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22/03/2016 19:00 CET | Aktualisiert 23/03/2016 04:34 CET

Wie sich Lebensformen verändert haben

Winter, Washington state.
sarahwolfephotography via Getty Images
Winter, Washington state.

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Obwohl Anne und Georg nicht verheiratet waren und auch nicht zusammenlebten, freuten sie sich sehr, als Anne schwanger wurde. Anne erinnerte sich noch genau, wie Georg ihre Sorgen vertrieb. »Ein Kind ist doch ein großes Geschenk«, hatte er gesagt. Dann, schon während der Schwangerschaft, entwickelten sich die Dinge aber zunehmend in eine andere Richtung. Zuerst nahm Anne den Wandel bei Georg gar nicht wahr. Sie war es gewohnt, für alles selbst verantwortlich zu sein, sie war einer jener Menschen, die keine Hilfe brauchen. Doch als Maja zwei Monate zu früh auf die Welt kam und Anne selbst an einem Virus erkrankte, merkte sie langsam, dass Georg keine Stütze war. Während der Schwangerschaft benahm er sich so, als würde er an einer für Embryos ansteckenden Krankheit leiden, nach der Geburt war er bis auf ein paar Wochen einfach abwesend – in jeglicher Hinsicht. Anne konnte ihn nicht erreichen, weder per SMS noch am Telefon. Manchmal schickte er eine SMS-Botschaft, »Hoffe es geht euch gut«, »Wünsche euch eine gute Nacht«. Nur, sich selbst vom Wohlbefinden seiner kleinen Tochter überzeugen oder das Seine dazu beitragen, das tat er nicht. Allmählich schwanden Annes Hoffnungen, und ihr Traum von einer glücklichen Familie wich der Bewältigung ihres schwierigen Alltags – allein mit einem Frühchen und ohne ausreichende finanzielle Mittel. Dabei hatten sie und Georg sich damals für das gemeinsame Sorgerecht entschieden. Anne hätte so gern so vieles mit ihm besprochen. Ob Maja nicht ein wenig spät dran war mit dem Gehen, ab wann Maja andere Kinder zum Spielen brauchte, wie er zu Waldkindergärten stünde und so weiter. So hatte sie sich das gemeinsame Kindergroßziehen vorgestellt – damals, als Georg ihre Schwangerschaft willkommen geheißen hatte. Nun hatte sie nur noch das gemeinsame Sorgerecht – und das half ihr nicht weiter.

Es war schon immer so, dass Frauen in Zwickmühlen geraten können, wenn sie ein Kind bekommen. Anne steckt in einer Lebenssituation, die vor zwei bis drei Generationen außergewöhnlich und kaum zu bewältigen gewesen war. Sie wäre sozial aus gegrenzt worden und hätte mit schier unüberwindbaren existenziellen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt.

Im 19. Jahrhundert hätte sie wahrscheinlich ein Schicksal wie Fantine in Victor Hugos »Les Misérables« erlitten, die ihr unehelich geborenes Kind abgeben muss und selbst auf der Straße landet. Und doch: Auch heute haben es Mütter oft nicht leicht.

Die Lebenssituation, in der sich Anne wiederfindet, können wir nur verstehen, wenn wir uns bewusst machen, wie sehr sich unsere Lebensbedingungen verändert haben und wie stark sich das – positiv und negativ – auf das Zusammenleben und das Wohlbefinden von uns allen auswirkt. Was ist geschehen?

Bis vor etwa drei Generationen – und in manchen Kreisen bis heute – war unsere Gesellschaft von einem traditionellen Familienbild geprägt, das tief in der Bevölkerung verankert war und im weitesten Sinn mit Geborgenheit gleichgesetzt wurde. Ein Eckpfeiler dieses Familienbilds war: Die Eltern bleiben ein Leben lang zusammen.

