POLITIK
21/03/2016 18:14 CET

Berlin: 24 Stunden Kottbusser Tor

dpa

Anwohner, Dealer und Junkies haben am Kottbusser Tor in Berlin Jahrzehnte in friedvoller Koexistenz verbracht. Jetzt droht das Klima zu kippen.

8 Uhr

Morgendliches Zwielicht, Vögel zwitschern. Ein grauhaariger Mann trinkt Kaffee in seinem Auto im Halteverbot, wirft den Becher aus dem Fenster und fährt. Ein spanisches Pärchen, Biere in den Händen, fragt einen Passanten, ob er ein Foto von ihnen schießen kann. Polizei und Krankenwagen rasen mit Blaulicht und Sirene über den Kreisverkehr, während auf der Mittelinsel ein Obdachloser an die Wand pinkelt.

Der Gemüsehändler schaut kurz auf, als eine ältere Dame wirr über die Straße schimpft, sortiert dann weiter seine Ware. Unter den Piss-Abwehr-Blechen in den Ecken der verwinkelten Gassen des Neuen Kreuzberger Zentrums stehen große Lachen Urin.

Was jetzt noch eine schräge aber durchaus heimelige Sozialromantik besitzt, wird nach Presseberichten jeden Abend zur No-Go-Area. Das Kottbusser Tor ist Kreuzbergs Kriminalitäts-Hotspot. Das stadt- und deutschlandweit bekannte Symbol für das Zusammenleben und Zusammenwachsen verschiedener Kulturen steht vor einer neuen Herausforderung, die den jahrzehntelang erkämpften sozialen Frieden kippen könnte.

Der Kotti war nie ein Ort der Glückseligen. In den Wohnblocks ist die Armut groß, auf den Freiflächen in der Mitte treffen sich Obdachlose, Trinker, Junkies, Dealer. Doch das Soziotop Kotti funktionierte erstaunlich gut, man hatte sich arrangiert. Bis Mitte 2015 eine neue Dimension der Kriminalität auftrat: Aggressive Jugendbanden, die Handys und Portemonnaies stehlen, dabei auch Fäuste, Pfefferspray und Messer einsetzen.

775 Taschendiebstähle gab es hier 2015, viermal mehr als 2013. Die meisten Opfer sind Touristen und Partygänger. Anfangs wirkt die Situation fröhlich, die Opfer werden abgelenkt, umarmt, angetanzt. Dann geht ein Griff in die Tasche. Bei Gegenwehr setzen sich die Täter mit Gewalt durch: Raubüberfall. 80 davon wurden 2015 am Kottbusser Tor angezeigt. Die Zahl der Drogendelikte hat sich von 2014 auf 2015 verdoppelt. Das alles geschieht auf einer Fläche von etwa 200 mal 200 Metern, deren größter Teil vom zweispurigen Kreisverkehr und dem Hochbahnabgang eingenommen wird.

Die Anwohner sind beunruhigt, haben sich mehrfach an die Politik gewandt. Geändert hat sich wenig.

Die Polizei patroulliert sporadisch, denn eigentlich sind die Kreuzberger Funkwagen auch so schon im Dauereinsatz. Das Personal ist kaputtgespart worden, wie in ganz Berlin. Tanja Knapp, Leiterin des für Kreuzberg zuständigen Polizeiabschnitts, sagt: „Der Kotti ist seit Anfang 2016 unser absoluter Schwerpunkt. Wenn wir irgendwelche Kräfte frei haben, sind wir dort.

Die Taschendiebstähle sind dadurch zurückgegangen, die Zahl der Raubstraftaten blieb hoch.“ 8 Minuten dauert es in Berlin im Schnitt bis die Polizei nach einem Notruf eintrifft, 6,7 Minuten in Kreuzberg. Und doch bejammern viele Gewerbetreibende und Bestohlene, dass die Polizei bis zu 30 Minuten brauche, sofern sie überhaupt komme.

