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23/03/2016 18:34 CET | Aktualisiert 24/03/2016 02:03 CET

Wut? Hass? Diese muslimischen Belgier zeigen uns, wie bunt und kreativ die Antwort auf den Terror sein kann

Sebastian Christ

  • In Brüssel regiert an den Tagen nach den Anschlägen nicht nur die Angst

  • Im Stadtzentrum kommen Menschen mit verschiedenen Wurzeln zusammen, um ein Zeichen gegen den Hass zu setzen

Mitten im historischen Zentrum von Brüssel gibt es derzeit nicht nur Trauer – sondern auch Momente der Hoffnung. Die belgische Hauptstadt zeigt uns, wie es gelingen kann, den Terror in die Schranken zu weisen.

Nicht einmal zwei Tage ist es her, dass terroristische Anschläge über 30 Menschen das Leben nahmen. In den Fußgängerzonen patrouillieren Soldaten mit Tarnanzug, Gefechtshelm und Sturmgewehren. Die Metrostation Maelbeek, wo am Dienstag 20 Menschen ihr Leben verloren, ist immer noch weiträumig mit Sichtblenden abgesperrt.

"Brüssel – wir sind mit dir!"

Doch vor der Börse, am Boulevard Anspach, versammeln sich seit Dienstagmittag Tausende Menschen, um ein Zeichen für ein friedliches Miteinander zu setzen. Araber, Menschen aus Afrika und Asien sowie gebürtige Belgier singen oder tanzen hier gemeinsam. Und manchmal trauern sie auch nur, in aller Stille.

Überall stehen kleine Becher mit Malkreide herum. Nicht nur die spielenden Kinder greifen zu. Der gesamte Börsenplatz, sogar das Gebäude selbst, sind übersät mit Friedensbotschaften.

Persische Schriftzeichen sind auf den Wänden der Börse zu lesen, und auf Russisch steht dort geschrieben: "Brüssel – wir sind mit dir!". Einige Meter weiter kleben Künstler Papierschmetterlinge an den Putz.

Radouen steht mit einer marokkanischen Flagge auf der obersten Treppenstufe der Börse. Er ist gebürtiger Marokkaner und lebt seit Jahrzehnten in Belgien. Er sei gleichzeitig "stolzer Marokkaner" und "stolzer Belgier". Auch deswegen gehen ihm die Anschläge nah.

"Ich bin heute hier, um Nein zum Terrorismus zu sagen. Nein zu Leuten, die unschuldige Menschen für nichts und wieder nichts ermorden, Nein zur Barbarei“, sagt Radouen in beinahe druckreifem Französisch, "Terrorismus hat keine Religion. Wir sind heute hier, um gegen jene zu kämpfen, die der Welt Schmerz antun."

"Es kann jeden treffen"

Warum es ihm wichtig ist, heute hier zu stehen? "Es kann jeden treffen. Immer, und überall", sagt Radouen. "Ich bin selbst Marokkaner, und ich habe Kinder, die in Belgien geboren sind. Es hätte auch sie treffen können. Ich hätte auch selbst am Flughafen sein können, als die Bomben explodierten."

Eine ältere Muslima greift Minuten später zur Malkreide und ergänzt den Slogan "Hate is a tool of power" mit ein paar arabischen Wörtern.

Einige Meter weiter steht eine Gruppe Kurden. Ihre Botschaft ist weniger persönlicher, sondern eher politischer Natur. "Unsere Freunde, unsere Familien, unsere Frauen, sie sind alle gestorben. Deswegen können wir vollkommen verstehen, welchen Schmerz die Belgier derzeit empfinden", sagt Suzer.

Ob der Vergleich passend ist, sei dahin gestellt. Das kleine Grüppchen jedenfalls harrt stundenlang in der Kälte aus.

Alle haben ein gemeinsames Ziel

Überhaupt scheinen an diesem Tag Menschen zusammenzukommen, die völlig unterschiedliche Vorprägungen haben. Christen sind dabei, Hippies, Anarchisten, kurdische Sozialisten, Rastafaris und auch Belgier mit mitteleuropäischen Wurzeln.

Gemein ist ihnen an diesem Tag ein Anliegen: dass man auf Gewalt nicht mit Hass antworten darf. Und dass Wut und Schmerz am Ende nicht unser Handeln bestimmen sollte.

Denn dann hätte der Terror schon längst gewonnen.

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