Ehe war früher viel kürzer

Bis dass der Tod euch scheidet, hieß es dann auch am Traualtar. Nur dauerte das Leben und damit auch die Ehe für gewöhnlich viel kürzer als heute. Bis weit ins 19. Jahrhundert betrug die durchschnittliche Lebenserwartung lediglich 45 Jahre und manche Mütter starben bereits im Wochenbett. Da fehlte oft schlicht die Zeit, um sich auseinanderzuleben.

Hinzu kam, dass die vielen Kinder nicht allein von den Eltern betreut wurden. In der Schweiz brachten die Mütter im Mittel fünf Kinder zur Welt. Die Familien waren in Lebensgemeinschaften aus Verwandten und Nachbarn eingebettet, die ihnen ein Netz gegenseitiger Unterstützung, aber auch gegenseitiger Abhängigkeit und hoher sozialer Kontrolle bescherten.

In den Dörfern und städtischen Wohnquartieren lebten die Menschen über Generationen hinweg zusammen. Die Kinder hatten während ihrer Kindheit verlässliche Beziehungen zu verschiedenen Erwachsenen, die ihnen Bezugsperson und Vorbild waren. Sie bekamen den Arbeitsalltag der Eltern und anderer Erwachsener mit und wurden häufig in deren Tätigkeiten miteinbezogen.

Außerdem wuchsen die Kinder mit Geschwistern und anderen Kindern unterschiedlichen Alters auf. Sie erlebten die Erziehung und den Umgang mit Kindern hautnah in der eigenen und in anderen Familien. Sie wurden von älteren Geschwistern beaufsichtigt und übernahmen Verantwortung für jüngere Kinder.

Durch all diese vielfältigen Beziehungserfahrungen wurden sie sozialisiert und erwarben sich soziale Kompetenzen und Wertvorstellungen. Wir wollen die damaligen Verhältnisse nicht schönreden. Die materielle Armut und die soziale Not waren groß, aber die Form des Zusammenlebens war weitaus beziehungsintensiver.

Ein junges Phänomen

Die Anonymität der modernen Massengesellschaft mit all ihren Freiheiten, aber auch ihrer sozialen Kälte ist historisch gesehen ein junges Phänomen. Die Lebensweisen unserer Vorfahren in den vergangenen 50 000 Jahren prägen nicht nur unser traditionelles Familienbild, sondern vor allem auch unser Bindungs- und Beziehungsverhalten.

Um 1900 lag die Scheidungshäufigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz noch unter 5 Prozent. Bis 1960 stieg sie langsam auf 15 Prozent an und liegt nun je nach Bundesland zwischen 40 und 50 Prozent. In den Großstädten wird jede zweite Ehe geschieden.

Etwas mehr als 150 000 Kinder in Deutschland und etwa 12 000 bis 15 000 Kinder in Österreich und der Schweiz erleben jährlich die Scheidung ihrer Eltern, das heißt etwa jedes fünfte Kind. Berücksichtigt man auch noch die Kinder aus getrennten nichtehelichen Partnerschaften, so wachsen 25 Prozent aller Kinder in unvollständigen Familien auf.

1999 lebten in Deutschland etwa 850 000 von insgesamt 15,3 Millionen Kindern in Stieffamilien, das ist jedes fünfte Kind (DJI Bulletin 2010). Auch die Statistiken werden durch die Vielfalt der Familienformen immer unübersichtlicher.

Neben der Zunahme an Scheidungskindern und den vermehrten Ein- oder Zweikindfamilien kommt es immer häufiger vor, dass Frauen später Kinder bekommen. Früher wurden Kinder schicksalhaft geboren, oftmals zu viele und unerwünscht. Sie waren für ihre Mütter eine große Belastung, uneheliche Kinder wurden den Frauen häufig weggenommen. Heute haben Frauen die Wahl.

Schätzungsweise 80 Prozent aller Kinder sind Wunschkinder, vorausgegangen ist also die bewusste Entscheidung für ein Kind. Einerseits ist das ein großes Glück, denn die meisten Kinder sind heute willkommen und werden als Lebensbereicherung empfunden.