Wenn mal wirklich viele Einsatzstunden am Kotti geleistet werden, dann von kiezfremden Hundertschaften, die zu Razzia-ähnlichen Einsätzen ausrücken. Nur Minuten nach deren Abzug gehen Diebstähle und Drogenhandel weiter. Viele Gewerbetreibende haben Pfefferspray oder schwere Schlagwerkzeuge unterm Tresen stehen. Sie spazieren am Wochenende abends durch die Gassen rund um den Kreisverkehr, warnen sich per Telefon, wenn eine Bande durch den Kiez zieht.

9 Uhr

Ein Feuerwehrwagen durchrast mit Sirenengeheul den Kreisverkehr. Im Kaiser’s gehen vor allem einzelne Biere über das Band. Eine U-Bahnstation weiter: Schönleinstraße. Ein Pulk Süchtiger. Verbrauchte Gesichter, tief hängende Lider. Zwei Passanten, die dort ebenfalls warten, fallen auf. „Kennt die einer von euch?“, ruft ein Mann mit brauner Lederjacke und grauem Irokesenschnitt, zum Zopf gefasst.

kotti

Er bietet den Neuen seine Drogen an: „Echte Steinshore, 20 Prozent, richtiges Heroin, nicht dieser Dreck. Los schnell, gleich kommt die Konkurrenz, und das ist doch deren Revier“. Dann eilt er mit seinen Kunden die U-Bahn-Treppen nach oben. „Wir sehen uns gleich am Kotti“, ruft einer hinterher und versucht telefonisch den regulären Dealer zu erreichen. Der dirigiert die übrigen Wartenden an den U-Bahnhof Moritzplatz.

9:50 Uhr

Am Kottbusser Tor stehen Junkies in einer Traube um den U-Bahn-Eingang. Nachdem sie versorgt sind, belebt sich ihr „Medikamenten-Marktplatz“ vor dem Casino 36, an dem sie Substitutionsmittel und andere Downer verkaufen und untereinander tauschen.

Das Kottbusser Tor ist nicht nur einer von rund 20 Kriminalitäts-Hotspots in Berlin, an denen die Polizei anlassunabhängig jeden durchsuchen darf, sondern auch ein vielgerühmter Modellbahnhof für Videoüberwachung. Mindestens 63 Kameras überwachen die zwei Ebenen. Trotzdem findet ein großer Teil der Diebstähle, Raubtaten und des Drogenhandels in der U-Bahn, auf den Bahnsteigen, in den Korridoren und Aufgängen statt.

Frau Igde bekommt in ihrem unterirdischen Blumenladen viel davon mit. „Nach einer Festnahme sind die Täter sofort wieder da“, sagt sie. Meist reichen die Anschuldigungen nicht für eine Untersuchungshaft. Für die Täter, viele in autoritären Staaten sozialisiert, wirkt das wie Anarchie.

Ein Polizist, der in der Kreuzberger Brennpunktstreife gearbeitet hat, sagt: „Die sind arrogant. Wenn sie uns sehen, gehen sie kurz weg, danach kommen sie wieder. Wollen wir jemanden festnehmen, gibt es oft Widerstand, auch mit Waffengewalt.“

10:45 Uhr

Auf der West-seite des Kottbusser Tors
liegen leere Blister Vali
um. Eine Klassenfahrt
zieht daran vorbei. Für
einige Anwohner sind sie, die Touristen, die Schuldigen. Nicht nur am Müll und Lärm oder der Gentrifizierung, die hier mit heftigen Mietsteigerungen durch die Häuser bläst, sondern auch für den Anstieg der Kriminalität.

Die Kreuzberger Abschnittsleiterin Tanja Knapp sagt: „Die Touristen kommen her, weil sie was erleben möchten. Sie haben Geld dabei und oft Alkohol intus. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen, macht sie aber zu leichteren Opfern.“ Geklaut und geraubt wird auf der gesamten Touristenmeile zwischen RAW-Gelände und Kottbusser Tor.

