POLITIK
23/03/2016 11:39 CET

Terror in Belgien: Meine Reise in Europas Herz des Schreckens

dpa

Im Berliner Hauptbahnhof läuft ein zwei Meter großer Polizist Streife. Er wirkt einsam. Vor seiner Brust trägt er eine Maschinenpistole, seine rechte Hand lehnt lässig über das Schulterstück. Er lächelt freundlich, aber niemand lächelt zurück. Manche Passanten starren irritiert auf den Abzug und das Magazin, andere wollen so schnell wie möglich weiter.

Es ist Dienstag, kurz nach drei am Nachmittag. Im Brüsseler Flughafen hatten sich sieben Stunden zuvor zwei Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Kurze Zeit später detonierte in einer U-Bahnstation eine Bombe. Bei den Anschlägen kamen mindestens 34 Menschen ums Leben.

Ich laufe mit schnellem Schritt durch die Ebenen des Hauptbahnhofs in Berlin, versuche nach Brüssel zu kommen, um dort meine Arbeit als Journalist zu machen.

Bahnverbindungen nach Deutschland? Gestrichen!

Das Problem ist, dass „wegen eines Polizeieinsatzes“ sämtliche Bahnverbindungen von Deutschland nach Belgien gestrichen sind. Flüge gibt es wegen der Anschläge auf den Flughafen auch nicht mehr. Es bleibt mir noch ein Umweg: Über Amsterdam, und dann mit Regionalzügen bis an die belgische Grenze, und möglichst drüber.

Kurze Zeit später, am Bahnschalter.

„Einmal nach Brüssel bitte!“

Die Bahnangestellte schaut mich entgeistert an und flüstert leise: „Sie wissen schon, oder?“ Der Lautstärkepegel um mich herum sinkt spürbar. Ein älterer Herr in der Schlange neben mir zielt mit spitzen Blick über seine Schulter hinweg auf mein loses Mundwerk. „Ja, ich weiß. Trotz alledem: nach Brüssel“, sage ich noch einmal, etwas leiser.

Noch ein paar Stunden zuvor hätte der Klang des Städtenamens die meisten wohl eher an eine scheppernde Blechtasse erinnert, und die wenigsten hätten irgendwelche positiven Assoziationen mit dieser Stadt gehabt. Vor allem jene, die noch nie dort gewesen waren: EU, Bürokratie, Gurkenkrümmung.

Arabischstämmige Straßenverkäufer, zweisprachige Straßenschilder - das ist meine Erinnerung an Brüssel

Bei mir ist das etwas anders. Ich war zum ersten Mal vor fast 20 Jahren dort. Meine ersten Urlaube führten mich dort hin, noch als Teenager. Ich bin im Westen Deutschlands aufgewachsen, und meistens startete ich vom Bahnhof Bruxelles-Midi meine Interrailtouren.

Ich erinnere mich an die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen auf dem Boulevard Lemonnier, nachdem ich todmüde und wahnsinnig glücklich aus dem Regionalzug aus Aachen gekrabbelt war.

An arabischstämmige Straßenverkäufer. An surreal breite Prachtstraßen. An zweisprachige Straßenschilder! Mit den Augen eines Jungen aus dem nordhessischen Bergland gesehen war Brüssel damals tatsächlich die große, weite Welt.

Terror ist Kommunikation mittels Gewalt

Nie hätte ich mit dem Stadtnamen „Brüssel“ irgendwelche negativen Hintergedanken verbunden. Aber auch das ist die Kraft der Terrors: Er kann Namen und Wörter verbiegen, auf einen Knall reduzieren. Terror ist Kommunikation mittels Gewalt.

Ich bekomme schließlich mein Ticket nach Brüssel. Verbunden mit der Warnung, dass ich womöglich längere Zeit an einem Grenzbahnhof feststecken könnte.

Der Intercity ist pünktlich. Stendal. Hannover. Osnabrück. Bad Bentheim. Die Grenze zu den Niederlanden scheint gewohnt unsichtbar. Ich spüre sie erst, als der Schaffner freundlich auf Holländisch ansagt: „Wir erreichen den nächsten Halt: Hengelo. Herzlich willkommen in den Niederlanden.“

„So schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren“

In Amsterdam erfahre ich, dass die Bahnstrecke nach Brüssel am Mittwoch wieder durchgehend bedient werden würde. Die belgischen Behörden wollten „so schnell wie möglich zur Normalität zurückkehren“, heißt es.

Am nächsten Morgen, Bahnhof Amsterdam Centraal: Ich entscheide mich, nun doch den Schnellzug zu nehmen. Die Dame am Thalys-Schalter fragt nach den Ausweispapieren. Meine Passnummer nimmt sie gleich zweimal auf: Einmal für das Computersystem, einmal als Notiz auf meinem Zahlungsbeleg.

Ist das nun die Normalität?

An Gleis 15 stehen bei der Einfahrt des Zuges mehr Sicherheitsleute als Fahrgäste. Wobei man der Fairness halber erwähnen sollte, dass um viertel nach sechs an diesem Mittwochmorgen kaum mehr als ein Dutzend Menschen Richtung Brüssel fahren wollen. Einige steigen schon am Amsterdamer Flughafen Schiphol aus. Bald schon bin ich einer von zwei Fahrgästen im gesamten Wagon.

Normalität? Der Zug rollt - nicht mehr

Der andere Reisende ist ein Geschäftsmann aus Frankreich, der am Dienstag nach den Anschlägen plötzlich in Amsterdam festgesessen hatte. Der Schaffner kümmert sich rührend um ihn: „Wir wissen, dass es viele Fahrgäste gibt, die gestern nicht mehr weitergekommen sind. Deshalb haben wir extra diesen Teil des Zuges angehängt, um alle ans Ziel zu bringen. Wenn ich ihnen helfen kann, bin ich immer für sie da.“

In Rotterdam steigt kein einziger Mensch zu. Ebenso in Antwerpen. Am Horizont qualmen Schornsteine im Nieselregen.

Jedes Räuspern hört man im Wagon. Jedes Schlürfen am Morgenkaffee. Die Normalität an diesem Morgen bedeutet, dass dieser Zug rollt. Nicht mehr.

Am Bahnhof Bruxelles-Midi regnet es Bindfäden. Vor dem Ausgang stehen drei Unimogs der belgischen Armee, 30 Jahre alte Lastwagen, geparkt wie für eine Parade. Ein einzelner Soldat steht an der Tür, sein Sturmgewehr im Anschlag. Polizisten laufen Streife.

Wahrscheinlich müssen wir uns noch eine ganze Weile beweisen, dass alles normal ist. Bis wir es endlich wieder glauben können.

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