BLOGS
30/03/2016 06:32 CEST | Aktualisiert 30/03/2016 07:14 CEST

Warum Deutschland ein Kaiserschnittland ist

Hello baby
RapidEye via Getty Images
Hello baby

THE BLOG

Deutschland ist ein Kaiserschnittland: Über die Jahre wuchsen die Raten kontinuierlich auf über 30 Prozent, bis es 2012 erstmals in zwanzig Jahren zu einem winzigen Rückgang von 32,1 auf 31,7 Prozent kam – möglicherweise im Zusammenhang mit verstärkter Berichterstattung, die auf unzureichende Gründe und erhöhte Risiken des Eingriffs für Mutter und Kind hinwies.

Es bleibt eine erschreckend hohe Zahl. Die WHO sieht Raten über 15 Prozent als kritisch. Der vielzitierte Wunschkaiserschnitt, also eine medizinisch nicht erforderliche Schnittentbindung, bleibt in Deutschland eine Ausnahme von weniger als zwei Prozent.

Das bedeutet, dass die meisten Frauen mit mal mehr, oftmals aber weniger stichhaltigen Argumenten zu einer Bauchoperation überredet werden, ohne die sie und ihre Kinder besser dran wären. Das Risiko, einen Kaiserschnitt zu bekommen, hängt weniger von den persönlichen Befunden als vom Wohnort ab. Dabei gibt es ein starkes Ost-West-Gefälle.

Bundesländer mit hohen Kaiserschnittraten

Die Kreise mit einer sehr hohen Kaiserschnittrate liegen überwiegend in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Die Kreise mit den niedrigsten Raten befinden sich fast ausschließlich in den neuen Bundesländern.

So hält sich Dresden mit rekordverdächtig niedrigen 17 Prozent beinahe an die WHO-Empfehlung. Im rheinland-pfälzischen Landau werden dagegen 51 Prozent der Babys aus dem Mutterleib herausgeschnitten. Umso dreister mutet manche offizielle Begründung an.

"Der wichtigste Grund ist, dass die Mütter anders sind: älter, dicker und kränker als früher", schreibt allen Ernstes die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in einer Art Kaiserschnitt-Reportage, in der keine einzige Mutter zu Wort kommt, dafür aber ein Gynäkologe, der alpine Vergleiche bereithält: "Die eine rackert sich gern ab, um in den Genuss des Gipfels zu kommen. Die andere fährt lieber mit der Gondel hoch. Und beide haben ihr Bergerlebnis." Eine große Bauchoperation als entspannte, ja freiwillige Gondelfahrt – da fragt man sich schon, ob der Doktor sich überhaupt mit seinen Patientinnen unterhält.

Sind nach dieser Logik die Mütter im Süden und Westen Deutschlands besonders alt, dick und krank und lassen lieber die Beine baumeln, statt sich abzurackern? Anders als vermutet spielen weder das vielzitierte Alter der Mütter noch deren ausdrücklicher Wunsch nach einem Kaiserschnitt eine nennenswerte Rolle.

Nur einer von zehn Kaiserschnitten ist wirklich notwendig

Den meisten Operationen liegen sogenannte relative Indikationen zugrunde. Obwohl weder eine Beckenendlage noch ein vorangegangener Kaiserschnitt zwingend eine Entbindung auf dem OP-Tisch erfordern, enden diese Schwangerschaften meist doch unter dem Skalpell, weil dies besser in den Klinikablauf passt – und weil den Geburtshelfern zunehmend Erfahrungen im Umgang mit ungewöhnlicheren Fällen fehlen.

Nur einer von zehn Kaiserschnitten ist wirklich notwendig, schreibt der Faktencheck Gesundheit der Bertelsmann Stiftung und bietet im Internet interaktive Karten an, die zeigen, wie hoch das eigene Risiko für eine operative Entbindung ist – allein aufgrund des Wohnortes.

Doch die jeweilige Neigung der lokalen Geburtshelfer ist nicht nur für die Statistik, sondern auch für die werdenden Mütter vor Ort längst kein Geheimnis mehr. So bekommt schon mal die Hälfte eines mittelstädtischen Yoga-Kurses für Schwangere ihre Kinder an einem Dienstag, weil ihr gemeinsamer Belegarzt dann seinen OP-Tag hat. Auch bei diesen Frauen liegen die Kinder mit dem Kopf nach oben in der sogenannten Beckenendlage.

Einst galt das als eine Normvariante und kommt in manchen Familien sogar gehäuft vor. Doch für eine Spontangeburt hätten die Frauen in die nächste Großstadt fahren müssen, wo es erfahrenere Geburtshelfer gibt.

Die meisten fügen sich der ärztlichen Bequemlichkeit, auch bei dem Termin, an dem ihr Kind das Licht der Welt erblicken soll. Obwohl es den Neugeborenen einen deutlich besseren Start ermöglicht, wenn der natürliche Wehenbeginn abgewartet wird, werden die Kinder der Routine entsprechend bereits in der 38. Woche geholt. Dann gelten die Babys als ausgetragen, kommen aber so deutlich vor dem errechneten Entbindungsstermin oft sehr klein, mit Unreifezeichen und Anpassungsschwierigkeiten zur Welt.

Auch im europäischen Vergleich untermauern die länderspezifischen Unterschiede die Kaiserschnitt-Willkür: Während Finnland und Schweden mit 16 Prozent am unteren Ende rangieren, nähern sich Portugal und Italien der 40-Prozent-Marke.

Und ebenso eindeutig zeigt sich, dass weder Mütter noch Kinder von der hohen Kaiserschnittrate profitieren: In Deutschland sterben nicht weniger Babys bei der Geburt als in den europäischen Ländern, in denen seltener zum Skalpell gegriffen wird, arbeitet der Faktencheck Gesundheit nach Auswertung der Daten heraus.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert - warum es so nicht weitergehen darf von Alina Bronsky und Denise Wilk

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

2016-03-26-1458998078-2263977-9783421047267.jpg

Alina Bronsky, geboren 1978 im russischen Jekaterinburg, ist Autorin mehrerer Bestseller. Ihr Debüt „Scherbenpark” wurde 2008 begeistert aufgenommen und 2013 mit Jasna Fritzi Bauer und Ulrich Noethen in den Hauptrollen verfilmt. Ihr letzter Roman, „Baba Dunjas letzte Liebe“, erschien im Herbst 2015. Alina Bronsky lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Denise Wilk, geboren 1973, hat Sozialpädagogik studiert. Sie begleitet als Doula schwangere Frauen und frischgebackene Mütter und gibt Eltern-Kind-Kurse. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video:Rückbesinnung oder gefährlicher Rückschritt? Dieses Video einer Geburt in freier Natur löst heftige Diskussion aus