Eine Sonderabteilung mit 30 Beamten, die ursprünglich den Drogenhandel im Görlitzer Park in den Griff bekommen sollte, ist jetzt für alle diese Brennpunkte zuständig. So wie sich auch der Cannabishandel seit dem härteren Vorgehen im Görli über diesen gesamten Streifen verteilt.

11 Uhr

Zwei Betrunkene tragen einen technospielenden Gettoblaster die Stufen hinauf, vorbei an drei Roma-Frauen, die mit fünf Kindern am U-Bahneingang betteln. Oben fragt ein junger Mann: „Haschisch?“, „Fünfer“, antwortet der Kunde.

Der fürs Ansprechen zuständige holt einen Kleinstdealer, der beißt ein Stückchen von einer daumendicken Stange ab, Ware wird gegen Geld getauscht. Im Hintergrund tanzt ein Mann im weißen Anzug und Hut auf einer Telefonzelle, Leon heißt er. Als die Polizei ihn herunterdiskutiert hat, ruft er „Ich hole den Innenminister!“ und zieht ab.

12:20 Uhr Uhr

Paul Müller sitzt an der Rezeption seines Hostels direkt auf dem Platz, im Winter hatte er 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufgenommen. Die zuständige Behörde hat sie inzwischen in eine Massenunterkunft am Leopoldplatz gesteckt, weil es am Kotti zu gefährlich sei. Die meisten seiner jetzigen Gäste sind nicht der Lage wegen hier, sondern weil es günstig ist. Fast jeder zweite bekomme das Portemonnaie geklaut.

„Wer hier feiern geht, wird abgezogen“, sagt Müller. Er hat einen Baseballschläger hinter der Theke, den ihm die Vorbesitzer da gelassen haben, als eine Art Grundausstattung. Müller nimmt auch an den Kiezpatrouillen teil, aber: „Wir sind vielleicht fünf Leute und zwei davon alt – was könnten wir schon tun, wenn da eine Bande von 10 oder 20 kommt?“

12:45 Uhr

Herr Yildiz aus dem Handyladen unter Müllers Hostel sagt: „Touristen trauen sich hier nicht mehr rein, wir haben 40 Prozent Umsatzverlust. Die Neuen hier am Platz sind nicht so friedlich wie die Junkies und Dealer. Die haben keinen Respekt.“ Die Polizei spricht von einem neuen Täterprofil, viele kämen aus den Maghreb-Staaten Tunesien, Algerien, Marokko und Libyen.

Es ist ein Argument, dass zur rassistischen Nutzung einlädt, selbst am multinationalen Kottbusser Tor hat es schon gewirkt. Einer der fast ständig anwesenden Kleindealer, ein 18-jähriger Libanese, sagt: „Wenn man alle Tunesier hier wegschaffen würde, gäbe es keine Probleme mehr.“ 30 Meter weiter und eine Treppe hoch, findet sich einer, der die Problemlage differenzierter sieht.

13 Uhr

Cafe Kotti, bester Blick auf den Platz. Ercan Yasaroglu, Eigentümer und Sozialarbeiter, ist 1982 aus der

Türkei nach Deutschland gekommen. „Als Flüchtling bist du hier nichts. Du musst neu in die Gesellschaft reinwachsen, mit dem Ziel, Bürger zu werden.“

Yasaroglu geht davon aus, dass viele derer, die am Kotti gerade für Probleme sorgen, eigentlich in Frankreich registriert sind. „Nach dem Angriff auf Charlie Hebdo sind viele kriminelle Migranten und Islamisten hier her gekommen, weil die Polizei in Frankreich hart gegen sie vorging. Einige behaupten, sie seien Gaddafis Söldner gewesen.

