POLITIK
27/03/2016 16:11 CEST | Aktualisiert 27/03/2016 17:07 CEST

Das Wunder von München: Dieses Geschwisterpaar floh von Syrien nach Deutschland - und baute sich ein neues Leben auf

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Flüchtlinge in München (Symbolbild).

Hanadi hofft auf einen Traum. In diesem Traum ist sie weit weg, in Syrien. Dort lugt sie aus dem Haus ihrer Familie in der Kleinstadt Kusseir und lacht in die Sonne. Draußen spielende Kinder, drinnen Mama am Herd. Doch dieser Traum, in dem sie wieder ein Leben wie früher führt, kommt einfach nicht.

Hanadi, 15, schaut für einen längeren Moment in den Spiegel. Es ist kurz vor sieben abends, gleich gibt es Spaghetti Bolognese im Gemeinschaftsraum, die Frisur sitzt: Eine rechte Strähne fällt seitlich bis zu ihren Schultern, die kleinfingerdick geschminkten Augenbrauen gehen ein Spiel mit dem dünnen Mascara fein getrennter Wimpern ein. Hanadi zieht den Kragen ihres Rollpullis hoch.

Ihr Blick verrät nicht, dass sie vergangene Nacht nur viereinhalb Stunden geschlafen hat; nachts kommen so Gedanken. Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Für andere ist Hanadi die Starke. Die gern lacht, vielen ihr Ohr leiht, hier im Projekt Betreutes Jugendwohnen für Mädchen in München-Pasing. "Innen fühle ich mich schwach, aber das zeige ich nicht." Wenn Hanadi tatsächlich von Syrien träumt, ist da nur dieses Feuer.

Die Ärzte können nichts für sie tun

Am 13. März 2012 steht Hanadi und mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Ahmad in der Küche ihres Elternhauses, als eine Granate einschlägt. Der Gaskocher neben ihnen explodiert, beide stehen in Flammen. Rund 85 Prozent von Hanadis Haut verbrennen, bei Ahmad sind es 75 Prozent.

Rebellen der "Freien Syrischen Armee" laden beide auf einen Pickup und rasen auf Schleichwegen an die 30 Kilometer entfernte Grenze zum Nordlibanon – in ihrer im Bürgerkrieg versinkenden Heimat kann kein Krankenhaus sie aufnehmen; die Eltern bleiben zurück, sie vermissen zwei weitere Kinder. An der Grenze bringt ein Rettungswagen des Roten Halbmonds Hanadi und Ahmad in das Krankenhaus "Hôpital de la Paix" nach Trablous.

Hier müsste eigentlich die Geschichte enden. Ärzte können für die beiden nichts tun – sie benötigen dringend gezüchtete Haut, die im Libanon niemand herstellt. Sie liegen im Sterben, im Jahr 2012 gibt es noch keine Willkommenskultur von Ländern wie Deutschland, wo es solche Haut gibt. Doch dann geschieht ein Wunder, das Hanadi und Ahmad zu den ersten Flüchtlingen aus dem umkämpften Syrien macht, die Deutschland erreichen.

Hilfe kommt aus dem Internet

Aus anderer Richtung macht sich Carsten Stormer auf den Weg in den Libanon. Der Reporter ist Partner bei Zeitenspiegel, einer Reportage-Agentur im baden-württembergischen Weinstadt. Er bereist weltweit Krisengebiete und will im Libanon über die Lage syrischer Flüchtlinge recherchieren. Im Krankenhaus lässt ihn der Arzt für zehn Sekunden zu Hanadi, für zwanzig zu Ahmad.

Wie ein Geier fühlt sich der Reporter, als er auf den Auslöser seiner Kamera drückt. Betäubt vom Anblick der von Wundsekret durchgesickerten Verbände fährt Carsten Stormer zu einem Internet-Café, öffnet seine Facebook-Seite und postet die Aufnahmen von den beiden.

"Hanadi und Ahmad sind schwer verwundet, die Kinder werden ohne Hilfe nicht überleben."

Dieser Satz wandert ins Internet. Im 3.245 Autokilometer entfernten München zappt sich an jenem Sonntagabend des 18. März eine junge Frau durchs Fernsehprogramm, ist nebenbei online. Als Veronika Faltenbacher, 35, auf dem Sofa Carsten Stormers Nachricht liest, denkt sie nicht lange nach.

