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21/03/2016 15:16 CET | Aktualisiert 21/03/2016 15:20 CET

Ich wünschte, alle Menschen wüssten diese vier Dinge über Depressionen

Depressionen sind ätzend.
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Depressionen sind ätzend.

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Depressionen sind ätzend.

Sie sind der Vampir unter den Krankheiten. Sie lauern im Verborgenen und warten nur darauf, zuzuschlagen. Du hörst sie nicht kommen. Dafür sind sie zu schnell und zu listig. Sie versenken ihre Zähne in deiner Psyche, saugen deine Zuversicht aus, deine Energiereserven und dein Selbstwertgefühl.

Du bist machtlos, denn du kannst es nicht verhindern. Hat es dich einmal in seinen Klauen, wirst du nie wieder der Mensch sein, der du einmal warst.

Du wurdest 'verwandelt'. Dein erstes Gefühl sagt dir: Behalte es für dich, niemand darf es erfahren.

Du versuchst krampfhaft, dich anzupassen, denn deine Grundbedürfnisse haben sich verändert. All die Dinge, die du früher einmal gern gemacht hast, sind durch das ‚True Blood' (dt. ‚Wahres Blut', nach der gleichnamigen US-Fantasyserie) ersetzt worden, das in den Mauern deiner Komfortzone weilt.

Die Sonne brennt vom Himmel. Die Dunkelheit ist dein Spielplatz.

Du würdest so gerne mit jemandem darüber reden - es ist nur so verdammt schwierig. Also leidest du still vor dich hin...

Sie verstehen dich einfach nicht.

...

Es ist höchste Zeit, diese Ignoranz abzubauen und ein paar Wahrheiten darüber zu verbreiten, was Depressionen sind, was sie mit uns machen und was wir gegen sie tun können.

Schauen wir uns zunächst einmal die vier größten Mythen an, auf die ich bis jetzt in meinem Leben gestoßen bin.

1. Es ist eine ‚psychische' Erkrankung, also ist es nichts Ernstes

Eines der Hauptprobleme, mit dem viele von uns zu kämpfen haben, ist jenes Stigma, das uns anhaftet, wenn wir zugeben, dass wir Hilfe brauchen. Unsere Erkrankung ist nicht sichtbar - verborgen in den Tiefen unseres Geistes. Man sieht sie nicht, hört sie nicht und der einzige Hinweis auf deren Existenz ist, wenn wir uns dazu entscheiden, anderen davon zu erzählen.

Jemandem, der sich das Bein gebrochen hat, spenden wir Mitleid, denn wir können seinen Schmerz nachempfinden. Für einen Krebspatienten empfinden wir Mitgefühl, denn seine Angst vor dem Tod können wir nachvollziehen. Verdammt nochmal! Jemand mit Schnupfen bekommt Mitgefühl, weil wir seinen Schnodder nicht überall haben wollen.

Depressionen aber? Sie sind ein Gespenst. Menschen können behaupten, dass es sie gibt, aber wo ist der Beweis dafür?

Es macht keinen Unterschied, ob der Auslöser ein lebensveränderndes Ereignis, eine chemisches Ungleichgewicht oder einfach nur ein Gemütszustand ist - wir sind materiell; jede einzelne Zelle in unserem Körper ist Materie.

Jemandem mit einem Herzleiden würde man nicht sagen, dass seine Erkrankung nicht real ist, da sie nur ein Organ beeinträchtigt. Warum wird eine psychische Erkrankung dann anders behandelt?

Sie tötet eine Unmenge an Menschen. Wie kann man das NICHT ernst nehmen?

2. Menschen, die unter Depressionen leiden, können sich ‚einfach zusammenreißen'

Jeder, der schon einmal unter Depressionen gelitten hat, kennt diese immer währenden Worte. Dass das frustrierend ist, ist noch milde ausgedrückt - es macht nicht nur wütend, es ist geradezu verstörend - und das zeigt, dass die Person, mit der du gerade sprichst, absolut keine Ahnung davon hat, was du momentan durchmachst.

Was noch mehr Sorgen bereit: Das wird sie auch nie.

Ich vergleiche das Gefühl oft mit dem Versuch, unter Wasser zu rennen. Man kann es so oft probieren wie man will, aber es gibt eine Grenze, wie schnell man sich bewegen kann. Es ist erdrückend, es zieht dich nach unten, es ist einfach... da. Und es gibt nichts, was man sofort dagegen tun könnte.

Klar - wir können uns Hilfe suchen, Mittel dagegen einnehmen (falls man sich für diesen Weg entscheidet) und an unserer Denkweise arbeiten. Das bedarf jedoch Zeit und Mühe. Das hat sicher nichts mit 'zackig' zu tun.

Ich erinnere mich noch an einen Morgen vor ein paar Jahren. Ich fühlte mich als wäre ich in einem elektrischen Kraftfeld gefangen. Jeder Versuch, mich zu bewegen, wurde von meinem Körper mit einem sprichwörtlichen Stromschlag erwidert. Ich saß auf meinem Bett, wollte mich bewegen, konnte aber nicht.

Ich meine, ich konnte mich BEWEGEN, ich konnte mich jedoch nicht dazu überwinden, eines der Ziele, die ich mir für diesen Tag gesetzt hatte, zu verfolgen. Ich saß gefühlte Stunden da - ich hätte auch unter Wasser sein können. Das Leben erschien mir so... langsam.

