POLITIK
29/03/2016 13:11 CEST | Aktualisiert 30/03/2016 04:15 CEST

AfD ohne Petry: So radikal würde sich die Partei nach einem Putsch verändern

  • AfD-Chefin Petry wirkt nach einer peinlichen Homestory und einem verpatzten Interview angeschlagen

  • In der Partei bringen sich Petrys Konkurrenten in Stellung

  • 4 Szenarien sind denkbar, sollte Petry ihren Posten verlieren

Wie schnell sich die Zeiten doch ändern können: Im Mai 2015 war es die nationalkonservative sächsische AfD-Vorsitzende Frauke Petry, die den damals eher gemäßigt auftretenden Bundes-Chef und Parteigründer Bernd Lucke in aller Öffentlichkeit demontierte.

Jetzt, noch nicht einmal ein Jahr später, ist es Frauke Petry selbst, die im Zentrum eines Machtkampfes steht, der vor allem von noch radikaleren Kräften in der Partei angeheizt wird.

Die Munition lieferte Petry zuletzt selbst: Einerseits ein genauso intimes wie peinliches Partnerinterview mit ihrem Lebengefährten Marcus Pretzell in der „Bunten“. Der durfte Petry in dem Text unter anderem eine „dämonenhafte Schönheit“ attestieren. Das Gelächter in den sozialen Medien war groß. Außerdem übte Petry selbst Kritik an konservativen Vorstandskollegen wie Alexander Gauland und Beatrix von Storch.

Andererseits das völlig aus dem Ruder gelaufene Fernsehinterview mit dem britischen Journalisten Tim Sebastian. Zeitweilig wirkte die Politikerin wie ein beleidigtes Kind, weil Sebastian sich weigerte, Petrys übliche Ausschweifungen als Antworten auf seine Fragen zu akzeptieren.

Es bahnt sich ein Zerwürfnis mit dem bisherigen Vorstand an. Erstes öffentliches Indiz dafür: Frauke Petry lässt sich künftig nicht mehr vom Partei-Pressesprecher Christian Lüth vertreten, sondern managt ihre Kommunikation jetzt selbst.

Der Alternative für Deutschland droht nun nicht nur ein Putsch an der Spitze der Partei. Auch die künftige politische Ausrichtung der AfD ist derzeit völlig offen.

Die Huffington Post spielt vier Szenarien für die Parteizukunft durch.

1. In der AfD gewinnen die gemäßigten Kräfte die Oberhand

Immerhin: Es gibt ja noch Jörg Meuthen. Der gleichberechtigte Co-Vorsitzende von Frauke Petry wäre nach dem möglichen Sturz der Sächsin bis zum nächsten Wahlparteitag der einzig verbliebene Parteisprecher.

Der Öffentlichkeit ist Meuthen bisher weitgehend unbekannt – zu sehr bündelt Petry an der Spitze der Partei die Aufmerksamkeit auf sich.

Bisweilen lässt ihr Meuthen aber auch gern den Vortritt: Auf der Abschlussveranstaltung der baden-württembergischen AfD zu Landtagswahl Mitte März, trat nicht etwa der Spitzenkandidat Meuthen ans Podium, sondern Frauke Petry.

Einerseits hat auch schon der Volkswirtschaftsprofessor aus Karlsruhe bewiesen, dass er poltern kann – im Herbst etwa rief er kaum verklausuliert zum Sturz von Angela Merkel auf.

Andererseits hat es Meuthen geschafft, mit einem gemäßigt-konservativen Wahlkampf in Baden-Württemberg mehr als 15 Prozent der Stimmen zu holen. Rhetorisch ist er Frauke Petry um Längen überlegen – das zeigte auch sein Auftritt am Wahlabend im Stuttgarter Schloss, wo er mit beinahe bewundernswerter Coolness die Kampfansagen aller anderer politischer Parteien an sich abperlen ließ.

Ein Interview wie es Frauke Petry mit dem Briten Tim Sebastian erlebt hat, wäre ihm nie passiert.

Dennoch: Meuthen ist derzeit nicht die treibende Kraft im AfD-Vorstand. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die gemäßigten Kräfte die Oberhand gewinnen werden.

2. Die AfD rückt weiter nach rechts und wird noch radikaler

Es spricht einiges dafür, dass sich die AfD bald schon noch weiter radikalisieren könnte.