"Deutschland, was ist das?"

Veronika Faltenbacher schickt eine SMS an einen Bekannten, der informiert einen Arzt. Dieser macht sich auf die Suche nach einem Krankenhaus. Am 20. März kursiert der erste Spendenaufruf im Netz. Binnen sechs Tagen haben sich sechsstellige Eurobeträge angesammelt, vor allem große Einzelspenden, aber auch viele kleine Beträge. Grünes Licht. Ein nun finanzierter ADAC-Rettungsflieger hebt von München aus ab gen Nahost.

Von all dem kriegen die beiden Jugendlichen nichts mit, sie landen mit multiplem Organversagen in der Nacht zum 31. März in München. 15 Ärzte operieren im Haunerschen Kinderspital rund um die Uhr ehrenamtlich bis in die Ostertage hinein, dann stellen sie fest: Ihr Leben, das schon an einem seidenen Faden hing, werden Hanadi und Ahmad behalten. Beide bleiben acht Wochen lang in künstlichem Dauerschlaf, wegen der Schmerzen.

Hanadi lächelt, als sie sich daran erinnert, wie sie vor bald vier Jahren aufwachte. "Ich dachte, alles sei ein Scherz." Das Essen ruft. "Deutschland, was ist das?", habe sie sich damals gefragt. In Syrien habe sie früher Nachrichten im TV über dieses Land gesehen, so weit weg. Bilder vom FC Bayern München. Hanadi eilt zur Tür, gleich wird sie im Gemeinschaftsraum wieder den Geschichten ihrer deutschen Mitbewohnerinnen lauschen, wie sie von deren Familien erzählen, vor denen sie weggelaufen sind.

Ihre Familie mussten sie zurücklassen

"Dann denke ich, wie glücklich ich mit meiner Familie sein kann. Könnte." Vater, Mutter, ihre zwei Brüder: Alle überwintern den Bürgerkrieg im Libanon, in einem Ein-Zimmer-Rohbau mit Vorzelt in der Beqaa-Hochebene. Dem UN-Hilfsprogramm ist das Geld ausgegangen, die Brüder verdingen sich als Gelegenheitsarbeiter, es ist kalt. Aber sie leben. Irgendwie. Und sind weit weg für Hanadi und Ahmad.

Hanadi sagt, mit der Sehnsucht nach ihrer Familie komme sie nicht klar. "Hätte ich das Geld, würde ich jeden Tag mit ihr telefonieren." Und dann kommen wieder die Gedanken: "Hier habe ich so viel, und sie haben dort so wenig." Bevor Hanadi die Tür hinter sich zuzieht, bereitet sie zehn verschiedene Tabletten vor, die sie täglich nimmt: für die neue Haut, die sie umspannt, für den Magen, um morgens hochzukommen und gegen den Kopfschmerz. An die Blicke auf der Straße habe sie sich gewöhnt, sagt sie. Dass sie aus einem Feuer kam, sieht man trotz Strähne und Mascara.

Am nächsten Morgen brennt die Wintersonne, als Hanadi ihren Bruder Ahmad vor der Eingangstür der "SchlaU"-Schule südlich vom Hauptbahnhof abklatscht. Beide eilen zum Unterricht – Ahmad, 20, wohnt mittlerweile in einer Einzimmerwohnung in Schwabing. Noch während sie im Koma schliefen, sammelten Schulkinder Spenden, andere verkauften selbst gebastelte Postkarten. Ein Anwalt setzte eine Aufenthaltserlaubnis durch. Seitdem trägt das Jugendamt die Lebenskosten, bestellte das Amtsgericht einen Vormund.

Der kleine Mann im Kopf

Hier beim "SchlaU" lernen nur junge Flüchtlinge, 2014 schafften 97 Prozent von ihnen den Schulabschluss, 89 Prozent fanden Arbeit oder gingen an weiterführende Schulen – das Projekt ist eine Erfolgsstory, auch für Hanadi und Ahmad ein Lernort. Erste Stunde, Deutsch: Lehrerin Doris Olsen-Hildebrandt erklärt den Begriff "Missverständnis". "Sich im Gespräch nicht angucken gilt in Deutschland als respektlos", sagt sie. "In anderen Ländern nicht."

