POLITIK
28/03/2016 02:40 CEST | Aktualisiert 28/03/2016 09:20 CEST

Alles blickt auf die Türkei – doch der nächste Flüchtlingszug kommt woanders her

  • Nach der Schließung der Balkanroute könnte der Weg von Libyen nach Italien neue Bedeutung gewinnen

  • In dem Land sollen bereits Hunderttausende Flüchtlinge auf eine Überfahrt warten

Nach der Schließung der Balkanroute hat ein alter Weg für Flüchtlinge nach Europa neue Bedeutung gewonnen: die Überfahrt von Libyen nach Italien.

Allein am Sonntag hat die libysche Küstenwache drei Boote mit etwa 600 Migranten abgefangen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet.

Die drei großen Schlauchboote seien an der Küste vor Sabratha, rund 70 Kilometer westlich der libyschen Hauptstadt Tripolis gestoppt worden.

EU rechnet mit Hunderttausenden Migranten

Seit Anfang 2014 sind in Italien etwa 330.000 Migranten und Flüchtlinge eingetroffen, die von Libyen aus das Mittelmeer überquerten. Die meisten Boote starten in der Nähe der Hauptstadt Tripolis.

Bislang kommen die Flüchtlinge vor allem aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara - doch das könnte sich nach der Schließung der Balkanroute ändern.

Wie viele Flüchtlinge dieses Jahr kommen könnten, weiß niemand so genau. Vor wenigen Tagen hat Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian gesagt, dass in Libyen rund 800.000 Migranten auf eine Überfahrt nach Europa hofften.

Die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini befürchtet einem Bericht von "politico.eu" zufolge, dass sich mehr als 450.000 von dem Bürgerkriegsland aus auf den Weg machen könnten.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) kann diese Zahl zwar nicht bestätigen, geht aber davon aus, dass Flüchtlinge nach Inkrafttreten des EU-Türkei-Pakts nach Alternativen suchen werden.

Zahl der Überfahrten steigt mit dem Frühlingsbeginn

Die Zahl der abfahrenden Boote in Westlibyen scheint mit dem Frühlingsbeginn zu steigen. Die libysche Nachrichtenagentur Lana berichtet zunehmend von aufgegriffenen Flüchtlingen vor der Küste.

In der Praxis mieten Mittelsmänner Unterkünfte, um die Flüchtlinge dort unterzubringen, bis sie ausreichend viele "Kunden" für eine Überfahrt haben.

Dazu passend: Balkanroute dicht - jetzt bereiten Schlepper eine neue Flüchtlingsroute nach Italien vor

Wenn die Flüchtlingsboote voll besetzt in Richtung der italienischen Inseln starten, ist es in den allermeisten Fällen nicht einmal mehr das Ziel, Europa aus eigener Kraft zu erreichen. Denn außerhalb der libyschen Zwölf-Meilen-Zone patrouillieren Schiffe für die EU-Operation "Sophia". Sie sollen Schleusern die Bewegungsfreiheit nehmen, retten aber auch die Flüchtlinge.

Machtvakuum in Libyen hilft Schleppern

"Die Masche wird von den 'Vermittlern des Todes' weiter verwendet, solange sie Menschen überzeugen können, für ein vermeintlich besseres Leben in Europa zu bezahlen", sagt Aktivist Husam Sagar, der sich in Libyen mit illegaler Migration befasst.

Die Nutznießer des Ganzen bleiben die Milizen, die im Machtvakuum des Bürgerkriegslandes ungehindert agieren können. Sie sind an dem Geschäft mit den Flüchtlingen mindestens beteiligt.

Ihre Anführer sollen die Machenschaften sogar so weit kontrollieren, dass sich ohne ihre Erlaubnis kein Schiff auf den Weg macht.

Die manchmal tödlich endenden Überfahrten von der Küste Libyens werden weitergehen, solange das Chaos im Land selber nicht gelöst ist. Denn zur Entwaffnung der Milizen braucht es die von den Vereinten Nationen vermittelte Einheitsregierung.

Doch die Einsetzung des Kabinetts der Einheitsregierung scheiterte dagegen bislang am Widerstand der beiden rivalisierenden Regierungen.

Bis die neue Führung ihre Arbeit aufnehmen kann, bleiben die Bedingungen bestens - für Mittelsmänner, Schlepper und Milizenführer.

MIt Material der DPA

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit dem Spendenportal Betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:


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