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25/03/2016 09:49 CET | Aktualisiert 30/04/2016 08:01 CEST

Wie junge Frauen bei der Wohnungssuche in Fallen gelockt werden

Woman ringing door bell to apartment building
olaser via Getty Images
Woman ringing door bell to apartment building

  • Neuer Fall in Wiesbaden: Mietminderung gegen sexuelle Leistungen

  • Keine Einzelerscheinung: In ganz Deutschland werden derartige Angebote immer offener

  • Rechtliche Schritte gegen Angebote jedoch schwierig

Im Angebot stand, es werde ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit zwei Frauen vermietet. Doch als die heute 25-Jährige Leila die angegebene Telefonnummer wählte, antwortete ein älterer Mann. Sie wurde zwar skeptisch, aber ihr Gegenüber gab sich zunächst als Vermieter aus, erzählt die junge Frau der "Frankfurter Rundschau".

Leila packte ihre Koffer und machte sich auf den Weg nach Wiesbaden - je schneller sie einziehen konnte, desto besser. In der Wohnung angekommen, gingen die Lügen weiter: Der angebliche Vermieter behauptete, die Mitbewohnerinnen seien auf Reisen.

"Das konnte nicht sein, denn es gab nur zwei Zimmer", sagte Leila im Interview mit der Tageszeitung. "In einem stand ein benutztes Bett. Auf Nachfrage erklärte er, dass er das mit mir teilen wolle.“

Sex statt Miete

Sexuelle Dienstleistungen statt Miete oder zumindest gegen erhebliche Mietminderung: Leilas Geschichte ist laut der Zeitung kein Einzelfall. Regelmäßig berichten junge Frauen von solchen unmoralischen Angeboten.

Das Phänomen ist eigentlich so alt wie die Wohnungsnot, die Zielgruppe meist Studentinnen. Vor allem in Unistädten finden sich seit Jahrzehnten Anzeigen in Tageszeitungen von angeblichen "Förderern", die günstigen Wohnraum bieten.

Aber: Welche Dienstleistungen wirklich im Austausch gefordert waren, wurde in den Zeitungsinseraten noch gut verklausuliert. Im Web ist das jedoch anders. Durch die scheinbare Anonymität lassen viele ihre Hemmungen fallen.

"Sexy, solo, dominant"

In manchen Anzeigen, von denen Frauen auf dem Nachrichtenportal "jetzt.de" berichten, klingen die Anforderungen nur in einem Nebensatz an: Die Bewerberin solle "nicht brav" sein, Sex genauso gerne mögen wie er oder "devot (gerne auch unerfahren)" sein. Andere lassen ihren Fantasien noch ungenierter freien Lauf:

"Anforderungsprofil:* gut aussehend * sexy * am besten solo * offen für neues * nett sympathisch * dominant", schreiben vier angebliche Technik-Studenten, die eine fünfte Person - weiblich - für ihre WG suchen. "Du solltest eine sehr devote, gerne sehr zierliche Frau, mit kleinen Brüsten sein und ca. 25-45 Jahre jung sein und an einer Dauerbeziehung Interesse haben" heißt es an anderer Stelle. "Du wohnst umsonst. Du musst mich nur einmal die Woche anpinkeln", bekam eine junge Frau laut dem Bericht sogar zu hören.

Vor allem Groß- und Studentenstädte betroffen

In den letzten Jahren häuften sich die Geschichten von solchen Angeboten - vor allem München, Hamburg und Berlin, wo akuter Wohnungsmangel herrscht, sind oft betroffen.

In diesen Städten ist der Wohnungsmarkt besonders umkämpft; hier wittern viele Vermieter ihre Chance. Angeblich bekommen sie auch durchaus positive Antworten, wie ein Bericht der "TZ" nahelegt. .

Dass Sex-Angebote hier an der Tagesordnung sind, zeigen Stichproben-Experimente mit Lockvögeln und versteckter Kamera: Wenn eine junge Frau aktiv mit einer Anzeige nach einem Zimmer sucht und angibt, kein allzu großes Budget zu haben, ist eigentlich schon vorprogrammiert, welche alternativen Finanzierungsmodelle im Großteil der Antworten vorgeschlagen werden.

Gefährlich sind vor allem Fallen

Doch wie der neu bekannt gewordene Fall aus Wiesbaden zeigt: Wer diese offensichtlichen Avancen ignoriert, ist trotzdem noch nicht auf der sicheren Seite. Die restlichen Anzeigen können sogar noch wesentlich gefährlicher sein. Wer sich tatsächlich auf ein Treffen einlässt, ohne etwas Böses zu erwarten, wird leicht zum Opfer von Schlimmerem.

Da gilt es schnell zu handeln, wie es auch Leila gelang, nachdem sie in die Falle getappt war. Nur mit einem Vorwand gelang es ihr, die Wohnung zu verlassen. Nachdem sie sein Angebot des geteilten Bettes abgelehnt hatte, wollte er sie nämlich trotzdem nicht gehen lassen oder ihr den Koffer zurückgeben. "Erst hat er sich geweigert. Ich habe ihm dann erzählt, dass ich etwas aus dem Koffer brauche und Freunde auf mich warteten“, erzählte die 25-Jährige der "Frankfurter Rundschau".

Ordnungshüter machtlos

Im Anschluss kontaktierte sie die Polizei - allerdings ohne Erfolg. Ohne tatsächliche körperliche Belästigung kein Tatbestand. Auch die Sex-Angebote in den Anzeigen sind nach aktueller Rechtslage nicht strafbar. Wenn beide Personen über 18 Jahre alt sind, der Sexualverkehr nicht unter Ausnutzung einer Zwangslage stattfindet und kein Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung besteht, fällt das normalerweise unter die Privatautonomie des deutschen Zivilrechts.

Anders ist das beispielsweise in den USA: Hier gilt es als Prostitution, wenn die Miete durch sexuelle Dienstleistungen bezahlt wird - und die ist verboten.

Portale nehmen Kontrolle selbst in die Hand

Allerdings versuchen in Deutschland die Mietportale selbst, unsittliche Inserate zu unterbinden. Gegenüber der "Welt" sagte eine Sprecherin von "Immobilienscout24", dass derartige Angebote "nicht zulässig" seien.

Das unter Studenten beliebte Portal "wg-gesucht.de" ließ gegenüber "jetzt.de" verlauten: "Unseriöse Anzeigen sind nur kurz online, da unsere Nutzer sehr aufmerksam sind und unser Qualitätssicherungsteam die Anzeigen zusätzlich scannt."

Ein solches Team zur Kontrolle der Portale gibt es in den USA dagegen nicht - bei "Craigslist" verlässt man sich zum Beispiel ganz auf die Selbstreinigungsmechanismen im Netz - heißt: dass Nutzer zwielichtige und anrüchige Anzeigen an die Administratoren melden.

Und das ist wohl das Einzige, was man als Betroffener tatsächlich unternehmen kann: Melden - und hoffen, dass genügend gebannte Inserate die Anzeigensteller langfristig von ihrer fixen Idee abbringen.

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