"Wie in Afghanistan", meldet sich eine Schülerin. "Meine Therapeutin schaut mir immer in die Augen, das ist unangenehm", grinst ein anderer. Hanadi lacht. Eher haucht sie. Seit sie vor vier Jahren aufwachte, hat es ihr die Sprache verschlagen, die Stimmbänder klebten während des Komas zusammen, seitdem flüstert sie nur.

Wenn es an ihr sehr reißt, der kleine Mann im Kopf arg klopft, geht sie ins Krankenhaus. Besucht ihre ehemaligen Ärzte und Pfleger, hält einen Plausch. "Der Geruch dort tut gut, er macht mich friedlich." Eineinhalb Jahre verbrachten beide seit ihrer Ankunft in Deutschland in Krankenhäusern. Damit die neue Haut nicht mehr juckte und sich zusammenzog, austrocknete und sich rasch entzündete, brauchte sie ihre Zeit. Hanadi kennt sich aus in Spitälern. Und schon in Syrien wollte sie Krankenschwester werden, oder Arzthelferin.

Er will, dass die Deutschen ihn verstehen

Nach der Schule will Ahmad im Haunerschen Spital vorbeischauen, eine junge syrische Familie ist dort eingetroffen, er hilft ehrenamtlich beim Übersetzen. "In Syrien hatte mein Vater eine Wäscherei samt Werkstatt für Autos, einen Traktor zum Verleihen", erzählt er. Er selbst habe mit repariert, sei mit dem Moped herumgedüst. Sein Traumjob Mechatroniker aber ist in weite Ferne gerückt: Die neue Haut ist nicht alt und stabil genug, schon kleine Wunden bluten lange. An Autos schrauben geht noch nicht.

Ahmad trägt die Haare schulterlang, das verbirgt die Brandnarben. Er lächelt viel, redet laut, ist oft unterwegs. "Hummeln im Hintern", lacht er. Hanadi zieht sich oft zurück, geht wenig aus. Sucht die Harmonie ihrer Wohngruppe, wo sie kocht und quatscht. Ahmad dagegen muss raus. "Bewegung ist meine Therapie", sagt er. "Wenn ich stillstehe, kommt das Grübeln." Heute steht nach Schule und Krankenhaus auf dem Programm: Beten in der Moschee und abends der von ihm geleitete "Syrische Friedenschor", dazwischen Planen der drei, vier monatlichen Chorauftritte und ein, zwei Freunde treffen.

"In Deutschland habe ich die Liebe fürs Singen entdeckt." Kantaten, Opern – großes Kino für ihn. Und er suchte eine Bühne. "Tausendmal habe ich mittlerweile meine Geschichte erzählt. Die Leute sehen meine Haut, sie haben Fragen. Über Syrien und warum ich hier bin." Mit dem Chor, in dem Syrer singen mit weißen T-Shirts und den Aufdrucken ihrer Heimatstädte, könne er gleich mehr Deutsche erreichen. "Sie müssen besser verstehen, warum wir alle kommen."

Die Stimmung kippte

Angela Merkel, die "Willkommenskultur", die "Flüchtlingsdebatte" – Ahmad ist ein Teil davon. Als im vergangenen Sommer die Sonderzüge aus Österreich in den Münchener Hauptbahnhof einfuhren, gehörte er zu den ersten Helfern, verteilte Lebensmittel, sprach Mut zu. "Hanadi und mir wurde so viel Gutes getan – weil wir die ersten waren und man uns viel Aufmerksamkeit schenkte. Das ist wichtig, Flüchtlinge brauchen Anteilnahme." Daher wollte er Ähnliches anschieben am Hauptbahnhof, auch etwas "zurückgeben", eine Art Dank. Und freute sich über die vielen Leute, die kamen um zu helfen.

Am Bahnhof traf er aber auch auf Männer, die aus den Zügen stiegen und flüsterten: "Ich bin Syrer" – und die er am Akzent als Marokkaner erkannte. Da wunderte er sich ein bisschen. "Der Staat muss schon mehr kontrollieren und wissen, wer da kommt", meinte er. Es gab aber keine Kontrollen. "Dabei entfliehen so viele Menschen wirklich dem Krieg. Krieg ist ein Monster, irgendwo taucht es immer auf."

