POLITIK
29/03/2016 06:26 CEST | Aktualisiert 29/03/2016 09:51 CEST

"Mein Vater würde mich umbringen": Darum greifen viele Flüchtlinge zur Flasche

A general view shows beds inside the sports hall of the Jane-Addams high school which has been transformed into a refugee shelter in Berlin's Hohenschoenhausen district, Germany, February 2, 2016     REUTERS/Fabrizio Bensch
Fabrizio Bensch / Reuters
A general view shows beds inside the sports hall of the Jane-Addams high school which has been transformed into a refugee shelter in Berlin's Hohenschoenhausen district, Germany, February 2, 2016 REUTERS/Fabrizio Bensch

  • Viele Flüchtlinge greifen zu Bier, Wodka oder Rum, um Sorgen oder Langeweile auszublenden

  • Das Problem: Muslime haben keine Erfahrung im Umgang mit Alkohol

  • Suchtexperten warnen vor fatalen Folgen

Ali Shan trinkt gerne. Am Wochenende geht der 19-Jährige meist mit Freunden los, sie kaufen sich zwei oder drei Flaschen Wodka, manchmal Rum, dazu meist Hühnchen und Chip. "Aber nur am Wochenende", sagt Ali in gebrochenem Englisch.

Seit eineinhalb Monaten lebt der Asylbewerber in der Flüchtlingsunterkunft im schwäbischen Ellwangen. In seiner pakistanischen Heimat hat er nie getrunken. "Mein Vater würde mich umbringen, wenn er das wüsste", ruft Ali Shan entsetzt.

Alkohol als Zeitvertreib, Bier, Wein oder Schnaps als Antidepressiva. Berthold Weiß, Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung, ist überzeugt, dass Asylbewerber oft aus ähnlichen Gründen wie die Deutschen zur Flasche greifen: Um schlimme Erinnerungen oder Traumata aus der Vergangenheit eben kurzfristig auszuknipsen.

Das Problem: Muslime haben keine Erfahrung im Umgang mit Alkohol

Rund ein Drittel der derzeit 900 Flüchtlinge in der Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) Ellwangen trinke täglich Alkohol, schätzt Sicherheitsmann Norman Schmidt, der dort mit seinem Team für Ruhe und Ordnung sorgen soll.

Das Problem: Flüchtlinge aus muslimischen Ländern wurden in ihrer Heimat aufgrund ihres kulturellen oder religiösen Hintergrunds häufig gar nicht mit Alkohol konfrontiert, warnt der Hamburger Suchtexperte Ingo Schäfer: "Asylbewerber sind besonderen Risiken ausgesetzt, in einen riskanten, missbräuchlichen oder abhängigen Konsum zu geraten."

Alkoholkonsum ist Ursache für viele Konflikte

Nach Einschätzung des Geschäftsführer des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg hätten wenige Asylbewerber etwa in der Jugend gelernt, ausgewogen mit Alkohol umzugehen. "Hier treffen sie auf dann massenhafte Verfügbarkeit", sagt Schäfer. Hinzu käme noch der Stress und die Belastung in den Heimen.

Zwar sei Alkoholkonsum aufgrund des Glaubens nicht die Regel unter Flüchtlingen. In mancher Unterkunft ist das Trinken unter jungen Männern trotzdem weit verbreitet - und stellt nicht nur eine Quelle für Konflikte, sondern auch eine Gefahr für die Flüchtlinge selbst dar, warnt Schäfer. "Die Beobachtungen von Konflikten häufen sich seit Herbst." Belastbare Zahlen gebe es aber noch nicht.

Alkoholkonsum ist Ursache für viele Konflikte

"Alkohol spielt bei Auseinandersetzungen in Heimen, wo es um Streitereien, Bedrohungen und Schlägen geht, häufig eine Rolle", sagt auch der Sprecher des baden-württembergischen Landesinnenministeriums, Rüdiger Felber.

"Allerdings sei Alkohol auch bei Straftaten von Deutschen häufig im Spiel. "Das sind Einzelfälle, ein Großteil der Flüchtlinge ist unauffällig", sagt ein Sprecher des Integrationsministeriums.

Es gibt bisher keine spezifischen Beratungsangebote für Flüchtlinge zum Thema Alkohol. Die Betroffenen seien noch nicht im deutschen Suchthilfesystem angekommen, kritisiert Suchtexperte Schäfer. So sei auch die Kostenübernahme etwa für Dolmetscher häufig ungeklärt.

Die Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums, Doris Berve-Schucht, ruft die Betreiber der Einrichtungen zu verstärkter Aufmerksamkeit auf. "Zunächst sind die Betreiber aufgefordert, das zu beobachten, mit den Leuten zu reden und für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Alkohol zu sorgen."

Mit Material der dpa

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