Die schreien zum Spaß ‘Allahu Akbar’, um den Menschen Angst zu machen. Die kommen hierher, um unsere Gesellschaft auszurauben.“ In dem Moment laufen drei junge Männer auf dem frei zugänglichen Balkon vor dem Café entlang. „Hier, das sind die Arschlöcher, die teilen jetzt ihre Beute auf“.

Ein Stückchen weiter stehen zwei Männer in schwarzen Jacken, die intensiv die Straße beobachten. „Die suchen nach Opfern“, sagt Yasaroglu. „Wenn einer Geld abhebt sagen sie per Handy den Kollegen Bescheid.“

Yasaroglu sorgt sich um seine eigene Akzeptanz in Deutschland: „Ich habe so schon mit Vorurteilen zu kämpfen, viele Touristen fragen mich nach Drogen. Wenn jetzt noch ein Anschlag passieren würde, wäre ich ein Aussätziger, wie alle Dunkelhäutigen. Ich habe gerade wirklich Angst um das Wir-Gefühl.“

Von der Politik fühlt Yasaroglu sich im Stich gelassen. „Kreuzberg ist ein alternativer Stadtteil mit einer großen linken Szene. Dem CDU-Innensenator gefällt das nicht und deswegen hat er Streit mit der grünen Bezirksbürgermeisterin. Das ist ein Krieg zwischen Henkel und Herrmann, der zu Lasten der Bürger ausgetragen wird.“

Monika Herrmann selbst hält sich derzeit bedeckt. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Kippt der Kotti?“, die einen Tag zuvor stattfand, war sie zwar anwesend, versteckte sich aber in einer der letzten Zuschauerreihen.

Dafür sprach die grüne Bezirksstadträtin Jana Borkamp auf dem Podium. Am nächsten Tag steht sie in der Mittelpunktbibliothek in der Adalbertstraße. Sie sagt: „Wir können die Probleme nicht allein lösen. Wir brauchen Hilfe: Quartiersmanagement, Stadtreinigung, Polizei und Nachbarschaft. Aber gerade die Zusammenarbeit mit der Polizei ist schwierig.

Es heißt immer: Wir Kreuzberger wollten keine Polizei im Bezirk, aber das Problem sind die Großeinsätze der Hundertschaften. Wir bräuchten konstante Präsenz, mit dem Kiez vertraute Kontaktbereichsbeamte und Zivilpolizisten.

14:30 Uhr

Ein älterer Herr auf dem Medikamenten-Marktplatz trägt ein Frauenkampftags-Schild. „Ich bin halb schwul“, sagt er. „Ist doch ok“, antwortet ein anderer. Daraufhin beugt sich der mutmaßliche Feminist vor und zischt ihm zu: „Ich sollte dir die Kehle durchschneiden.“

15 Uhr

Ein junger Mann mit Jackentaschen voller Valium-Tabletten kommt an. Große Aufregung. Ein Hipster drängelt sich vor, kauft alles auf, lässt verzweifelte Junkies zurück. Auf der anderen Straßenseite steht eine Frau und krakeelt Unverständliches.

16 Uhr

Leon, der Mann im weißen Anzug, sitzt wieder biertrinkend auf seiner Telefonzelle, Touristinnen machen Selfies mit ihm. Im Hintergrund wird Heroin verkauft. Einer spricht die Passanten an, einer kassiert das Geld, einer spuckt ein kleines Kügelchen in seine Handfläche und übergibt es. Ungefähr alle drei Minuten ein Deal.

16:45 Uhr

Draußen dämmert es, in der Bibliothek lernt Zino, 24-jähriger Flüchtling aus Nigeria, Deutsch. Über sein Handy hört er sich an, wie man es ausspricht. Eigentlich wollte er an einem Kurs teilnehmen, aber es gab für ihn keine erschwingliche Möglichkeit, weshalb er sich die Sprache seiner neuen Heimat selbst beibringt.

