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22/03/2016 06:07 CET | Aktualisiert 23/03/2017 06:12 CET

Sport for Good: Gute Hoffnung am Kap

Riesenrad Cape Wheel in Kapstadt: Fünf Rand von jedem Ticket für

Mit 16 Projekten unterstützt die Laureus-Stiftung in Südafrika sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche. Die überwiegend in den Townships lebenden Kids sollen über "Sport for Good" soziale Werte und bessere Zukunftsperspektiven vermittelt bekommen. Ein Besuch von drei Initiativen rund um Kapstadt zeigt, wozu der Sport bei den Teilnehmern der Programme fähig ist.

Ungläubig staunend, mit offenen Mündern und großen Augen, stehen Charl Jensel und seine Skateboard-Kids vor dem großen, weißen Cape Wheel, dessen Gondeln sich 40 Meter hoch in den blauen Himmel über Kapstadts Vorzeigemeile Waterfront drehen. Es ist ein ganz besonderer Tag für die 8- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen, die in einem Township im Umland aufwachsen. Roland Bussink, ein Holländer, der Riesenräder wie dieses nicht nur konstruiert, sondern mit ihnen weltweit finanziell ein ziemlich großes Rad dreht, hat die faszinierte Gruppe eingeladen. Auf Freifahrten mit dem Cape Wheel, danach gibt es Burger und Coke. Bussink, ein großer Fan von Laureus-Förderer Mercedes-Benz und insbesondere dessen sportlicher Tochter AMG, ist auch ein engagierter Gönner der "Sport for Good"-Bewegung. "Turn for Good" heißt seine Initiative, bei der ein Jahr lang von jedem Cape-Wheel-Ticket für 65 südafrikanische Rand fünf Rand - das sind umgerechnet rund 30 Cent - für die gute Laureus-Sache spendet. Wie viel das am Ende sein wird? "Ich weiß es nicht", wehrt Roland Bussink bescheiden und gegen besseres Wissen ab. Zum einen steht sein Riesenrad schon seit 2010 an der Waterfront, zum anderen schaut dort so ziemlich jeder der jährlich rund zehn Millionen Kapstadt-Touristen vorbei.

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Nach Kuilo River verirrt sich gewöhnlich kein Fremder. Aber wer sich dafür interessiert, wie erfolgreiche soziale Hilfsprojekte sein können, ist in dem rund 35 Kilometer nordöstlich von Kapstadt gelegenen kleinen Skate-Park herzlich willkommen. Er ist eine Insel der Hoffnung in einer Welt ohne Hoffnung. Dreißig, vierzig Kids kommen drei- bis viermal die Woche, um Skateboarden zu lernen - und für das Leben. Charl Jensel ist ihr Vorbild. Trainer, Anführer und Freund zugleich. Die Kleinen hängen an seinen Lippen, wenn er mit ihnen den lustigen Banana-Song singt, oder ihnen spielerisch Disziplin vermittelt. Und für die Älteren ist er ein Held, weil er es geschafft hat, aus seinem Leben mehr zu machen, als Mitglied einer Township-Gang zu sein. Weltbester Skateboarder wollte Charl werden. Mittlerweile 27, war dieses Ziel ein wenig zu ambitioniert, dafür wurde der stets gut gelaunte Lockenkopf Projektleiter bei "Indigo Youth Movement", der sozialen Bewegung südafrikanischer Skateboarder.

"Ein Leben auf Rollen" müsste eine Biografie über Dallas Oberholzer heißen. Oder so ähnlich. Der inzwischen 40-Jährige, in seiner aktiven Zeit der beste Skateboarder Südafrikas, ist ein positiv verrückter Botschafter seines Sports. Er hat Indigo Youth Movement vor 14 Jahren in Durban gegründet, immer an die positive Wirkung des kleinen Bretts mit den angeschraubten vier Rollen als Therapieinstrument geglaubt. Inzwischen wurde eine landesweite Bewegung daraus, mit neun Skate-Parks allein rund um Kapstadt. "Wir helfen Kindern und Jugendlichen, von denen 70 bis 80 Prozent keinen Schulabschluss haben, und deren Eltern zu 80 Prozent arbeitslos sind", sagt Dallas. Auch Charl hatte die Highschool abgebrochen, bevor das Skateboard-Programm seinem Leben einen neuen Sinn gab. Heute sagt er: "Ich bin begeistert, dass ich das Leben dieser Kids ändern kann. Ohne das Programm wären sie verloren gewesen. Jetzt lernen sie jeden Tag dazu, haben Hoffnungen und Träume."

