POLITIK
24/03/2016 18:33 CET

Nach den Aschlägen von Brüssel: Es gibt ein Wort für das, was der Terror gerade mit uns macht

Nach den Aschlägen von Brüssel: Es gibt ein Wort dafür, was der Terror gerade mit uns macht
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Nach den Aschlägen von Brüssel: Es gibt ein Wort dafür, was der Terror gerade mit uns macht

Brüssel ist in diesen Tagen ein chaotischer Ort. Immer wieder hört man Sirenengeheul auf den Straßen – und niemand kann genau sagen, ob sich die blaulichtorgelnden Polizeifahrzeuge nur für eine simple Verfolgungsjagd nach einem Autodieb in Bewegung setzen, oder ob der nächste Anti-Terror-Einsatz bevor steht.

Am Donnerstagmorgen hörte ich Sirenengeheul am Bahnhof Bruxelles-Midi, wo die Züge nach Deutschland abfahren. Ich dachte an einen Autodieb. Tatsächlich fuhren die Polizeiwagen wohl zu einer Anti-Terror-Razzia am Rande der Innenstadt.

Das merkte ich, als ich im Bahnhof auf die Abfahrtstafel schaute. Sämtliche Fernzugverbindungen waren für unbestimmte Zeit unterbrochen.

Also ging ich in aller Seelenruhe etwas essen.

Ich hänge stundenlang fest

Als ich zurück kam, war der Anti-Terror-Einsatz schon vorbei und mein Zug abgefahren. Mein Pech in solchen Situationen ist tatsächlich legendär. Und so hänge ich seit drei Stunden in diesem Bahnhof fest.

Zwei Gedanken dazu, während ich hier auf meinem Rucksack sitze – zwischen Dutzenden anderen Menschen, deren Gesichter mir in den vergangenen Stunden vertraut geworden sind, weil sie ebenfalls mit mir festsitzen.

1. Nach dem Terror wollen wir Sicherheit – wir schaffen aber Unsicherheit

Ich verstehe, warum die Brüsseler Innenstadt auch zwei Tage nach den Anschlägen auf den Flughafen und die U-Bahnstation Maelbeek voller Sicherheitskräfte ist. Es ist immer noch unklar, ob nicht vielleicht doch einer der Attentäter noch auf der Flucht ist. Und ich verstehe auch, dass der Nahverkehr im Speziellen geschützt werden muss.

Es jedoch ist im Sinne der öffentlichen Sicherheit nur bedingt zielführend, alle Eingänge des größten Bahnhofs der Stadt zu schließen, nur um dann sämtliche Fahrgäste - auch die Pendler - durch eine schmale Sicherheitsschleuse samt Taschenkontrolle zu führen.

Während der 30 Minuten, die ich am Morgen zwischen rücksichtslos drängelnden Geschäftsfrauen und völlig überforderten Soldaten am Bahnhof Bruxelles-Midi verbracht habe, war ich vermutlich nicht der einzige, dem dieser ungeordnete Pulk wie ein Premiumziel für einen potenziellen Attentäter vorkam, der unter Umständen noch irgendwo frei herum läuft.

Womöglich sind Bahnhöfe nicht gemacht für Sicherheitskontrollen, wie wir sie von Flughäfen kennen. Einfach deshalb, weil dort ein viel höheres Fahrgastaufkommen herrscht.

Und vielleicht müssen wir uns damit abfinden, dass es totale Sicherheit nicht gibt. Gerade dann, wenn wir durch den Kampf gegen die Unsicherheit alles noch viel schlimmer machen.

2. Terror tötet nicht nur Menschen, er entfremdet uns von der Gesellschaft

Nachdem mir der Zug vor der Nase weggefahren war, habe ich versucht, mein Gepäck samt dem schweren Technikkoffer aufzugeben – ging nicht, weil die Gepäckschließfächer wegen Terrorgefahr gesperrt waren.

Ich hätte gern einen Ersatzzug genommen – war nicht möglich, weil alle Fernzüge wegen des Polizeialarms verspätet waren und ich mir mit einem neuen Bahnticket höchstens eine halbe Stunde Zeitersparnis hätte erkaufen können.

Ich wäre gerne noch einmal trotz des Gepäcks Richtung Innenstadt gelaufen, um dort noch einmal etwas zu essen. Das wäre jedoch sinnlos gewesen, weil ich dann wieder durch die Sicherheitsschleuse gemusst hätte. Es hätte sich zeitlich einfach nicht mehr gelohnt.

Zugegeben, das sind Luxusprobleme im Vergleich zu denen der Bombenopfer, die derzeit noch in den Krankenhäusern Brüssels um ihr Leben kämpfen. Aber es geht mir auch gar nicht darum, mich zu beschweren. Es ist bestimmt auch organisatorisch nicht leicht, mit so einer Sondersituation fertig zu werden. Ich habe höchsten Respekt vor allen, die derzeit bei der Bahn oder anderswo Sonderschichten schieben.

Mir geht es um etwas anders.

So könnte sich unser Leben ändern

Ich bekomme langsam einen Eindruck davon, wie sich unser Leben ändern könnte, wenn es dem IS weiterhin gelingt, Europa mit Terroranschlägen zu überziehen. Es ist nicht nur das Große und weithin Sichtbare, das sich ändert.

Es sind auch sehr viele kleine Selbstverständlichkeiten, die plötzlich verschwinden könnten. Und das gefährdet das Vertrauen in die Gesellschaft, in der wir leben.

Das Militär hat ein Wort für das, was mit uns passiert

In der Militärpsychologie gibt es für dieses Phänomen einen Fachbegriff: Zersetzung. Geheimdienste in totalitären Staaten wenden Techniken der „Zersetzung“ seit Jahrzehnten an, um etwa Menschen ganz ohne den Einsatz von Gewalt zum Schweigen zu bringen.

Von der Stasi etwa ist bekannt, dass sie oft nur deshalb in die Wohnungen von Regimekritikern einbrach, um dort zwei Vasen zu verstellen – oder ein neues Tuch auf den Tisch zu legen. So erfuhren die Opfer, dass jemand in ihrer Wohnung gewesen sein musste. Aber sie wussten nicht, warum.

Je mehr unerklärliche Dinge im eigenen Umfeld geschehen, desto weniger Zutrauen haben die Opfer in ihre eigene Existenz. Tausende Menschen hat die Stasi mit solchen Methoden in den Wahnsinn getrieben.

Was in Brüssel derzeit stattfindet, ist eine Zersetzung des Alltags. Wahrscheinlich ist das eine der schlimmsten Folgen des Terrors - neben der tatsächlichen Gewalt.

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