verehrt ihr Tyrannen und unterstützt eine Partei, deren Wahlprogramm das Land um 60 Jahre zurückwerfen will.

Es scheint uns die Puste auszugehen. Denn Demokratie braucht Ausdauer, gerade in schwierigen Zeiten. Demokratie bedeutet, dass man Uneinigkeiten aushalten kann. Sie kennt keine einfachen Lösungen.

Demokratie bedeutet Respekt, auch und gerade vor dem Gegner.