Therapie mit Surfbrett und Wellen: Waves for Change

Es ist ungemütlich am Monwabis Beach in der Kalk Bay, eine halbe Autostunde östlich von Kapstadt. Starker Wind wühlt den Atlantik auf, lässt an Land den Sand fliegen. Surfverbot, zu gefährlich. Den zwei Dutzend Jungs in ihren schwarzen Neoprenanzügen, allesamt Teilnehmer des Programms "Waves for Change", macht das nichts aus. Sie vertreiben sich die Zeit am Strand mit Lifesaving, Rettungsübungen. Und sie sind aufgeregt. Cassandra (28), die seit einem Jahr zum Coachingteam gehört, sagt: "Die Jungs haben seit Wochen nur ein Thema - sie möchten den Star treffen." Der ist Deutscher, heißt Sebastian Steudtner, einer der besten Big-Wave-Surfer der Welt und auch Laureus-Botschafter. Für Chuma, den 17-jährigen Anfänger, ist Sebastian Held und Vorbild zugleich. Der Junge aus dem benachbarten Township Khaye Ihsha, der seinen Vater nie kennen lernte und ein Schulabbrecher ohne Perspektive war, hat im lokalen Fernsehen von "Waves for Change" erfahren. Das war vor gut einem Monat. Seither ist Chuma mit Begeisterung dabei, sagt: "Sie helfen mir, ein Mann zu werden. Sie haben mir auch gesagt, dass es wichtig ist, zur Schule zu gehen. Jetzt möchte ich meinen Abschluss machen und ein guter Surfer werden."

Am liebsten einer wie Sebastian. Als der Botschafter einer von ihnen wird, mit ihnen spielt und trainiert, weicht ihm Chuma nicht mehr von der Seite. "Wenn ich so etwas sehe", sagt Projektmanagerin Nolwazi, kriege ich das Lächeln nicht mehr aus meinem Gesicht." Benachteiligten Kindern aus den Slums eine bessere Zukunft aufzuzeigen, und sei es nur ein Hoffnungsschimmer auf ein würdigeres Leben, ist für die 36-Jährige mehr Berufung als Beruf. Und der ist ein Fulltime-Job. Vier Gruppen mit je 50 Kindern und Jugendlichen, darunter 20 Mädchen - geschundene Seelen allesamt -, haben für ein paar Nachmittage in der Woche ein neues Zuhause gefunden. Sie sind Dolphins, Seals, Sharks oder Girls und wollen nur eines: verstanden werden. "Surfen und die Wellen des Meeres sind für sie die beste Therapie", sagt Nolwazi.

Zwischen den drei mit Graffiti besprühten Containern, die als Trutzburg gegen den Wind ein U bilden, geht es zu wie auf einem Ameisenhaufen. Die Mädchen haben Spaß beim Seilhüpfen, daneben rangeln freundschaftlich ein paar Jungs. Andere waschen ihre schwarzen Neoprenanzüge aus, um sie dann so ordentlich im Container aufzuhängen, wie die bunten Surfboards aneinandergereiht dort stehen. Ein paar Meter entfernt verfolgt Tim Conibar lächelnd das bunte Treiben. Der 34-Jährige hatte die Idee zu "Wave for Chance", um damit emotional oder psychologisch traumatisierten jungen Menschen zu helfen. Einer der ersten, die er vor drei Jahren damit erreichte, ist der 24-jährige Apish Tshetsha, heute sein Projektleiter. "Als ich Apish zum ersten Mal traf", erzählt Tim, "war er verzweifelt und arbeitslos. Jetzt ist er ausgebildeter Jugendarbeiter."

Erfolge wie diese sind es, welche die Idealisten und vielen freiwilligen Helfer der Laureus-Projekte antreiben und sie merken: "Sport for Good" wirkt - auch in der Schule. Über 1.000 Schüler, durchschnittlich sieben Jahre alt, nehmen inzwischen in drei Schulen rund um Kapstadt am 1997 gegründeten Healthnutz teil, einem Sport-Förderprogramm für benachteiligte Kinder. In der Dennegeur Primary in Strandfontaine dürfen sich deshalb jetzt auch Vorschulkinder zwischen vier und sechs Jahren austoben. Wettrennen, Balancieren, Ball spielen - es ist nichts Spektakuläres, was die Kleinsten tun. Aber es ist etwas Besonderes, wie leidenschaftlich sie es tun. Weil es ihnen ermöglicht wird.

Südafrika ist ein wunderschönes Land. Wer dorthin reist und interessiert ist zu erfahren, wie durch Initiativen wie "Sport for Good" die Narben der Apartheid gemildert werden, der sollte sie einmal besuchen, die Skater, die Surfer, die Vorschulkids. Allein schon das Gefühl, Aufmerksamkeit zu bekommen, ist für sie etwas ganz Besonderes. Wer sie ihnen schenkt, wird dafür das schönste Souvenir der Welt erhalten: Kinderlachen.

Weiter Informationen über die Laureus Sport for Good Foundation in Südafrika: www.laureus.co.za./projects/