17:45 Uhr

Die Sonne sinkt, der Alkoholpegel steigt. Es wird voller, hektischer, der Feierabendverkehr ist in vollem Gange. Auf den Fassaden der Häuserschluchten zuckt Blaulicht.

Laut Polizeistatistik steigt die Zahl der Eigentumsdelikte jetzt stark an, erst gegen fünf Uhr morgens normalisiert sie sich wieder. Leon, immer noch im weißen Anzug mit Hut, kauft Schnaps am Bahnsteig der U8, stampft mit dem Fuß auf und brüllt: „Fick deine Mutter!“ Ein paar Meter weiter bewerfen sich Jugendliche mit brennenden Streichhölzern.

19 Uhr

Es gibt Streit auf dem Marktplatz, ein Mann im Malerkittel bleibt zurück, aus einer Kopfplatzwunde blutend versucht er, die Dokumente zusammenzusammeln, die er seit seiner Entlassung aus der JVA Plötzensee in einem Müllsack bei sich trug. Der Alkohol im Blut hindert ihn daran. Er torkelt durch den Verkehr auf der Adalbertstraße und brüllt.

19:20 Uhr

Auf den Stufen vor dem Handygeschäft sitzt ein völlig fertiger junger Mann: „Der hat mir alles abgezogen! 30 Euro und fünf Gramm! Was soll ich meinem Chef erzählen?“. Währenddessen erledigen im Kaiser’s junge Familienväter Feierabendeinkäufe.

20 Uhr

Die Atmosphäre wird aggressiver, immer wieder schallt Gebrüll über den Platz. Ein Gemüsestand schließt unter wiederholten Böllerexplosionen. Keine fünf Meter darüber, im Xara Beach: eine völlig andere Welt. Türsteher, Platzanweiserin. Schicke Pärchen auf weißen Ledersesseln, Cocktails, Wasserpfeifen.

Von der Dekadenz auf der Terrasse hat man Blick auf das Elend auf dem Platz. Drogen, Gewalt, Diebstahl, freies Urinieren. Ein Fernseh-Team baut gerade seine Kamera auf. Kurz darauf wird es unten merklich leerer.

20:30 Uhr

Die Dealer werden aufdringlicher. Drei Angebote für „Haschisch?“ auf weniger als zehn Metern. „Braunes“ wäre auch zu haben. Heroin und Cannabis haben hier seit der Vertreibung der „weichen Droge“ aus dem Görlitzer Park den gleichen Markt.

22 Uhr

Die Restaurants und Bars in der Umgebung sind voll. Durch ein Gittertor kommt man zur Paloma Bar. Wo heute Mittag noch Spritzbestecke lagen, warten jetzt Partygänger auf Einlass.

Nachts ist der Kotti ein Ort der harten Kontraste. Gefahrengebiet und Partymeile, nur getrennt durch Fenster und rund zweieinhalb Meter Höhenunterschied. Unten Kleinkriminelle, Junkies und Obdachlose beim Überlebenskampf, oben Hipster, Studenten, Touristen beim Lachen, Tanzen, Flirten.

Aber irgendwann müssen alle, die oben feiern, auch wieder vor die Tür. Ein Mittzwanziger sagt: „Die Szenerie ist geladener geworden, richtig Druck auf dem Kessel. Eine Freundin von mir wurde quer über den U-Bahnhof angeschrien: ‚Ey du, ich will ficken!‘“

23 Uhr

Auf dem Kotti ist wenig los. Ein Kamerateam scheint die vertrieben zu haben, die hier sonst so auffällig warten. Besuch am anderen Ende des Gefahrengebiets, der Warschauer Brücke und dem RAW-Gelände, „Ecstasy kostet hier zehn Euro, ich besorg’s dir für sieben!“, sagt ein sportlich gekleideter Mittzwanziger, und: „Kein Speed oder Koks auf dem Gelände kaufen.“ Vor dem RAW stehen seit neuestem Sicherheitsdienstler, im Auftrag des RAW-Vereins. „Wir haben die Revaler Straße gesäubert“, sagt ein typisch stämmiger Mitarbeiter.

