POLITIK
24/03/2016 10:58 CET | Aktualisiert 28/03/2016 08:01 CEST

Panik nach dem Terror: Eure Angst frisst eure Hirnzellen auf

Eure Angst frisst eure Hirnzellen auf
dpa
Eure Angst frisst eure Hirnzellen auf

Es ist wieder so weit. Die deutsche Seele hyperventiliert. "Wir sind im Krieg", heißt es nach den Anschlägen in Brüssel. Panik breitet sich aus wie ein Flächenbrand.

Ich kann verstehen, dass die Menschen in Belgien oder Frankreich Angst haben, auf die Straße zu gehen. Ich kann verstehen, dass die Angehörigen der Opfer Angst haben vor einem Leben mit dem Schmerz.

Was ich nicht verstehen kann: Wie jemand in Wanne-Eickel auf dem Sofa sitzt und vor dem Terror zittert. Angst frisst Hirnzellen. Es ist die Herrschaft der Gefühle über die Vernunft.

In ein paar Tagen wird hier niemand mehr Angst haben, in die U-Bahn zu steigen. Das Thema wird aus den Medien verschwunden sein und - so grausam es klingt - kein Schwein mehr interessieren. Es ist Instant-Angst: einfach aufgießen, fertig.

Diese Panik hat mit einer realen Bedrohung meist wenig zu tun. Ist ein Anschlag heute wahrscheinlicher als in sechs Monaten? Oder in einem Jahr? Natürlich nicht, trotzdem flaut die Angst nach jedem Angriff ziemlich schnell wieder ab.

Das ist normal, denn sonst könnten wir unser Leben nicht weiterleben. Und trotzdem zeigt es, wie oberflächlich das alles ist.

Nach Fukushima kauften sich die Deutschen Geigerzähler und wählten die Grünen. Jetzt holen sie sich aus Angst vor Flüchtlingen Pfefferspray und stimmen für die AfD. Mit echter Überzeugung hat das wenig zu tun.

Angst lähmt unseren Verstand. Das hat evolutionäre Gründe. Der Teil unseres Gehirns, der für Angst zuständig ist, meldet Gefahren sofort an das Großhirn. Damit wir reagieren können, ohne nachzudenken. Mit Weglaufen zum Beispiel.

Der Teil des Gehirns, der die Vernunft steuert, reagiert viel langsamer. Er wird von der Angst überstimmt und muss die Kontrolle erst wieder zurückgewinnen. Und bei einigen Menschen dauert dieser Prozess besonders lang.

Habt ihr euch beim Badeurlaub schon einmal vor einem Hai-Angriff gefürchtet? Vermutlich schon. Und davor, von einer herabfallenden Kokosnuss getötet zu werden? Wahrscheinlich nicht. Dabei töten Kokosnüsse jährlich mehr Menschen als Haie.

Und trotzdem krallt sich das Gehirn viel lieber in die Vorstellung, dass wir von einem blutrünstigen Raubfisch zerfleischt werden. Weil wir davon fasziniert sind - wie das Kaninchen, das ins Scheinwerferlicht starrt.

Ja, es gibt den Terror. Ja, wir müssen ihn bekämpfen und das Land davor schützen. Aber es ist in Deutschland längst nicht angebracht, in Todesangst zu verfallen. Warum wohl gab es hier bisher keinen Anschlag? Soll das Zufall sein? An Zufall glaube ich nicht.

Es liegt an der Arbeit der Behörden. Daran, dass die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland anders sind als in Frankreich und Belgien.

Denkt an die Menschen im Libanon, in Afghanistan oder im Irak. Dort ist der Terror Alltag. Wie lächerlich gering ist dagegen die Wahrscheinlichkeit, hier in Deutschland Opfer eines Anschlags zu werden?

Nur mal so zum Nachdenken: Seit 2001 starben in Europa etwa 640 Menschen durch Anschläge und Amokläufe. Weltweit gab es 32.000 Terror-Opfer - allein im Jahr 2014. Und die meisten waren Muslime.

Die folgende Grafik zeigt sehr deutlich, dass die Zahl der Terror-Opfer in Westeuropa in den vergangenen Jahren gar nicht gestiegen ist. Sie ist gesunken:

terroropfer europa

Der Terror sei längst in Deutschland angekommen, sagen jetzt viele. Zum Beispiel, weil bei den Attacken in der Türkei, in Brüssel oder Bali deutsche Urlauber starben. Oder weil einige jetzt aus Panik ihren Paris-Trip absagen.

Der Terror ist in Deutschland angekommen. Ja. Aber anders. Er zeigt sich darin, dass eine radikale und menschenfeindliche Partei wie die AfD in Umfragen jetzt die drittstärkste Kraft ist.

Er zeigt sich darin, dass eine verschleierte Muslima aus einer Sparkassen-Filiale in Neuss geworfen wurde - obwohl sie anbot, den Schleier abzunehmen.

Er zeigt sich darin, dass schon Kinder den Brand einer Flüchtlingsunterkunft in Bautzen bejubelten.

Die Gefahr sei real, sagt ihr immer. Ihr habt recht. DAS ist die Realität - diese Dinge, die ich gerade aufgezählt habe. Sie sind in Deutschland bereits passiert und es kommen täglich beängstigende Meldungen dazu. Wir leiden nicht unter den Folgen des Terrors, sondern daran, dass die Angst davor unser Land verändert.

Ist das nicht paradox? Ist das nicht grausam ironisch? Es ist der Terror der Angst, der Deutschland in seinen Klauen hält. Dazu fallen mir zwei Sätze ein, die der Psychologe Eduard Käseberg einmal in einem ganz anderen Zusammenhang zu den "Stuttgarter Nachrichten" gesagt hat.

Er sagte: "Irrationale Ängste haben immer etwas zu tun mit Mangel an Bildung. Kurz gesagt: Die Dummen leiden besonders

heftig unter irrationalen Ängsten."

Bevor wir Entscheidungen treffen, die diesem Land schaden, statt es zu schützen, sollten wir eines tun: Einmal kurz durchatmen. Um dem Teil unseres Gehirns Zeit zu geben, der für die Vernunft zuständig ist. Nur ein kleines bisschen Zeit, damit er die Kontrolle zurückgewinnen und die Panik übertönen kann.