Das Dilemma der Wahlfreiheit

Andererseits bringt diese Wahlfreiheit viele junge Frauen in ein Dilemma. Wofür sollen sie sich entscheiden: Ausbildung und Karriere, Familie und Kinder oder beides? Eine verständliche Auswirkung davon ist, dass viele Frauen eine Schwangerschaft immer weiter hinausschieben.

Die Hälfte der Mütter ist bei der Geburt ihres ersten Kindes über 30 Jahre alt. 40 Prozent der Akademikerinnen und 80 Prozent der Frauen in Toppositionen haben gar keine Kinder – ihre männlichen Kollegen dagegen schon.

Ist das Kind endlich geboren, wird es leider nicht einfacher. Die Mehrheit der Mütter leidet unter der Doppelbelastung von Familie und Berufsleben. Und die Männer sind verunsichert – in der Familie und zunehmend auch in der Arbeitswelt.

Die Problempalette beider Geschlechter erschwert die Familiengründung und das Zusammenleben in der Kleinfamilie. Nach einer Trennung und Scheidung wird sie zu einer zusätzlichen Belastung für beide Elternteile. Denn wie Mutter und Vater ihre Prioritäten setzen, wirkt sich unmittelbar auf die Kinder aus.

Wie geht die Mutter mit der erhöhten Doppelbelastung nach der Trennung um, ohne dass die Kinder darunter leiden? Ist der Vater bereit, beruflich zurückzustecken, um die Beziehung zu seinen Kindern zu erhalten, oder sind ihm seine Karriere und eine neue Partnerschaft wichtiger?

Der gesellschaftliche Wandel ist dramatisch, und die Anforderungen an die Eltern sind groß. Wir sollten die neuen Lebensbedingungen als eine Herausforderung annehmen, neue, erstrebenswerte Formen des Zusammenlebens zu finden.

Anlass zu Hoffnungen gibt: Nie in der Geschichte gab es für Familien eine ähnlich große gesellschaftliche Unterstützung, nie wurden Kinder so ernst genommen wie heute, nie wurde derart viel in die Erziehung und die Bildung von Kindern investiert.

Wir haben die traditionellen Familienstrukturen verlassen, doch trotz der Vielfalt moderner Lebensformen fehlt es oft noch an einem stabilen familiären Miteinander für Kinder. Menschen sind zutiefst soziale Wesen. Ohne verlässliche soziale Beziehungen ist unser psychisches Wohlbefinden in Gefahr.

Dazu gehört unverzichtbar, dass wir als Eltern den Kindern die emotionale Sicherheit bieten, auf die sie in ihrer Entwicklung angewiesen sind. Die Elternschaft muss – unabhängig davon, wie das partnerschaftliche Zusammenleben gestaltet wird – immer gewährleistet sein. Die Überzeugung muss sich durch setzen: Eine Partnerschaft kann aufgelöst werden, die Elternschaft hingegen nie.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Glückliche Scheidungskinder. Was Kinder nach der Trennung brauchen von Remo H. Largo und Monika Czernin

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Remo H. Largo, geboren 1943 in Winterthur, war bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Kinderheilkunde und leitete fast drei Jahrzehnte die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich. Er ist selbst Vater von drei erwachsenen Töchtern. Seine Bücher "Babyjahre", "Kinderjahre", "Schülerjahre" und "Jugendjahre" sind allesamt Bestseller.

Monika Czernin, 1965 in Klagenfurt geboren, studierte Pädagogik, Politikwissenschaft, Philosophie und Publizistik in Wien und arbeitete schon während des Studiums für den österreichischen Rundfunk (Radio). Später für das ORF-Fernsehen. Anschließend ging sie als Kulturredakteurin zur österreichischen Tageszeitung die »Presse«. Seit 1996 lebt sie als freie Autorin und Journalistin in München.

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