Die zwei Zugänge zum Areal sind mit jeweils drei von ihnen besetzt und werden auch von der anderen Straßenseite beobachtet. Wer darf durch, wer nicht? „Wir kennen die Taschendiebe mit Gesicht“, sagt einer. Auf Nachfrage gibt er zu, dass vor allem größere Gruppen Araber draußen bleiben müssen.

Die Clubs sind neuerdings mit Funk miteinander und der Security verbunden. Überall auf dem Gelände wurden Kameras installiert, mit Lautsprechern daran. Die Security simuliert eine Durchsage: „Hey, Sie in der braunen Jacke, lassen Sie das Mädchen in Ruhe.“

23:30 Uhr

Wieder am Kotti: Rolltreppe von der U1 zur U8. Ein junger Mann in schwarzgrauer Collegejacke, circa 20 Jahre, drängelt sich zwischen zwei Personen, die Kapuze tief im Gesicht. Er hat das Opfer auf der Stufe vor sich ausgesucht. Bei einem Schubser versucht er ihm die Geldbörse aus der Hosentasche zu ziehen. Doch die hakt, da endet die Rolltreppe schon.

23:45 Uhr

Immer mehr Menschen sind unterwegs. Gruppen trinken Bier auf der Straße. Im Kaiser’s ist fast nichts mehr los. Das im Vorraum übriggebliebene Leergut lässt die Kassiererin vor die Tür stellen: „Da freut sich jemand!“, sagt sie.

24 Uhr

Von jetzt bis fünf Uhr morgens ist laut Polizeistatistik die Wahrscheinlichkeit, dass man am Kotti Opfer eines Gewaltdeliktes wird, am höchsten. Ein Streifenwagen hält am Abgang zur U8, die Polizisten hasten die Treppen hinunter und kommen nach einiger Zeit mit einem jungen Mann in Handschellen zurück, verfrachten ihn ins Auto und fahren weg.

0:30 Uhr

Paloma Bar, Techno, das internationale Partyberlin trinkt und feiert sich dichtgedrängt auf Betriebstemperatur. Ein Mann fragt: „Sollen wir noch das Koks-Taxi bestellen?“. Die Frau neben ihm antwortet: „Meinst du wirklich, Schatz?“

1 Uhr

Es ist viel Verkehr, fast alles Taxis. Ein Stockwerk tiefer: Der Bahnsteig der U8 ist voller Scherben, das Rauchverbot scheint es nie gegeben zu haben. Von den Wänden hallen dumpfe Bässe. Rund um eine Box stehen jubelnde Menschen. Einer der Musiker reicht seinen Joint weiter und sagt: „Kämpfen ist alt. Funktioniert nicht. Wir wollen dafür sorgen, dass die Menschen nett zueinander sind.“

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Mit Erfolg. Hier unten tanzen plötzlich Hipster mit Obdachlosen, Anwohner mit Dealern. Leon von der Telefonzelle räumt die Scherben von der Tanzfläche. Wenn eine Bahn einfährt, wird kurz die Musik ausgemacht. Eine dichtgedrängte, erregte Menge, keine Polizei, keine BVG-Securitys – die perfekte Gelegenheit zum Taschendiebstahl. Doch nichts passiert. Als einem tanzenden Mädchen die Handtasche von der Schulter rutscht, kommt jemand damit zu ihr und fragt: „Ist das deine?”“

1:30 Uhr

Es ist leer geworden. Zwei Streifenwagen jagen mit Blaulicht durch den Kreisverkehr. In einer Seitenstraße streiten zwei Männer. „Komm jetzt mit, wo ist das Geld?“, brüllt der eine.