„Komm schon. Klapp einfach den Laptop auf. Wenn du das geschafft hast, beginnst du zu schreiben. Du schaffst das schon."

Es schien so simpel und das war es auch. Aber es war nicht leicht. Es war eines der schwierigsten Dinge, die ich jemals tun musste. Dieser einfache Akt des Laptopöffnens - etwas, das die meisten Menschen als selbstverständlich wahrnehmen würden, lag jenseits meiner Möglichkeiten.

Ich war einfach nicht in der Lage, mich zu bewegen. Also ging ich zurück ins Bett.

Für einige Menschen ist dies leider ihr komplettes Leben - rund um die Uhr. Früh aus dem Bett aufzustehen ist eine größere Herausforderung als einen Marathon zu laufen.

Reiß dich zusammen? Ich reiß mich zusammen, wenn du heute eine übermenschliche Tat vollbringst.

3. Du kannst doch nicht an Depressionen leiden, wenn es nichts gibt, über das du traurig sein könntest'

Vielen Menschen fällt es schwer, das zu begreifen. Wenn man nie unter Depressionen gelitten hat, ist es einfach, davon auszugehen, dass dies immer nur mit der Lebenslage desjenigen Menschen zu tun hat. Reiche und erfolgreiche Menschen sind glücklich, während sich Arme im Selbstmitleid suhlen und ihren unerfüllten Träumen hinterherweinen.

Aber so ist es nicht immer.

Studien haben gezeigt, dass das Maß an Glück auf der gesamten Welt ziemlich gleich ist. Freude und Trauer sind flüchtige Emotionen und wir kehren nach einer bestimmten Zeit immer auf unser Ausgangsniveau zurück. Sind dein Startpunkt jedoch Depressionen, kann kein Geld der Welt das ändern. Wie ich bereits oben erwähnte: Es ist eine Erkrankung und bedarf daher einer Behandlung und Hilfe - tief in die Tasche greifen hilft hier nicht weiter.

Depressionen machen keinen Unterschied. Es ist nicht wichtig, wie hoch dein Kontostand ist oder welches Auto in deiner Garage steht. Deine Errungenschaften und Erfolge sind vollkommen bedeutungslos, denn wenn sie dich treffen, dann ohne Erbarmen.

Sie sind wie der Terminator, aber etwas raffinierter... und mit viel weniger Leder.

Wie lautet die übliche Antwort der Allgemeinheit, wenn ein Filmstar oder ein Sportler zugibt, an Depressionen zu leiden?

„Was für ein Witz. Wie kann er/sie an Depressionen leiden - mit Millionen auf dem Konto? Nimm dich zusammen. Es gibt eine Menge Leute, die gerne an deiner Stelle wären."

Das Ausmaß an offenbarter Ignoranz ist erstaunlich. Wenn du das gerade liest und schon einmal etwas Ähnliches geäußert hast, schlag dir bitte mal ins Gesicht.

Wir sind alle Menschen - das macht uns verletzbar.

4. Man braucht einen Arzt, der einem bestätigt, dass man unter Depressionen leidet

Das wurde mir in der Vergangenheit schon ein paar Mal an den Kopf geworfen.

„Aber woher weißt du denn, dass du an Depressionen leidest? Warst du schon beim Arzt?"

Versteh mich nicht falsch. Ärzte sind in diesem medizinischen Spaß ziemlich gut. Nachdem sie ihre Jugend hinter den dicken Mauern der Universität verbracht haben, würde man vermuten, sie wüssten das eine oder andere über den menschlichen Körper. Bis zum heutigen Tage habe ich jedoch noch keinen getroffen, der mir mit der Kraft seiner Gedanken einen Hirnscan verabreichen konnte.

Na klar haben sie ein Blatt Papier mit einer Liste an Symptomen und einen coolen USB-Stift, mit dem sie diese abhaken können, aber ob sie bei dir Depressionen feststellen oder auch nicht ist meistens reine Spekulation.

Nun ja, weißt du was?

Derjenige, der sich wie ein Häufchen Elend fühlt, muss nicht raten. Er weiß, wie er sich fühlt. Es existiert und quält ihn Stunde um Stunde, Tag um Tag.

Ein Arzt kann dich in die vage Welt der Medikamente einführen - wie du dich fühlst, braucht er dir jedoch nicht zu sagen. DU erzählst ihm, wie du dich fühlst. DU berichtest ihm, dass du an Depressionen leidest, nicht andersrum.

Verändere deine Gedanken, verändere ihre Welt

Die Menschen leiden still, denn sie fürchten, nicht ernst genommen zu werden. Sie haben Angst, ihren Job, ihre Freunde und ihre Würde zu verlieren. Wenn du nicht wirklich nachvollziehen kannst, was Depressionen sind, dann bist du einer der Glücklichen.

Doch jemand, den du kennst, macht das gerade durch. Es ist eine ernstzunehmende Erkrankung. Sollte sich dir jemand anvertrauen - biete diesem Menschen bitte all deine Hilfe und Unterstützung an, die du geben kannst.

Du könntest ihm sprichwörtlich das Leben retten.

Wenn du auch das Gefühl hast, dass die Menschen um dich herum nicht verstehen, was du oder deine Lieben gerade durchmachen, dann teile diesen Artikel auf deinen sozialen Medien.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post UK erschienen und wurde von Janine Pecher aus dem Englischen übersetzt.