Mit dem Winter merkte er, wie die Stimmung kippte, er spürte ein Unbehagen bei den Deutschen. Dann kam die Silvesternacht, und er war außer sich. Ahmad zückt sein Handy, zeigt einen Film, dort bedrängen junge Männer eine Frau. "Die Bilder kursierten im Netz, es hieß, sie seien aus Köln." Deutsche Freunde klärten ihn erst später auf: Die Aufnahmen stammten vom Tahrir-Platz in Kairo. Sie sagten ihm: Ärgere dich nicht. Er steckt das Handy in die Tasche, biegt in die Lindwurmstraße ein.

Langsam verheilen die Wunden

"Das Jahr hätte nicht schlechter beginnen können." Wer hierbleibe, sagt er, solle in Kursen einen Überblick über Deutschland bekommen, lernen, was geht und was nicht. "Wir alle müssen mehr miteinander reden, dann gibt es weniger Missverständnisse. Deshalb auch mein Friedenschor, der baut Brücken." Schließlich seien es doch nicht viele, die in Deutschland ankommen. "Die meisten landen doch im Libanon oder in Jordanien – die haben viele Flüchtlinge, nicht Deutschland." Wie unbemerkt ziehen Wolken auf.

Im Spital schaut er der Krankenschwester zu, wie sie dem dreijährigen Zein den Beinverband abnimmt. Vor drei Monaten ist die Familie aus Syrien nach Deutschland gekommen, Granatensplitter hatten den Jungen übersät; langsam verheilen die Wunden. Aber noch immer ist sein Teint wegen der getroffenen Leber fahlgelb. "Es muss mehr Luft ans Bein", sagt die Schwester, "und mehr Creme". Ahmed fragt: "Bepanthen?" Sie nickt. Er übersetzt. Dann ein Blick aufs Handy, die Zeit wird knapp: rasch in die U-Bahn zum Freitagsgebet.

Auf dem Weg schnell noch einen Anruf, Ahmad versucht Christian Springer zu erreichen. Der Kabarettist reist mit seinem Verein "Orienthelfer" monatlich in den Libanon, Ahmad will ihm ein Paket für seine Familie mitgeben: ein Laptop, Fotos. "Sie schicken mir keine Fotos von sich", sagt er über seine Familie. "Ich soll mir wohl keine Sorgen machen." Seit Monaten arbeitet er an einem Plan, sein Vater soll nach Deutschland, über den so genannten Familiennachzug für Minderjährige. Doch das dauert. Allein für einen Termin bei der deutschen Botschaft in Beirut wartet man Monate.

Er kehrt nie mehr zurück

Irgendwann in diesen vergangenen vier Jahren entschied Ahmad, weniger zurückzublicken. Zu akzeptieren, was geschah und sich Neues aufbauen. Er beschloss: In Syrien werde er nie mehr leben, auch nicht in einem Frieden. "Das ist abgebrochen." Er fasst sich an den Unterarm, reibt kurz seine neue Haut. Anfangs war ihm das Gewebe etwas anderes, es gehörte nicht dazu. Doch langsam wachsen er und seine Haut zusammen, das Fremde spürt er immer seltener.

Gerade rechtzeitig erreicht Ahmad in der Omar-Moschee in der Westendstraße den Gebetssaal, Küsse auf die Wangen hier, Schulterklopfen dort. Der Imam predigt heute über Hiob. "Gott schuf etwas in euch, dass euch verborgen ist", ruft er. Ahmad sitzt unruhig, rutscht hin und her. "Niemand weiß, in welchem Land er sterben wird", sagt der Prediger.

Vor den 200 Männern breitet er die Leiden Hiobs aus: seine toten Kinder, das zerfallene Haus, eine Krankheit, die Andere sich mit Abscheu abwenden ließ. "Bitten wir Gott um Geduld, wie Hiob sie hatte." Ahmad sitzt mittlerweile still, die Muster der kleinen Akanthusblüten auf dem blauen Saalteppich sehen aus wie Boote auf einem Meer.

Am Ende des Gebets stehen die Männer auf, Küsse auf die Wangen hier, Schulterklopfen dort. Ahmad bleibt sitzen. Allein. Für einen Moment ist er wie in sich versunken, nur die Welt um ihn dreht auf.

Am Abend, kurz vor Mitternacht, setzt er einen Post auf "Facebook".

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