POLITIK
23/03/2016 16:43 CET | Aktualisiert 23/03/2016 18:30 CET

Problemfall Islam? Wieso Religion und Terror Hand in Hand zu gehen scheinen

zabelin via Getty Images
Problemfall Islam: Wieso die Religion ihr Terrorproblem nicht in den Griff bekommt

Die Angst ist wieder da. Die Explosionen in Brüssel und der jüngste Anschlag in Istanbul, zu denen sich der selbst ernannte "Islamische Staat“ bekannte, haben die Furcht vor islamistischem Terror in Europa mit voller Wucht zurückgebracht.

Die Attentate von Paris im Frühjahr und Herbst 2015 liegen wie ein dunkler Schatten über einer Religion, die für viele Millionen Praktizierende weltweit ein Hort des Friedens, eine Leitlinie zu einem glücklichen, harmonischen Leben ist.

Vermeintliche Erfolge im Kampf gegen Radikalisierung und Extremismus, wie sie die Festnahmen – allen voran die des vielgesuchten IS-Drahtziehers Salah Abdeslams - in Brüssel darstellen sollen, wirken für den äußeren Betrachter nicht erst seit der neuerlichen Terrorwelle eher wie ein Stich in den Rand eines gewaltigen, angsteinflößenden Wespennestes.

Molenbeek ist nur ein Beispiel

Doch woran liegt es, dass der Islam offensichtlich eine so viel stärkere Anziehungskraft für unzufriedene, sozial abgehängte und mitunter gewaltbereite junge Männer ausübt als andere Religionen? Wie kommt es, dass in europäischen Staaten, die wirtschaftlich auf soliden Füßen stehen, Parallelgesellschaften entstehen, in denen junge Männer statt einer Berufsausbildung den Weg der religiösen Radikalisierung anstreben – bis hin zu schrecklichen Gewalttaten?

Das Viertel Molenbeek in Brüssel wird gerne zum Terrorzentrum des Westens stilisiert: Glaubt man Experten, ist der Problembezirk, in dem das Gros der Pariser Attentäter radikalisiert wurde, nur ein besonders prominentes Beispiel in einer ganzen Reihe von Gegenden, in denen der fundamentalistische Islamismus Wurzeln geschlagen hat.

Auch Bonn-Tannenbusch gehört zu diesen Gegenden: Der salafistische Hassprediger Pierre Vogel gehört hier zur Stammbelegschaft, zahlreiche IS-Rekruten zog es aus der ehemaligen Bundeshauptstadt nach Syrien. Insgesamt soll die Salafistenszene in NRW etwa 2.500 Mitglieder haben, allein in Bonn über 200. Nicht alle dieser Salafisten sympathisieren mit dem IS oder anderen Terrororganisationen. Doch der Schritt vom einen zum anderen scheint – das zeigen viele Fälle - kein großer zu sein.

Gängige Erklärungsmuster greifen zu kurz

Ein beliebtes Erklärungsszenario für die Radikalisierung von Muslimen ist das des ziel- und perspektivlosen Jugendlichen, der Halt und das Gefühl von Macht in der Religion sucht.

In vielen Fällen mag das zutreffen, allgemeingültig ist es keinesfalls: Edwin Bakker vom Institut für Internationale Beziehungen, Den Haag, untersuchte in einer Studie den sozioökonomischen Hintergrund von über 200 europäischen Dschihadisten. Nur 15 Prozent unter ihnen waren arbeitslos, 18 Prozent dagegen gar höher qualifiziert. Auch sonst kamen die Islamisten aus unterschiedlichsten Verhältnissen.

Muslime fühlen sich stigmatisiert

"Es sind insbesondere Kinder aus den Mittelschichten, die gerade jetzt nach Syrien ausreisen oder sich im Internet dort hineinbewegen und sehr fasziniert sind“, sagte auch Sozialpsychologe Andreas Zick mit Blick auf die hiesigen Verhältnisse dem „Deutschlandfunk“.

Dennoch: Das Gefühl der Perspektivlosigkeit scheint bei der Radikalisierung eine Rolle zu spielen. Dabei ist es oft wohl eher eine gefühlte als eine tatsächliche sozioökonomische Aussichtslosigkeit, die Jugendliche für den Extremismus empfänglich macht. Muslime stehen unter Generalverdacht, gefährlich zu sein, kriminell, rückständig - auch, weil Politik und Medien nur halbherzig Gegenteiliges kommunizieren.

Laut der jüngsten Bertelsmann-Studie betrachten 57 Prozent der Deutschen den Islam als gefährlich, sogar 61 Prozent sind der Meinung, die Religion sei nicht mit der westlichen Welt vereinbar.

Es gärt am Rand der Stadt und der Gesellschaft

Extrem spürbar ist diese Stigmatisierung sicherlich in den sogenannten Brennpunkten. In den Pariser Banlieues, in einigen Gegenden Londons – und eben in Molenbeek. Johan Leman leitet hier ein Jugendhaus. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagt er: "Wenn sich 25 Menschen auf eine Stelle in Brüssel bewerben, dann wird jemand, der Raschid heißt und aus Molenbeek kommt, als Erstes aussortiert."

Diese Ausgrenzung fördert die gefährliche Vorstellung des "Ihr gegen Uns“, die sich auch der islamische Staat immer wieder in seinen Propagandavideos und Rekrutierungsaufrufen zunutze macht.

Auch in Deutschland – und wohl beinahe in der gesamten westlichen Welt - fühlen sich Muslime zurecht in ein falsches Licht gerückt. Auch wenn führende Politiker sich immer wieder Mühe geben, pauschale Urteile über den Islam und seine Anhänger zu vermeiden: Wie schlecht das Image der Religion ist, zeigt schon ein Blick in die Presse.

Medien transportieren düsteres Islambild

Professor Kai Hafez von der Universität Erfurt erforscht seit Jahren das Islambild, das in den deutschen Medien vermittelt wird. "Wenn es um den Islam geht, sind deutsche Medien sehr beschränkt in ihrem thematischen Interesse“, erklärt er. Durch die Fokussierung auf Terrorismus, die Frauenfrage und Fundamentalismus entständen Unsicherheiten und Ängste in der Gesellschaft.

Der Westen baut so heiter weiter an dem Bild eines Kulturkampfes, das für die islamistischen Rattenfänger in den europäischen Hinterhofmoscheen so wertvoll ist, wenn es darum geht, neue Gefolgsleute zu rekrutieren. Doch es ist nicht nur die in Europa herrschende Islamangst, die den Extremismus befeuert.

Dass sich Menschen in hoch entwickelten Ländern dieses Gedankengutes bedienen, ist vor allem eins: politisches Versagen.

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