2:30 Uhr

Auf der Mittelinsel steht ein Krankenwagen. Ein Taxi mit einer kollabierten Frau hält davor und übergibt die Patientin. Mit Blaulicht geht es in Richtung Urban-Krankenhaus. Im Restaurant Burgermeister stillen derweil Betrunkene ihre Gier nach Salz und Fett, ein paar Nachtschwärmer schniefen Pulver vom Tisch.

3 Uhr

Drei junge Frauen, eine davon im Minirock, biegen in eine dunkle Gasse ein. Sie gehen durch ein Spalier schwarzgekleideter, dunkelhäutiger junger Männer bis auf ein paar Pfiffe passiert nichts.

3:30 Uhr

Aufgang von der U-Bahn: Ein lautstarker Streit. Ein Betrunkener will einen Bettler angreifen. Olli geht dazwischen. Der 1,90-Meter-Mann sieht entspannt aus: „Ich habe 10 Jahre Kampfsporterfahrung. Ich glaue, du lässt ihn lieber in Ruhe.“ Olli sichert den Rückzug des Bettlers, während der Betrunkene ihn anbrüllt: „Los, komm doch her und kämpf!“

Olli sagt: „Wenn du das wirklich willst, dann lass uns lieber mal nüchtern treffen.“ Mit einem Schwall von Flüchen im Rücken verlässt er die Szenerie. „Wir müssen doch aufeinander aufpassen“, sagt er, „gerade in letzter Zeit.“

4 Uhr

Die Straßen sind tot, die Kneipen geschlossen oder leeren sich gerade. In der Fahimi Bar stehen schon die Stühle auf den Tischen, in der Paloma Bar läuft Rausschmeißermusik, blasse Gestalten strömen aus dem Treppenabgang. Das Café Kotti wird gerade abgeschlossen, nur der Dönerladen hat Hochbetrieb. Die ersten Vögel singen.

4:30 Uhr

Eine Gruppe junger Migranten, Sportschuhe, Gelfrisuren, überdrehtes Lächeln, umringt zwei Männer. Inmitten des belebten und videoüberwachten U-Bahnhofs recken sie die Arme, schwingen die Hüften, stellen Fragen. Plötzlich hat einer der Antänzer ein paar Zettel in der Hand. „Halt, das sind meine“, ruft das Opfer. Der Dieb sieht, dass sich seine Beute nicht wirklich lohnt und gibt sie zurück. Einer seiner Freunde ruft: „Hey Hassan: Zeig Respekt!“ Die Gruppe lässt von den Männern ab.

5 Uhr

Ein Mann in Cordjacke läuft durch den Bahnhof der U8, immer wieder seine langen blonden Haare aus dem Gesicht wischend, und bietet den Wartenden mit melancholischer Stimme an: „Möchtest du eine Formel mitnehmen, die aus jedem Alltagsding eine interessante Unterhaltung macht?“ Die meisten lehnen dankend ab.

6:30 Uhr

Die Häuser rund um den Kotti werden von den ersten Sonnenstrahlen erhellt. Unten wird der Müll der Nacht sichtbar, die Urinlachen. Auf den Straßen treffen Partygänger auf Frühaufsteher.

7 Uhr

Im Späti wird wieder mehr Kaffee als Bier verkauft, die Menschen sind wieder zügiger unterwegs. Der Gemüsehändler auf dem Platz richtet seine Auslagen her. Der Kotti wechselt sein Gesicht: Aus der Partymeile wird wieder ein fast normaler Verkehrsknotenpunkt.

8 Uhr

Die ersten Junkies warten schon wieder am Bahnhof Schönleinstraße auf Nachschub. Am Kotti zieht eine BVG-Kehrmaschine ihre Runden.

Die Reportage von Martin Schwarzbeck und Jens Hollah erschien als Titelstory des Berliner Stadtmagazins "Zitty".

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