Einst war Petry mit dem Vorhaben gescheitert, den ins völkische Milieu abdriftenden thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke abzusägen. Nun könnte dieser zusammen mit seinem engen Verbündeten André Poggenburg zum Gegenschlag ansetzen.

Poggenburg ist Chef der extrem erfolgreichen AfD in Sachsen-Anhalt, die bei der Landtagswahl zweitstärkste Kraft geworden ist. Er kann von sich selbst behaupten, dass er es geschafft hat, die potenziellen AfD-Wähler mit den richtigen Slogans zu locken.

Das AfD-Programm in Sachsen-Anhalt war das bisher radikalste, was jemals von der Partei auf Landesebene lanciert wurde. Unter anderem will die AfD in Sachsen-Anhalt das Gedenken an den Holocaust in den Hintergrund drängen und die öffentlich-rechtlichen Medien auf politisch-patriotische Ziele einschwören.

Das Wahlprogramm erinnerte ein wenig an die Politik des Fidesz-Bündnisses von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban.

Das nunmehr revidierte und unter Frauke Petry ausgearbeitete Bundesprogramm läuft genau in die entgegengesetzte Richtung: Nach anfänglicher Kritik wurden viele Passagen „entschärft“. Auch das dürfte den Konservativen nicht gefallen.

Wenn die Höckes, Poggenburgs und Gaulands verhindern wollen, dass die AfD wieder zu einer liberal-konservativen Kraft wird, müssen sie jetzt handeln. Und das werden sie auch sehr wahrscheinlich tun.

3. Die AfD zerlegt sich selbst

Wenn die Rechtsradikalen in der AfD endgültig die Macht übernehmen, stellt sich die Frage, wie es mit der Außenwirkung der Partei bestellt sein wird.

In Ostdeutschland könnte die AfD mit einem noch rechteren Kurs tatsächlich Erfolg haben. Sie bindet die früher bei der Linken beheimateten Protestwähler an sich und absorbiert das rechte Wählerpotenzial, das früher NPD und DVU gewählt hat. Damit kann die AfD dauerhaft zweistellige Prozentwerte bei den Wahlen erzielen.

Diese Möglichkeit hat die AfD im Westen nicht, wo sie vor allem von unzufriedenen Wählern von SPD und CDU profitiert. Wenn es der AfD nicht gelingt, ihr bürgerliches Image im Westen zu wahren, wird sie auf Dauer nur geringe Chancen haben, sich als politische Kraft zu etablieren.

Zumal der Wahlerfolg der vergangenen Wochen erste Risse zeigt. In Hessen etwa sind noch vor den konstituierenden Sitzungen in den Kreistagen gleich mehrere nordhessische AfD-Mandatsträger aus der Partei ausgetreten.

Einer wollte erst nach der Wahl gemerkt haben, dass in der AfD auch radikale Politiker wie Björn Höcke wirken. Ein anderer wurde als „Innenminister des Deutschen Reiches“ geoutet – und damit als Mitglied der rechtsextremen „Reichsbürgerbewegung“.

Wenn sich die Partei weiterhin so präsentiert, schafft sie sich schneller ab, als viele geglaubt haben.

4. Nach dem Putsch ist die AfD stärker als je zuvor

Möglich wäre aber auch folgendes Szenario: Der rechte Parteiflügel übernimmt das Ruder in der AfD und spielt öffentlich jene Töne an, die auf jeder größeren AfD-Kundgebung ohnehin schon zu hören sind.

Dort werden politische Gegner als „Bolschewiken-Fressen“ tituliert, da wird Angela Merkel als „Diktatorin“ verunglimpft und ein unbändiger Hass auf jene gepflegt, die moralisch-werteorientiert argumentieren.

Da die Partei nun ich acht Landtagen sitzt und auch in den Umfragen etabliert ist, könnte die AfD-Führung sämtliche Zurückhaltung sausen lassen. Poggenburg und Höcke sind ja ohnehin dafür bekannt, dass sie sich gerne einmal in rechtsextremen Kreisen zeigen.

So würde die AfD in den Augen einiger vitaler und durchsetzungsstärker aussehen. Und vermutlich noch einmal eine ganz eigene Attraktivität gewinnen: die des Radikalen.

Auch auf HuffPost:

Nach Brüssel-Anschlag: AfD-Politikerin Beatrix von Storch empört mit Facebook-Post